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WIEN / Akademie: NATUR AUF ABWEGEN?

Bosch  Plakat von Website x

WIEN / Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste:
„NATUR AUF ABWEGEN? MISCHWESEN, GNOME UND MONSTER (NICHT NUR) BEI HIERONYMUS BOSCH“
Vom 04. November 2016 bis zum 29. Jänner 2017

Mensch auf Abwegen?

Hieronymus Bosch (ca.1450-1516) ist ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod Jahresregent der Kunst (so wie es Shakespeare zu seinem 400. Todestag in der Welt der Literatur ist). Eine Großausstellung kann sich Wien nicht leisten, wohl aber eine nicht so große, die seine Themen aufwirft und variiert. Ort des Geschehens kann natürlich nur die Akademie der bildenden Künste sein. Sie besitzt eines von den gar nicht so vielen erhaltenen Bosch-Werken, zumal eines der größten und berühmtesten: das „Weltgerichts-Triptychon“. Man hat es aus konservatorischen Gründen nicht einmal an die große Bosch-Jahresausstellung in s’Hertogenbosch (die gut 400.000 Besucher anzog!) verliehen. In Wien steht das Werk nun im Mittelpunkt der Ausstellung „Natur auf Abwegen?“ mit dem aufwendigen Untertitel „Mischwesen, Gnome und Monster (nicht nur) bei Hieronymus Bosch“.

Von Heiner Wesemann

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Hieronymus Bosch   Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, aber er wurde wohl um 1450 in eine Künstlerfamilie hineingeboren (mit dem Geburtsnamen Jheronimus van Aken). Er übernahm die Berufs-Tradition seiner Vorfahren und Verwandten, er heiratete wohlhabend, und bannte die gar nicht erbauliche Welt des Mittelalters auf Leinwand und Zeichenpapier. Obwohl er nie Schönheitsideale bediente (oder gerade deshalb?), und im übrigens Orgien abgründiger Phantasie entfesselte, faszinierte er mit seinen Schöpfungen die damalige Welt. Der spanische König Philipp II. (der als extremer Katholik viel für die Schrecken der Hölle übrig hatte) besaß mehrere seiner Werke.

Großes Werk – wenig erhalten   Aus Boschs Schaffen sind nur 45 Bilder und Zeichnungen erhalten, die in der ganzen Welt verstreut sind und für jedes Museum eine besondere Kostbarkeit darstellen. (Das Kunsthistorische Museum besitzt nur einen einzigen Bosch, eine „Kreuztragung Christi“, an der weniger das fromme Sujet als die Darstellung des „Volkes“ ringsum interessant ist.) Als Hieronymus Bosch 1516 starb (man weiß nicht, woran), war er berühmt, heute gehört er zur Speerspitze jener Künstler, die man als die wichtigsten der Kunstgeschichte nennt.

Der Großmeister des Abgründigen       Hätte Bosch die Landschaften, Interieurs, Genrebilder und Porträts der niederländischen Schulen gemalt, er wäre einer von vielen. Doch er ließ seine Phantasie explodieren, er kombinierte Elemente der Wirklichkeit zu schauerlicher Wirkung, er schuf Monster, wie sie in der Kunstgeschichte nahezu singulär sind. Die Wiener Ausstellung hat an originalem Bosch nur den Altar (am Ende des Durchgangs durch die lange Halle) und die Federzeichnung „Das Höllenschiff“ (aus eigenem Besitz) zu bieten, wo Bosch ein Schiff durch den Kopf eines Menschen gestoßen hat. Aber allein, was dem Großmeister der Monster in seinem „Weltgericht“-Flügelaltar eingefallen ist, spottet jeder Beschreibung. Dass Christus samt Engeln und Heiligen über allem schwebt, erweckt beileibt nicht so viel Aufmerksamkeit wie das Grauen, das sich darunter entfaltet. Wobei der linke Flügel ein recht zweifelhafte Paradies (mit dem Engelssturz darüber) bietet, der Mittelteil eine schreckliche Welt, wo schon genügend „Teuflisches“ zu finden ist, und der rechte Flügel die Hölle nach allen Regeln der Kunst.

Bosch  Triptychon x

Monster und Mischwesen     Um das Böse, das rund um den Menschen zu finden ist, zu gestalten, ging Hieronymus Bosch die Phantasie nie aus. Da kann man es ruhig den Besuchern überlassen, von einem Erstaunen ins andere zu fallen. Von den verzerrten Leibern mit den Tierköpfen, von den Teufeln und Fabelwesen, den Bedrohungen und Verwundungen, kurz, den gemalten Albträumen. Aber Bosch war natürlich nicht der Einzige, dem solches einfiel – die Ausstellung bietet etwa einen an Skeletten reichen „Triumph des Todes“, den Jan Brueghel der Jüngere zwei Generationen nach Bosch malte und der den Zeitgenossen zweifellos auch unter die Haut ging.

Die Tradition des Schreckens      Überhaupt: das Groteske, Abnorme, das Überhöhte, das „Andere“ und „Fremde“, das zu fürchten ist und sich oft in Fabelwesen ausdrückt, gehört bis tief in die Antike hinab zur europäischen Tradition. Wenn die Ausstellung in jene Epoche kommt, die man auch „groteskes Barock“ nennt, dann kann ein „Kompositkopf“ des Archimboldo („Die Erde“ aus der Liechtenstein-Sammlung) nicht fehlen, der zeigt, dass Künstler doch noch „mehr“ vermögen als die Natur, indem sie diese pervertieren (in diesem Fall mit Hilfe von Tierkörpern). Dass zum Schauer auch der Humor kommen kann, beweisen etwa Rabelais-Illustrationen, und dass Hydra, Drache, Basilisk etwa zum festen Kanon europäischer Horrortradition zählen, erläutert die Ausstellung an einprägsamen Beispielen.

Bosch Archimboldo aq2u  x Bosch Modernes Monster x

Der schaurige Humor der Gegenwart      Jede Ausstellung wird heutzutage versuchen, die Vergangenheit mit der Gegenwart in Dialog zu setzen, und Kuratorin Martina Fleischer hat interessante Beiträge zum Schaurigen und Abartigen der Zeitgenossen zu bieten. Hier sind dann auch in großem Ausmaß „Objekte“ gefragt, vor allem Tiere – Schaf „Dolly“ am Foto im Grunde nur, um zu dokumentieren, wie weit der Mensch schon in der Wirklichkeit zur Künstlichkeit vorgedrungen ist. Noch stärkere Gänsehaut verursacht die „Vacanti-Maus“, der die Wissenschaftler (zwei Brüder) ein Riesenohr am Rücken angezüchtet haben. Was das in der Natur tatsächlich alle heiligen Zeiten vorkommende „Kalb mit zwei Köpfen“ ist, daran erinnern die Tierpräparate der Südtirolerin Irene Hopfgartner, in denen Vogelkörper ineinander gewachsen sind.

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Die Versuche am Menschen    Und die Versuche von heute, den gestern noch gemalten und gezeichneten Schrecken zu realisieren, enden nicht bei den Tieren. Da wirkt es mehr als erschreckend, wenn ein Foto zeigt, wie der zypriotische Künstler Stelarc sich ein Ohr in seinen Arm einsetzen ließ (man würde es gerne für eine Fälschung halten, ist es aber wohl nicht). Und wie sieht ein Horrorgeschöpf heute aus? Es wird von dem Italiener Federico Bonaldi „Friedenstaube“ genannt und ist eine kleine Skulptur, Mischung aus Mops und Drache, blasphemisch und erschreckend gemeint – und wenn man trotzdem lacht, ist das vielleicht die Flucht des Besuchers vor so viel abgründiger Phantasie, wie diese Ausstellung sie entfesselt.

Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
„Natur auf Abwegen? Mischwesen, Gnome und Monster (nicht nur) bei Hieronymus Bosch“
Bis zum 29. Jänner 2017, täglich außer Montag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

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