Der Neue Merker

WIEN / Akademietheater: CAROL REED

Pollesch im Nebel 
Fotos: © Marcella Ruiz Cruz

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
CAROL REED von René Pollesch
Premiere: 29. April 2017,
besucht wurde die Vorstellung am 4. Mai 2017 

Muss, wenn im Theater der Vorhang aufgeht, ein Stück gespielt werden? Natürlich nicht. Dass es auch ohne geht, beweist die neueste René-Pollesch-Uraufführung am Burgtheater, die sich als Sparproduktion im Akademietheater empfiehlt: 80 Minuten Spieldauer, vier Schauspieler und eine auf der Bühne dabei stehende Souffleuse, im übrigen ein leerer Raum.

Und Leere herrscht in mancher Hinsicht bei „Carol Reed“, der neuesten Pollesch-Produktion an der Burg, seine achte Inszenierung am Haus, wie der Pressetext stolz berichtet. Grundsätzlich kann man sagen, dass Carol Reed, der Regisseur des „Dritten Mannes“ (und solcherart auf Umwegen Wien verbunden), nicht mitspielt, rein gar nicht. Immerhin, Kino ist ein vager Bestandteil der vagen Gespräche des Abends, die sich im übrigen durch unendliche Wiederholungen auszeichnen. Auch 80 Minuten können schwer ermüden.

Der meist zitierte Regisseur ist jedenfalls Alfred Hitchcock, vage wird um die Funktion eines „MacGuffin“ herumspekuliert. Hitchcock erfand dies als bedeutungslosen Hinweis, mit dem er die Kinobesucher verwirrte, und Bedeutungslosigkeit ist ein Thema des Stücks, das keines ist und auch kein Thema hat. Gut, Cineasten können sich per textlicher Andeutungen auf Beziehungssuche begeben. Aber diese Herausforderung werden wohl nur wenige annehmen.

Tatsächlich geht es vor allem darum – und dagegen ist wahrlich nichts zu sagen! -, die beiden Pollesch-Mitstreiter vieler Produktionen, Martin Wuttke und Birgit Minichmayr, wieder einmal auf die Bühne zu bringen, in der bewährten Art, sich selbst – nein, kein Stück, aber zumindest einen Text zusammen zu improvisieren, den man dann um den Preis einer Theaterkarte an jene Wiener verkaufen kann, die verrückt genug nach großen Schauspielern sind, dass sie dafür so gut wie alles in Kauf nehmen.

Pollesch Unter Scheinwerfern

Die angeblich leere Bühne ist gar nicht so leer, den ganzen Abend lang sorgen drei große, wohl bestückte Scheinwerfer-Batterien dafür, dass irgendetwas immer in Bewegung ist (das fungiert dann wohl unter „Bühnenbild“: Katrin Brack), zu den Lichtspielen gibt es auch künstlichen Rauch, und wenn auf der Bühne gekifft wird, bekommt man wenigstens einen Hauch davon für die eigenen lüsternen Nasenlöcher mit. Niemand sage, dass René Pollesch, auch als Regisseur tätig, gar nichts bietet.

Etwa eine Birgit Minichmayr mit speckiger Frisur, zuerst (Kostüme: Tabea Braun) in eine sträfliche rosa Tüllwolke namens Abendkleid gewandet, dann im Raumanzug, später im schwarzen Glitzerlook, immer bestückt mit ihrer bekannt eigentümlichen Stimme und einem gewissen Geknatsche: Wo ist das Bühnenbild? Wie soll man denn da spielen? Im übrigen wird über Befindlichkeiten gefaselt. Viel Blödsinn geredet. Nonsense hat was, wenn man ihn so serviert bekommt. Nachher allerdings der schale Nachgeschmack: Und was soll das gewesen sein? Ist jetzt Fasching?

Auch Martin Wuttke zu sehen, macht eindeutig Freude. Der Mann hat Witz und Ironie. Klar, dass man das für ihn spielt. Bloß – er kann auch mehr. Irina Sulaver und Tino Hillebrand ergänzen ohne tiefere Bedeutung. Pardon, die ist ja nicht gefragt. Aber, um die Wahrheit zu sagen: So sonderlich lustig, dass man beschwingt aus dem Theater schreitet, ist die Sache auch nicht. Im Gegenteil: Sie beweist wieder einmal (wie erwähnt), wie lange 80 Minuten sein können…

Renate Wagner

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