Der Neue Merker

WIEN / Albertina: ANSELM KIEFER

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WIEN / Albertina / Basteihalle:
ANSELM KIEFER. Die Holzschnitte
Vom 18. März 2016 bis zum 19. Juni 2016

Im Rhein und bei Grane

Deutsche Themen bildeten immer schon einen Schwerpunkt im Schaffen von Anselm Kiefer, der im Vorjahr seinen 70. Geburtstag feierte. Dass die Albertina zu diesem Anlass seine Holzschnitte ausstellen möge, hat er sich selbst gewünscht. Den Journalisten bereitete er eine Enttäuschung, als er (was sich viele Kollegen nicht entgehen lassen) zur Pressekonferenz nicht erschien. Umstritten genug, um pressescheu zu sein? Jedenfalls ist er noch lange nicht am Ende seines Schaffens angelangt: Die Albertina-Ausstellung zeigt zwar Werke aus den letzten Jahrzehnten. Aber ganz zu Beginn sieht man „Sol Invictus Elagabal“ von 2016, in der Größe den früheren Werken vergleichbar, im Stil anders, thematisch vom Orient inspiriert. Das große „Alterswerk“ hat Kiefer selbst für die nächsten Jahre angekündigt.

Von Heiner Wesemann

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Anselm Kiefer   Geboren am 8. März 1945 in Donaueschingen, Schüler u.a. von Joseph Beuys, früh umstritten als Künstler, der von Anfang an nicht nur die Konfrontation, sondern auch die Provokation sucht. Seine Abstammung aus der Rheinregion konnte er nicht genug betonen, ein monumentales (und entsprechend kontrovers diskutiertes) Deutschland-Bild spielt in seinen Werken eine große Rolle. Seit fast einem Vierteljahrhundert lebt er bereits in Frankreich (wohl auch, um der teils so unfreundlichen deutschen Diskussion um sein Werk aus dem Weg zu gehen), und er ist in seiner neuen Heimat so populär, dass sogar der Louvre ein Werk bei ihm bestellte. Die Themenkreise des weit gereisten Künstlers gehen über den „Deutschland“-Mythos, der in der Albertina-Ausstellung vorherrscht, weit hinaus, bezieht Judentum und Orient ein. Wollte man Genaues über die verschiedenen Techniken erkennen, die er in verschiedenen Werken anwendet, müsste man sich wohl einer kompetenten Führung anvertrauen – dass oft ein Collage-Prinzip waltet, sieht man mit freiem Auge.

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Nibelungen, Hermannschlacht, Wagner   Anselm Kiefer hat im Alter von 29 Jahren, 1974, seine ersten Holzschnitte gedruckt, und damals schon befasste er sich mit dem Nibelungenlied. Es folgte die „Hermannschlacht“, die den Rahmen für seine Sammlung deutscher Köpfe („Wege der Weltweisheit“) bot, Ende der siebziger Jahre befasste er sich mit dem Werk Richard Wagners, Anfang der achtziger Jahre widmete er sich dem Schicksalsfluß „Rhein“. Dass Kiefer, der selbst bedeutend an der Albertina-Ausstellung mitgearbeitet hat, nur diese Deutschland-Themen wählte, mag Konzept sein. Die Zusammenstellung spannt jedenfalls einen großen Bogen.

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Monumental, brutal   Auch Wagnerianer alter Schule lieben es monumental, es könnte sein, dass die Idee von Werken, die in ihrer Dimension ganze Wände füllen, sie a priori enthusiasmiert. Nie aber ist Kiefer verherrlichend – nicht bei Grane, Brünnhildes Pferd, nicht beim Rhein als solchem, dessen „Grenzwall“-Funktion er hinterfragt, nicht bei den Rheintöchtern, die in seinen harten Schnitten alles andere als reizvoll erscheinen. Das horizontale Fließen des Rheins und die harte, vertikale Durchfurchung der Bilder durch Baumstämme sorgt für zweifellos bewusste Disharmonie. Kiefer erweist sich in dieser Auswahl als düsterer Künstler, dunkel-dräuend, mit der Herausforderung, über „nationale Güter“ zu reflektieren.

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Deutsche Köpfe – ein Vexierspiel   Dass Anselm Kiefer die „deutschen Köpfe“, die er in den siebziger Jahren gestaltete, der nationalsozialistischen Literatur entnommen hat, trug ihm gewaltige Gegnerschaft ein. Es sind (man erkennt nicht alle) Kant und Kleist, Carl Maria von Weber und Königin Luise und mancher Promi mehr, aber auch Horst Wessel. Er collagierte sie auf vielfache Art und Weise, bringt den Betrachter dazu, sein eigenes „Bildgedächtnis“ zu überprüfen, wirft angesichts des bei ihm extrem düsteren, bedrohlichen Teutoburger Waldes die Frage auf, warum dies ein strahlender Ort der deutschen Geschichte sein soll. Kiefers Holzschnitt-Antworten sind immer düster, mythisch, mysteriös.

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Kunst und Philosophie   Darüber hinaus erlaubt sich die von Antonia Hoerschelmann kuratierte (und an den Wänden hilfreich betextete) Schau noch einige „Schlenker“ – zu dem hierzulande nicht sonderlich bekannten Robert Fludd, einem englischen Renaissancegelehrten, dem Kiefer philosophisch einiges zu danken hat (etwa in seinen Überlegungen über den Mikrokosmos). Philosophie hat nicht unbedingt mit der Kunst zu tun – ein auf den Kopf gestelltes Selbstbildnis des Künstlers wird eher auf Baselitz verweisen, und wenn man eine Sonnenblume sieht, denkt man an Van Gogh (der ja für Kiefer in Südfrankreich nicht weit entfernt ist). Man findet auch in anderen Werken „Zitate“… Aber das sind Randerscheinungen. Essentiell ist an der Albertina-Ausstellung, die mit nur 35 Werken das ganze Untergeschoß füllt: „Deutschland, Deutschland“ – nicht über alles, aber immer präsent.

Bis 19. Juni 2016, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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