Der Neue Merker

WIEN / Akademietheater: DER HERZERLFRESSER

Herzlfresser  Szene
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
DER HERZERLFRESSER von Ferdinand Schmalz
Österreichische Erstaufführung
Premiere am 8. Oktober 2016,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 10. Oktober 2016  

Theater, die – was lobenswert ist – das Zeitstück pflegen (das oftmals ein zeitgeistiges ist); Dramaturgen, die natürlich alles Neue mit offenen Armen aufnehmen müssen; Regisseure, die mit Unbekanntem prunken wollen; Schauspieler, die glücklich sind, überhaupt spielen zu dürfen – sie alle haben es mit Ferdinand Schmalz  (geboren als Matthias Schweiger 1985 in Graz) viel leichter als das Publikum. Das muss sich nämlich um jeden Preis den Kopf zerbrechen, was es da bei einem „Schmalz“-Stück eigentlich auf der Bühne sieht, um sich nicht selbst einen verlorenen Abend eingestehen zu müssen.

Also, was erzählt er nun in „der herzerlfresser“, vom Burgtheater so schnell nachgespielt wie die vorangegangenen Werke „am beispiel der butter“ und „dosenfleisch“, die sich nun – Butter und Schmalz, Theatergott erhalt’s, Fleisch und jetzt Innereien – zum geplanten Lebensmittel-Trio (oder gar Triptychon) fügen. So etwas ist in einer Welt, in der alles so schnell vorbeirauscht und schon wieder vergessen wird, wichtig – es prägt sich ein, bietet etwas Unverwechselbares. Man muss ja nicht nur seine Stücke, sondern auch sich selbst als Person, als Autor verkaufen. Als Namen, den man mit etwas verbindet.

Dass es in der Steiermark einst (es war in der Regierungszeit von Joseph II.) einen verrückten Verbrecher gab, der als Serienmörder junge Mädchen tötet, um ihnen das Herz herauszureißen und zu essen, ist ein seltsamer Vorwand für ein Stück, das anfangs tatsächlich hier und heute zu spielen scheint – irgendwo in einem kleinen Ort. Hier hat ein ehrgeiziger Bürgermeister (er ist der Acker Rudi, wie man dort sagt) ein großes Einkaufszentrum auf sumpfigen Grund setzen lassen (schöner Vorwand: Es sei immer schon ein magischer Ort gewesen). Man begegnet weiters: dem Gansterer Andi, der eine Jacke mit „Security“-Aufschrift trägt und die Sache bewachen soll; seiner netten, gelegentlich philosophischen Freundin mit dem seltsamen Namen Fauna Florentina (alles drin an Natur! Sie spricht auch gern über die  Bonobo, also das Verhalten der Schimpansen); dann, damit es ein bisschen schräg wird, der FußpflegerIn Irene, der/die ein Transvestit ist.

Herzlfresser Oest und  Transvestit
Peter Knaack, Johann Adam Oest

Und weil man immer wieder Leichen mit herausgerissenen Herzen findet, braucht es auch einen Mörder (auch wenn man die Toten eigentlich lieber verschwinden lässt, um keine künftigen Kunden zu verschrecken). Keine Frage, dass nur der Pfeil Herbert für die mörderische Funktion in Frage kommt, mehr Leute spielen ja nicht mit – nur fünf junge Damen mit hinreißenden Figuren im roten Badeanzug, sie sind nach 55 mühseligen Theaterminuten die Showeinlage zur Kaufhaus-Eröffnung. Im Ganzen muss man eineinhalb pausenlose Stunden in Gesellschaft dieser Herrschaften bleiben, die eines gemeinsam haben: Sie sind weidlich uninteressant.

Was erzählen sie? Ja, was? Schmalz, der in seinen vorigen Stücken sprachlich als gewaltsamer Schwab-Epigone aufgefallen ist, hält sich diesmal sprachlich zurück, lässt erst den Mörder ins ziellose Schwadronieren verfallen, so dass das Publikum sich dumm vorkommt, weil es nicht versteht, was er da alles palavert. Und weil Regisseur Alexander Wiegold das Stück ganz sanft angepackt hat, verplätschert es erst recht ohne besondere Eigenschaften.

Das heißt: Das Bühnenbild von Katrin Brack ist hübsch. Da hängen, den ganzen  Raum füllend, dicke blau-silberne Lametta-Girlanden vom „Himmel“, machen das Geschehen weich und irreal, ermöglichen vor allem immer wieder den surrealen Magritte-Effekt, dass die  Figuren auf der Bühne wie „durchgeschnitten“ erscheinen. Das ist poetischer als alles andere sonst. Und auch künstlich genug, wenn es rund um die Kaufhauseröffnung eine Spur satirisch zugeht…

Man kann auch den Darstellern nur Gutes nachsagen, wobei auffällt, wie wenige von ihnen man bisher wahrgenommen hat (falls man sie überhaupt schon gesehen hat): Irina Sulaver zum Beispiel ist nicht nur perückenblond, sondern auch von einer ganz eigenen, seltsamen Anmut. Das bietet schon etwas. Sebastian Wendelin stellt den Herzl-Mörder schlank und schräg auf die Bühne (den Fleischer, der er ist oder war, sieht man ihm nicht an). Merlin Sandmeyer (welch anspruchsvoller Vorname!!!) gibt dem Security-Mann Humor.

Über Johann Adam Oest als Bürgermeister muss man nichts sagen, der Mann ist einfach immer kostbar und ein Vergnügen. Und Peter Knaack verbietet sich (oder bekam verboten), aus dem Transvestiten eine Charley’s Tante-Klamotte zu machen.

Herzlfresser  Schlussbild

Ganz am Ende, der Trick ist gut, sitzen alle fünf am Bühnenrand und singen. Sie tun es sogar bemerkenswert gut, und dafür haben die Wiener immer was übrig. Das hebt auf jeden Fall den Applauspegel, auch wenn man nicht weiß, was man mit der Geschichte letztlich anfangen soll (was nur wenige zugeben werden). Abgesehen davon begeht der Abend einer der ganz großen Sünden: Heißt es nicht „Du sollst nicht langweilen!“?

Renate Wagner

Diese Seite drucken