Der Neue Merker

WIEN / Akademietheater: DIE GEBURTSTAGSFEIER

24_17723_Geburtstagsfeier.2e16d0ba.fill-425x275 
Foto: Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DIE GEBURTSTAGSFEIER von Harold Pinter
Koproduktionspartner Salzburger Festspiele
Premiere: 3. September 2017

„Die Geburtstagsfeier“ war Harold Pinters zweites Theaterstück (er war damals 28) und fand bei der Uraufführung 1958 beim Publikum gar kein Verständnis. Wir, die wir den „ganzen Pinter“ kennen, der sich nach und nach (spätestens mit „Der Hausmeister“ 1959) durchsetzte, wissen, dass er damals schon ganz er selbst war – in dieser zynischen Mischung aus Psychoterror, Absurdität, schwarzem Humor und Bedrohlichkeit. Pinter hat diesen bösen Blick auf die Welt sein ganzes Werk hindurch durchgehalten, bis zum Nobelpreis, der 2005 spät, aber nicht zu spät kam (er starb 2008).

Die Geschichte ist, wie so oft beim ihm, real nicht zu fassen. Ein Haus, irgendwo in der Einsamkeit. Erst das Geplänkel eines alten Ehepaares, wobei klar ist, wie sehr die Frau dem Gatten mit ihrem ewig gleichen Gelabere auf die Nerven geht. Dann der Auftritt des einzigen Pensionsgastes Stanley, eines verwahrlosten, präpotenten ehemaligen „Künstlers“, der die alberne Zuneigung der Frau zu ihm ausnützt, um sie zu erniedrigen und zu beleidigen (wobei sie glücklicherweise zu dumm ist, das wahrzunehmen).

Und dann das klassische Motiv der Fremden, die ohne Begründung in das Leben dieser kläglichen Bürger einbrechen und alles demolieren – in Aktionen, die sinnlos scheinen und bleiben, in einer exzessiven, besoffenen „Geburtstagsfeier“ kulminieren und zur körperlichen und seelischen Zerstörung Stanleys führen. Ein Stück, das vielleicht nicht ganz so quälend sein müsste, wie es (nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen) nun auf der Bühne des Akademietheaters erscheint, aber auf jeden Fall das erreicht, was Pinter immer anstrebt: die ultimative Irritation des Publikums.

Man könnte die Geschichte lockerer, bissiger, komödiantischer und für die Zuschauer erträglicher machen, aber dafür holt man sich nicht Andrea Breth. Sie trifft sich mit Pinter in der Gewohnheit, „böse Blicke“ zu werfen – was immer sie auch inszeniert. Schier endlos wird jede Figur in aller Breite und Unerträglichkeit ausgebreitet. Kurz, die Breth tut, was sie am liebsten macht: Sie zerrt an den Nerven der Theaterbesucher.

Immerhin entwickeln die Darsteller beträchtliches, überzeugendes Eigenleben: Zuerst Pierre Siegenthaler als gelangweilter Ehemann und Nina Petri als beharrlich dumme Gattin Meg. Dann Auftritt Max Simonischek als Stanley, affenartig in seiner unrasierten Verwahrlosung, hochmütig und übel – wodurch sein Zerbrochensein im zweiten Teil des Stücks noch stärker wirkt. Und dazu noch Andrea Wenzl (mit einer Stimme so heiser wie die Minichmayr), die als Charakter nicht wirklich fassbare Nachbarin, die aber mit Impetus in die Bekanntschaft mit den zwei Männern geht, die nun kommen.

Roland Koch und Oliver Stokowski (letzterer mit einem seltsamen Akzent, schwäbisch?) erscheinen in Maßanzügen und völlig undurchsichtig, aber offenbar ausgeflippt: Andrea Breth führt sie – sogar mit kleinen Tanzeinlagen – wie zwei Schmierenkomödianten aus den englischen Vorstadt-Varietes: Das macht die beiden  noch unklarer, wirrer, Angst erregender. Man traut ihnen alles zu – und das geschieht ja auch. Die Geburtstagsparty, die sie ihrem Opfer Stanley ausrichten, könnte grausiger nicht sein.

Andrea Breth setzt viele Zeichen, um Pinters mutwilliges Irrlichtern zu verstärken (wobei es vielleicht wirkungsvoller wäre, ihn scheinbar ganz „normal“ zu spielen und solcherart den Wahnsinn herbei kriechen zu lassen!): Schon das Bühnenbild von Martin Zehetgruber ist „absurd“, mit Sand und Schilf im Zimmer, einer Art riesiges Bootswrack vor dem Haus, das nach der Pause direkt in den Raum transportiert wird. Sie verstärkt Geräusche (etwa beim Essen), und sie zertrennt die Szene immer wieder durch Blackouts. Kurz, sie schiebt das Stück noch weiter vom Publikum weg.

Unter die Haut geht es trotzdem, so oder so (man kann es auch total ablehnen), wobei die Wiener Premiere viel freundlichen Beifall fand – Enthusiasmus ist bei einem solchen Stück, einer solchen Inszenierung ja wohl nicht zu erwarten.

Renate Wagner

Diese Seite drucken