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WIEN / Albertina: CHAGALL BIS MALEWITSCH

 

Albertina  Chagall Plakat 
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CHAGALL BIS MALEWITSCH
Die russischen Avantgarden
Vom 26. Februar 2016 bis zum 26. Juni 2016

Vom Zaren bis zu Stalin

Sagt man Chagall oder Kandinsky, dann meint man Russen, die in Europa angekommen sind und deren Herkunft eher als biographische Arabeske genommen wird. Nennt man Malewitsch, denkt man an sein „Rotes Quadrat“ als Bekenntnis zur Abstraktion und Signal der Moderne. Dass Namen wie diese nur Facetten innerhalb einer breiten Entwicklung sind, die in der Albertina „Russische Avantgarden“ genannt werden – weil es nicht eine gab, sondern viele parallele Entwicklungen im Laufe eines Vierteljahrhunderts – , das zeigt die Ausstellung der Superlative, „Chagall bis Malewitsch“. Hier konnten russische und österreichische Kuratoren in Schätzen schwelgen und erfolgreich versuchen, Übersicht in ein Chaos künstlerischer Entwicklungen zu bringen.

Von Heiner Wesemann

Zwischen dem Zaren und Stalin     Dass Politik stets in engster Verbindung zur Entwicklung der Kunst stand (die das System entweder bestätigte oder opponierte), versteht sich. Auf der Suche nach den russischen Avantgarden bietet die Albertina ihren Besuchern hier einen besonderen Service. Man hat zu den drei großen Epochen, in denen die russische Kunst in alle Richtungen „revoltierte“, aus historischem Material Filme hergestellt, die den Zeit-Hintergrund prägnant beleuchten. Da ist zuerst noch das Zarenregime (Nikolaus und Alexandra sind als Büsten vertreten), das 1917 mit der Russischen Revolution so unvorstellbar blutig hinweggefegt wurde; das Zeitalter Lenins (auch er mit einer Statuette vertreten), in dem die Vielfalt der Kunst noch am ehesten gewährleistet war; und schließlich nach Lenins Tod (1924) der Terror des Josef Stalin, der auch in der Kunstwelt wütete und alles eliminierte, was sich nicht der Propaganda des Sowjetstaates unterordnete. 1932 war alles „gleich geschaltet“, Väterchen Stalin war die absolute Macht – die Albertina muss hier gar nicht ihn als Person zeigen: Das Volk, das sich andächtig um den Radioempfänger versammelt, um eine Stalin-Rede anzuhören (Wladimir Valagis hat es gemalt), markiert hier den signifikanten Endpunkt.

Eine Welt an Stilen, Ideen, Formen   Bei den „russischen Avantgarden“, die nur mit dieser Bezeichnung als Hilfsmittel auf einen Nenner zu bringen sind, handelte es sich um Strömungen, die im Grunde nur gemeinsam hatten, dass sie neu, anders und zukunftszugewendet sein wollten, denn der gemeinsame Feind, so Schröder, hieß einzig und allein„Vergangenheit“. Die Methoden waren dabei so verschieden wie die Ideologien – und Kämpfe wurden nicht nur mit der Politik, sondern auch untereinander ausgetragen. Die lineare Entwicklung, „die wir Kunsthistoriker so gerne haben“ (Schröder bei der Pressekonferenz), wird hier nicht geboten. Und, was die Ausstellung mit ihrer Fülle von Bildern nicht zeigen kann: Wie Künstlerpersönlichkeiten in den Positionskämpfen untergingen. So kamen etwa Chagall oder Kandinsky nach Europa. Was ihnen, wie die Geschichte zeigt, ja nicht geschadet hat.

Albertina  Natalia Gontscharowa Radfahrer 1913

Die Sinnlichkeit jubiliert   Die „-ismen“ purzeln in dieser prächtig gegliederten Ausstellung nur so, der Neoprimitivismus, grob stilisiert, Protest gegen jedes akademische Malen, steht am Beginn (Michail Larionow, Natalia Gontscharowa), der Rayonismus (die russische Antwort auf den Futurismus, ein ornamentaler Sprühregen), der Suprematismus (Kasimir Malewitsch prägte diesen Ausdruck in Richtung seiner Abstraktion), der Konstruktivismus, ein bisschen Gegenständlichkeit dazwischen – und alles begann schon in der Zarenzeit und entwickelte sich (in oft heftigen Fehden) nebeneinander. Der Besucher der Albertina-Ausstellung, die so reich mit Kostbarkeiten vor allem aus dem Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg bestückt ist, bekommt die Stile zwar gewissenhaft auseinanderdividiert – aber der gebotene sinnliche Eindruck ist dennoch überwältigend in Vielfalt, Farbigkeit, Ideenreichtum, letztlich der fraglos hohen Qualität der Bilder.

Albertina  Chagall Selbstporträt

Im Zentrum: Chagall    Die Titelhelden der Ausstellung werden entsprechend gewürdigt, vor allem Chagall (geboren 1887 in Russland, gestorben 1985 in Saint-Paul-de-Vence) ist mit Spitzenwerken (von denen einige auch aus europäischen Museen kamen) vertreten. Nebeneinander hängen an einer Wand „Der Geigenspieler“ (auf Grund seiner Armut auf ein Leinentischtuch gemalt und vermutlich das letzte Mal, wie Schröder sagte, dass man das Bild außerhalb von Amsterdam sehen kann), das faszinierende Selbstporträt mit den sieben Fingern (schon in der ersten Pariser Zeit entstanden, sein Judentum reflektierend), schließlich die absolut verstörende Darstellung eines Bockes in rotem Gewand, das den Titel „Meiner Braut gewidmet“ trägt. Dazu der besonders stark wirkende „Jude in Rot“, andere Gemälde und einige Graphiken – ein Schwerpunkt, der einem kleineren Haus als eigene Ausstellung ausreichen würde.

Albertina  Kasimir Malewitsch schwarzes Quadrat 1923

Im Zentrum: Malewitsch    Kasimir Malewitsch (1878-1935) hat in seinem Leben viele Stile bedient, wofür es in der Ausstellung etliche Beispiele gibt. Darunter ein Bild, das von den politischen Wirren ebenso zeugt wie von den Verrenkungen der Künstler, die sich anpassen wollten – so malte er 1932 ein halb abstraktes Bild in schrägen Streifen, erklärte allerdings die im Hintergrund vage in rot Reitenden zur „Roten Kavallerie“ der Revolutionszeit. Solcherart konnte er das Bild in die Stalin-Ära retten. Malewitsch ist 1935 gestorben – wer weiß, wie es für ihn weitergegangen wäre, dessen programmatische „Hauptwerke“ („Rotes Quadrat“, „Schwarzes Quadrat“, „Schwarzes Kreuz“, „Schwarzer Kreis“ – in Wien zu sehen) damals auf kein Verständnis hätten hoffen dürfen.

Albertina  Wassilij Kandinsky Aus Weiß 1920

Im Zentrum: Kandinsky   Schließlich gilt, unter dem Motto „Spirituelle Avantgarde“, noch ein Schwerpunkt jenem Wassily Kandinsky (geboren 1866 in Moskau, gestorben 1944 in Neuilly-sur-Seine), der uns am vertrautesten ist, hat er doch nach schweren russischen Jahren einen Großteil seines Lebens in Deutschland und Frankreich verbracht. Seine Werke sind uns bekannt und vertraut, fügen sich aber im Rahmen dieser überreichen Ausstellung durchaus in das schier endlose Feld einer „russischen Ästhetik“ ein.

Albertina: CHAGALL BIS MALEWITSCH. Die russischen Avantgarden
Bis 26. Juni 2016, täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 21.00 Uhr

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