Der Neue Merker

WIEN / Albertina: DER FARBHOLZSCHNITT IN WIEN UM 1900

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Alle Fotos: Heiner Wesemann, in der Ausstellung fotografiert

WIEN / Albertina / Tietze Galleries: 
DER FARBHOLZSCHNITT IN WIEN UM 1900
Vom 19. Oktober 2016 bis zum 15. Jänner 2017 

Nur noch die hohe Kunst

Selten mag sich eine Ausstellung auf ihrem Weg von einer Großstadt in die nächste so verändert haben, wie es den Farbholzschnitten der Wiener Moderne um 1900 geschah. Selbst der Titel ist geändert, „Kunst für alle“ fehlt, weil die Albertina diesen Aspekt der von Tobias G. Natter kuratierten Zusammenstellung ausklammert. Hat die Schirn Kunsthalle Frankfurt den Holzschnitt dieser Epoche in der ganzen Fülle seiner Ausdrucksmöglichkeiten betrachtet, so konzentriert sich die Albertina auf die „hohe Kunst“ und auf jene Werke, die man selbst besitzt. Wie sich der Charakter des Gezeigten ändern kann.

Von Heiner Wesemann

Der Kurator     Tobias G. Natter (den man sehr gerne als nächsten Direktor des Belvederes gesehen hätte, der ideale Mann für das Haus, der aber gar keine Lust hatte, sich zu bewerben) wurde von Klaus Albrecht Schröder bei der Wiener Pressekonferenz zu „Der Farbholzschnitt in Wien um 1900“ als der Mann vorgestellt, der immer wieder „blinde Flecken“ in der Kunstgeschichte entdecken würde. Genau das hat er tatsächlich schon des öfteren unter Beweis gestellt. Dass es den Farbholzschnitt im Wien um 1900 gab, weiß man aus Zeitschriften- und Buchillustrationen, von Gebrauchsgraphik von Ex libris bis Plakaten, aber keinesfalls so breit, wie Natter das Thema für die Frankfurter Ausstellung aufgestellt hatte. Diese Fülle bleibt in Wien nur noch durch denselben Katalog präsent, ein Glanzstück des Taschen Verlags. Die Neuentdeckung des Farbholzschnitts im Wien um 1900 durch Natter macht ihn zu einem Genre für sich wie den Japanischen Farbholzschnitt oder den Holzschnitt des Expressionismus.

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Zu Beginn Beethoven    Die Ausstellung, nun Männern und hochkarätigen Kunstwerken vorbehalten, stellt von Raum zu Raum einzelne Künstler in den Mittelpunkt, wobei sich unter ihnen besonders viele Secessionisten finden. Zuerst Carl Moll mit  Wiener Stadtansichten, besonders kunstvoll, wenn er für die Darstellung des Schnees die Maserung des Papiers mit einbezieht. Die Begegnung mit seinem Zyklus der Beethoven-Häuser (elf Motive plus Titelblatt) ist nicht nur für den Wien-, sondern auch für den Musikfreund gleich im ersten Raum ein berührendes Erlebnis. Die Mappe erschien in der Wiener Werkstätte, wo auch Kolo Moser sich intensiv dem Holzschnitt widmete und wie stets extrem ornamental verfuhr.

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Buntheit und Wildheit     Sind die Werke Molls in gedämpften Farben und von ausgewogener Harmonie, so zeigt Ludwig Heinrich Jungnickel das, was der Saaltext zurecht „Die wilde Schönheit der Exotik“ nennt. Er hat 1909 Tiere in Schönbrunn – ob Tiger, ob Vögel – in entsprechender Stilisierung, aber höchster Ausdruckskraft bunt und dynamisch in viereckige Form gebracht. Das Format des normalen Holzschnitts weit übertreffend, zeigt die Ausstellung auch den Entwurf zu einem Kinderzimmer-Fries für das Palais Stoclet in Brüssel – Pflanzen und Tiere erscheinen weiß in Silhouette. Von Jungnickel gibt es auch Frankfurt-Ansichten und eine Darstellung von Bauern beim Mähen, die im Ausdruck stark an Egger-Lienz erinnern, aber weit „freundlicher“ wirken als bei diesem.

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Der berühmte „Polster“    Eines der bekanntesten Motive dieser Zeit war der „Polster“ von Maximilian Kurzweil, ein Holzschnitt, der eine Frau am Sofa zeigt, den Kopf in den Armen verborgen, der Polster vor ihr tatsächlich Blickpunkt. Dazu gibt es noch verschiedene Druckstöcke zu sehen, jede für eine Farbe, und im Übereinanderdrucken ergab sich das komplette Bild. Jeder Abzug konnte natürlich vom vorigen variieren.

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Die grenzenlose Thematik    Die Ausstellung gibt den weiteren Künstlern, die hier gezeigt werden, gewissermaßen thematische Titel – Carl Anton Reichel hat „die nackte Pose“, ausdrucksstarke Akte, Carl Moser reist in „fremde Länder“, da sind es berühmte bretonische Motive, und einen ganz starken Schlussakzent setzt Franz von Zülow, vom „Zerfall der Elemente“ kündend. Er war es, der das Schwarz so stark, so linear, so dekorativ einarbeitete, dass seine Werke tatsächlich oft wie Glasfenster wirken. Die von ihm entwickelte Technik des Papierschnittdrucks erlaubte ihm Effekte, die sonst kein Kollege erreichte.

Wo sind die Frauen?   In Frankfurt gab es die Idee der Holzschnittkunst unter dem Titel „Kunst für alle“. Es war erschwinglich, sich ein Exlibris oder Einladungskarten gestalten zu lasen, zumal wenn man die „billigeren“ (und dabei gar nicht schlechteren) Künstlerinnen verpflichtete. Hier waren Frauen ausnahmsweise geduldet und haben ihren Platz gefunden und behauptet. Die Albertina nimmt ihn wieder weg. Gender-Überlegungen sind nichts für Klaus Albrecht Schröder. Allerdings gesteht er dann ein, dass er für das Haus gerne Blätter von Bronica Koller-Pinell kaufen möchte. Denn die Kunstwelt war, das gibt er zu, bis vor allem halben Jahrhundert in jeder Hinsicht so fest in Männerhänden, dass Frauen keine Rolle spielten. Hier ist also einiges nachzuholen.

Albertina / Tietze Galleries
Der Farbholzschnitt in Wien um 1900
Bis 15. Jänner 2017, tägl. 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr.

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