Der Neue Merker

WIEN / Akademietheater: DIE PERSER

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Copyright Reinhard Werner / Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
DIE PERSER von Aischylos
wiedergegeben von Durs Grünbein
Premiere: 20. Mai 2017,
besucht wurde die Vorstellung am 23. Mai 2017  

Die griechische Tragödie ist die Basis des europäischen Theaters, und man bewundert Aischylos, Sophokles und Euripides nicht aus Pflicht, sondern absolut zu Recht. Wir haben auch eine ziemlich deutliche Vorstellung, wie Theater damals, zu ihrer Zeit, ausgesehen hat – in den dreiviertel runden Freilichtbühnen, wo vor einer gegliederten Scaene Frons (der Bühnenhintergrundwand) und auch im Rund vor den Reihen gespielt wurde – von Männern auf Kothurnen, mit Masken über den Gesichtern, immer mit einem (meist kommentierenden) Chor als wichtigen Bestandteil des Geschehens.

Da enden unsere konkreten Vorstellungen schon, aber dass man trotz der grandiosen Akustik dieser Theater (jeder Tourist in Epidauros beispielsweise wird selbst versucht haben, etwas zu rezitieren, und sich darüber gewundert haben, wie die Stimme dort „trägt“) große Gesten, großes Pathos entfesselt hat, ist mit Sicherheit anzunehmen. Funktioniert das aber auch für uns?

Nun, Regisseur Michael Thalheimer hat es versucht, und es ist bemerkenswert gelungen. Konzentration auf den Text, erlaubtes, hoch gespanntes Pathos angesichts dessen, worum es geht, nur wenige Bühneneffekte (eine gewaltige Metallplatte wird geschleudert, Rauch verbreitet sich, wenn ein neues Segment der Geschichte beginnt), aber keine Mätzchen. Und siehe da – „Die Perser“ des Aischylos gehen in 80 pausenlosen Bühnenminuten gnadenlos unter die Haut.

Sie sind ja nun auch ein besonderes Stück. Nicht die Geschichten um die Atriden, um Medea oder Antigone, die berühmten Topoi, die durch die ganze Theatergeschichte und Weltliteratur gehen. Nein, ein Theater, mehr noch: Literatur, mehr noch: Philosophie gewordenes Stück damaliger Realität. „Die Perser“ wurden 472 vor Christus uraufgeführt. Die Schlacht bei Salamis, die die große Wende im Perserkrieg brachte, hatte ‎acht Jahre davor, am 29. September 480 v. Chr., stattgefunden. Man kann also von einer hoch aktuellen Geschichte sprechen. Deren Besonderheit darin bestand, dass nicht das siegreiche Athen im Mittelpunkt steht (das sich da heldenhaft hätte auf die Schulter klopfen können), sondern die besiegten Perser. Eine düstere Geschichte der Hybris.

Nun ist es historisch ja so, dass dieser Feldzug der Perser gegen Griechenland nicht wirklich hätte schiefgehen müssen, immerhin kamen sie bis Athen, besetzten und brandschatzten die Stadt (Jahrhunderte später sollte dann Alexander der Große, wiederum aus „Rache“, Persepolis abfackeln… wie die Weltgeschichte so spielt). Es waren die Imponderabilien des Kriegsgeschehens, die die persische Niederlage nach sich zogen, aber mit den Verlierern ist bekanntlich keiner gnädig. Und Xerxes war der Verlierer. Angeblich auch er „aus Rache“ ausgezogen (sein Vater Dareios war gegen die Griechen nicht siegreich gewesen), aber wenn man Herodot glauben will, oder der Rede, die Herodot von Xerxes überliefert, trieben diesen nicht weniger als mutwillige Welteroberungspläne. Und tatsächlich, es war ein Wendepunkt in der Geschichte – hätten die Griechen nicht gesiegt und die Perser Europa überzogen… es gäbe uns alle sicher nicht in der derzeitigen Form.

Aischylos schildert nun gewissermaßen in Stationen die  Situation auf persischer Seite: Der Chor, die alten, daheim gebliebenen Männer (in dieser Inszenierung auf einen Darsteller reduziert), und Königin Atossa, die Witwe des Dareios und Mutter des Xerxes, warten auf Nachricht. Bei Thalheimer steht die Königin ganz in Gold an der Rampe – golden das Kleid, golden die Köperbemalung, goldbedeckt das Haar. Für die Gegner hat sie nur Hohn, trotz böser Zeichen ist sie siegesgewiß.

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Es folgt ein klassisches Element des griechischen Theaters: der Botenbericht. Und dass ein Mann, der von einer verheerenden Niederlage berichtet, das mit allen Klageschreien tut, ist absolut verständlich. Und dann kommt, in einer geradezu gänsehauterzeugenden Szene, der Geist des verstorbenen Königs Dareios  aus der Unterwelt – um Xerxes für die Hybris dieses Krieges zu verurteilen. Der letzte Auftritt gilt diesem selbst: Es ist völlig einsichtig, dass dieser bei Thalheimer nackt und blutbeschmiert auftaucht, ein Verlierer, der nur in Klagen ausbricht, aber keinerlei Einsicht zeigt. Der Chor (der ihn gegebenenfalls als Sieger natürlich mit Jubel empfangen hätte…) steht ihm gnadenlos gegenüber: Großartig, wenn der Mann, der letztendlich „das Volk“ verkörpert, am Ende mit dem Kopf zur Wand steht, und nur „Nein“ sagt. Nein, nein. Und immer wieder nein. Es soll nicht geschehen sein – und es ist geschehen.

Die Tragödie hat im Akademietheater ihre eindrucksvolle, schlichte, klare Form gefunden, nicht zuletzt dank der Fassung von Durs Grünbein: Man kennt Übersetzungen, die es dem Zuhörer in ihrer Kompliziertheit schwer machen. Dieser Text hat Klarheit erreicht, man kann lange konzentriert zuhören, weil Michael Thalheimer seinen Protagonisten schließlich Raum dafür gibt. Jeder einzelne entfaltet seine Szene optimal, erfüllt seine dramaturgische Aufgabe.

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Wobei Christiane von Poelnitz als Atossa nicht von ungefähr, sondern auch optisch im Mittelpunkt des Geschehens steht (später sitzt), immer an der Rampe, frontal ins Publikum präsent, nach der Niederlage das goldene Kleid wegreißend, einfach nur in Schwarz das Bild der Erschütterung. (Zusätzliche Fragen, etwa nach Mitschuld, werden nicht gestellt, Thalheimer respektiert das Stück, wie es ist.)

Stark und klar artikuliert Falk Rockstroh als der alte Mann, der die öffentliche Meinung verkörpert, seine Position – die Daheimgebliebenen, die mit den menschlichen Verlusten und sonstigen Folgen des verlorenen Krieges leben müssen. Markus Hering schreit und leidet die Katastrophenmeldungen des Boten durch. Die eindrucksvollsten Momente des Abends kommen von dem wirklich jenseitig „geisterhaften“ Dareios des Branko Samarovski. Merlin Sandmeyer ist vor allem nackt und blutig, der Verlierer, der sich nicht zu helfen weiß.

Interessanterweise verdeckt die starke Form keinesfalls den Inhalt: Das Thema Krieg, so wie es hier behandelt ist, bleibt über den Theaterabend hinaus im Gedächtnis.

Renate Wagner

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