Der Neue Merker

WIEN / Albertina: MARIA LASSNIG

Lassning  Plakat~1 
In der Ausstellung fotografiert,  Renate Wagner

WIEN / Albertina 7 Tietze Galleries for Prints and Drawings
MARIA LASSNIG – ZWIEGESPRÄCHE
Vom 5. Mai 2017 bis zum 27. August 2017

Der Körper ist immer da

Ziemlich genau zum dritten Todestag der am 6. Mai 2014 in Wien verstorbenen Maria Lassnig widmet ihr die Albertina eine Ausstellung der besonderen Art, die noch zu ihren Lebzeiten vorbereitet worden war. Von ihren 95 Lebensjahren (* 1919 in Kärnten) war sie gut 80 schöpferisch tätig. Höhepunkte dessen, was in dieser Zeit auf dem Gebiet von Graphik und Aquarell entstanden ist, kann man nun in der Albertina bewundern. Im Zentrum das ewig Thema der Lassnig – ihr eigener Körper.

Von Renate Wagner

Maria Lassnig     Geboren in Kärnten, ohne den leiblichen Vater aufgewachsen, entschied sich Maria Lassnig kompromisslos für den künstlerischen Weg. Schon in ihren frühen Teenager-Jahren schuf sie Selbstporträts, die sie – in stupendem Wandel der Stile – ihr Leben lang begleiten sollten. Den Beruf einer Volksschullehrerin ließ sie hinter sich, um ab 1940 an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu studieren, wo sie sich nach kurzer Rückkehr nach Kärnten auch niederließ. Dann jedoch begann ein intensives Reiseleben, das sie stets für längere Zeit in andere Welten führte – sie lebte in den sechziger Jahren erst in Paris, dann in New York, danach in Berlin, bis sie in den achtziger Jahren wieder nach Österreich heimkehrte. Während ihres gesamten Schaffens hat sie subtil auf Einflüsse der Umwelt reagiert, ohne je ihren ganz persönlichen Stil, ihr ganz persönliches Weltbild zu verleugnen.

Lassnig  Zwiegespräch~1 Das titelgebende „Zwiegespräch“

Das Körpergefühl malen   Was immer Maria Lassnig in ihrem Leben zeichnete, malte und gestaltete, eines stand ihr als Objekt ihrer Betrachtung und Gefühle immer zur Verfügung, wie sie sagte: „Das von uns bewohnte Körpergehäuse“. Diesem hat sie nun unendliche Variationen abgewonnen, wobei Kuratorin Antonia Hoerschelmann für die Albertina Ausstellung chronologisch verfahren ist. Das bedeutet die Rückblende auf die noch ganz konventionellen, der akademischen Kunstbetrachtung verpflichteten frühen Porträts, bevor sie schnell zu experimentieren begann – Kärntner Kolorismus, Wiener Informel, Pariser Tachismus (spontane Gefühlskunst). Natürlich fanden auch Kubismus, Surrealismus (ob das Selbstporträt als Zitrone, 1949, ob das Selbstportrait als Playboystuhl, 1969) Eingang in ihr Werk, wich der Realismus eine zeitlang der Abstraktion, wobei sie ihrer eigenen Thematik – dem Körper – weitestgehend treu blieb: Rar sind die Beispiele, wo sie sich in Landschaften oder Tieren versucht hat. Dass sie gerade in New York (wo dann der Begriff „Body Awareness“ aufkam) für ihre Kunst kein Verständnis fand und einen Kurs für Comic-Zeichnen belegte, um damit ihren Lebensunterhalt finanzieren – auch dafür finden sich in der Ausstellung Beispiele (wobei sie auf diesem Gebiet recht erfolgreich wurde). Dass sie bis ins hohe Alter gearbeitet hat und dann ohne weiteres zum Selbstzitat, zu eigenen Formen und Erkenntnissen früherer Jahre griff, rundet sich zum Lebenskreis, den diese Ausstellung ausschreitet.

Mit dem Zeichenstift auf den Punkt     Die Albertina-Ausstellung, die kein einziges Lassnig-Ölgemälde bietet, trifft die Künstlerin mit ihrer konzeptionellen Vorliebe für die Graphik als dem Medium von Intimität und Nähe. Wobei sie auch die Wasserfarben liebte: „Das Aquarell ist eine Liebesbeziehung“, sagte sie. Das Haus besitzt selbst 50 ihrer Werke, dazu kamen Exponate, die von der Lassnig-Stiftung geliehen wurden, sechs davon konnten auch mit Hilfe von Fundraising in den Besitz der Albertina übergehen. Diese rund 80 Werke, die später auch im Kunstmuseum Basel zu sehen sein werden, erfordern jenes genaue Hinsehen, das die Beschäftigung mit jedem Bild zum Gewinn macht – auch oder gerade wenn die Künstlerin dem Betrachter surreale Rätsel über ihre Befindlichkeit aufgibt.

Lassnig  Vati und ich~1  xxx Vati und ich

Zwiegespräch     Nicht von ungefähr hat die Albertina ihrer Ausstellung den Titel „Zwiegespräch“ gegeben. Da für Maria Lassnig der Körper eine „Sensation“ war, der den Ausdruck der inneren Befindlichkeit vermittelt, werden ihre Bilder – egal, ob Bleistiftstriche, ob koloriert, ob Aquarelle – zu Psychogrammen aller Art, zur Auseinandersetzung mit menschlichen Gefühlen, Ängsten, Unbewusstem, Unaussprechlichem. „Worüber ich nicht sprechen kann, muss ich zeichnen“, sagte sie selbst und reflektierte Geräusche, gefühlte „Körperfarben“, Schmerzen, Bedrohungen (etwa die Camera Cannibale, 1998, die zeigt, wie viel Witz sie entwickeln konnte). Interessant sind auch biographische Ansätze: Die Frau, die unehelich zur Welt kam und sich stets einen Vater träumte, hat in den sechziger Jahren „Vati“ und sogar „Vati und ich“ gezeichnet – erstmals hier zu sehen. Dass sie selbst der Kunst ein erfülltes menschliches Beziehungsleben geopfert hat, ist bekannt, und man meint auch Einsamkeit aus ihren Bildern zu spüren, die sich in oft grotesker Hässlichkeit in Seelenschmerzen eingraben….

Ehrung   Maria Lassnig hat sich zu ihren Lebzeiten (trotz vieler Ehrungen) nicht ausreichend gewürdigt gefühlt, was wohl objektiv nicht der Fall war. Jedenfalls ist diese Ausstellung eine Ehrung, wie man sie sich nur wünschen kann. Desgleichen der voluminöse, im Hirmer Verlag erschienene Katalog, der auf 240 Seiten im Großformat alle gezeigten Werke und mehr abbildet.

Albertina: Maria Lassnig – Zweigespräch
Bis 27. August 2017, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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