Der Neue Merker

WIEN / Akademietheater: paradies fluten

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Foto: Burgtheater / Georg Soulek

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
paradies fluten von Thomas Köck
teil eins der klimatrilogie
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 9. September 2017

„paradies fluten“ – ja, paradiesische Zeiten heutzutage für zeitgenössische Dramatiker. Je exzentrischer ihre Werke, umso größer wird das Interesse der ersten Häuser daran sein. Karin Bergmanns Burgtheater, das sich nicht nachsagen lassen will, Suppen zu kochen, die Martin Kusej am liebsten a priori ausschüttet, wird diese Spielzeit elf Ur- bzw. Erstaufführungen bieten, davon sechs Werke österreichischer Autoren. Der Oberösterreicher Thomas Köck ist einer von ihnen.

Man hat von ihm in Wien bisher Stücke im Schauspielhaus, im Volx / Margareten und in der Drachengasse gesehen. Nun stieg er mit dem ersten Teil seiner „klimatrilogie“ zu Burgtheater-Höhen auf. Ein Werk, von dem man hört, dass es durchwegs in Kleinschreibung und ohne Satzzeichen gehalten ist. Also kein „Stück“ im landläufigen Sinn, sondern eher ein Text à la Jelinek, wo ein Regisseur dann machen kann, soll, ja muss, was ihm in den Sinn kommt. Keine Frage, Robert Borgmann, Spezialist für starke Stücke (er inszenierte am Akademietheater 2014 „Die Unverheiratete“ von Palmetshofer), hat es getan. So sehr, dass große Teile des Abends in einer Art Performance-Sauce ertrinken, mit Bühneneffekten (es regnet viel herab), hämmernder Geräuschkulisse, Publikumsbelästigung (die scharfen Lichtblitze, die immer wieder beharrlich durch den Raum schießen und sicher nicht gut für die Augen sind).

Was Thomas Köck in seinem Nicht-Stück zusammengemixt hat, stellt sich erst nach und nach heraus – sein erster Monolog handelt von der Sonne und davon, wie sie die Erde zerstören wird. Von Anfang an hängt Apokalypse Now, das Herz der Finsternis, Science Fiction in ihrer düstersten Version über dem Abend. Katastrophen-Szenarii werden ausgemalt, blutüberströmt erscheinen die Schauspieler und geben in Brocken an Wissen über Geschichte, Wissenschaft, Politik preis, wobei die Wirtschaft mit ihren grausig-kapitalistischen Vorgangsweisen immer wieder in den Vordergrund tritt und man die Wut des Autors über die Verlogenheit der Ausbeutung nur teilen kann.

Hier ist Thomas Köck so nahe an Elfriede Jelinek, dass man sich in einem ihrer Stücke wähnt, zumal er die Sprache so ähnlich behandelt wie sie, im Spiel mit den Zeitenfolgen, in der Doppeldeutigkeit von Worten und Satzkonstruktionen.

Nach und nach stellen sich Schwerpunkte von Köcks Interesse heraus. Er gießt jeden Hohn über die Ausbeutung der Indio-Welt am Amazonas, wo die „Gummi-Barone“ zynisch reich wurden und bekanntlich in Manaus ein riesiges Opernhaus hingestellt haben (das in dieser Welt tatsächlich etwas pervers wirkt). Hier giften sich Philipp Hauß und Sylvie Rohrer hoch satirisch an.

Am nächsten kommt Köck dem, was man ein Theaterstück nennen kann, in der Geschichte einer Familie, wobei die Rolle der Großmutter ziemlich überflüssig wirkt: Was man Elisabeth Orth da in die Kehle gelegt hat, ist weitgehend unverständlich. Aber Aenne Schwarz hat als Tochter, die um ihr Überleben kämpft, die stärkste Rolle – eine Tänzerin (im Kampf gegen Anna Sophie Krenn, die sich brutal behandeln lassen muss), die es zu nichts bringt, sich von ihren Eltern belästigt fühlt und den Tod des Vaters wünscht, weil sie sich mit dem Verkauf das Familienhauses sanieren kann… Ihre seelische Grausamkeit schneidet ebenso ins Herz wie das Sterben des Vaters, das Peter Knaack quasi Ich-bezüglich mit medizinischer Terminologie schildert. Die Mutter in ihrer stets weggestoßenen Beflissenheit ist wohl nicht die Rolle für eine Schauspielerin der Größenordnung von Katharina Lorenz.

Mühsam müssen die anderen Darsteller (darunter Sabine Haupt, Alina Fritsch, Sven Dolinski) gegen das Übermaß an „Regie“ ankämpfen, das sie zu Marionetten reduziert. Irgendwann innerhalb der drei mühseligen Stunden, wo sich das Publikum Brotkrumen an Information aus der Inszenierungs-Suppe klauben muss, ruft jemand: „Why should I want to be in this picture?“ Ja, warum sollte man in diesem Play sein wollen? Aber der Premierenapplaus war, wie üblich, stark.

Renate Wagner

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