Der Neue Merker

WHO IS WHO BEIM WIENER KONGRESS

BuchCover  Europa in Wien, Who is who Wr. Kongress

Karin Schneider, Eva Maria Werner
EUROPA IN WIEN
Who is who beim Wiener Kongress 1814 / 15
388 Seiten, Böhlau Verlag, 2015

Es gibt Bücher, auf die man gewartet hat. Bücher, die nicht über Themen „hinwegschreiben“, sondern konkrete Fragen stellen. Darstellungen des Wiener Kongresses zählen üblicherweise die immer gleichen Verhandlungen und Ergebnisse auf und nennen immer dieselben Personen. „Praktische“ Fragen etwa der Organisation der Verhandlungen oder so schlicht-interessante Fakten wie nach den Quartieren – und vor allem: Wer war aller hier? findet man nirgends beantwortet.

Hier ist nun das Buch zum Thema, das Persönlichkeiten, Orte und Kommunikationssituationen durchleuchtet, und zwar auf der Basis der ungeheuren Konvolute der damaligen Polizeiberichte. Außerdem haben viele Beteiligte, auch solche, die nicht in der ersten Reihe standen, ihre Eindrücke und Erinnerungen dargelegt. Das Ergebnis: der echte Blick hinter die Kulissen. Auch wenn die Autorinnen Karin Schneider und Eva Maria Werner zugeben, dass viele Fragen offen geblieben sind, weil die Quellen doch immer wieder ausgelassen haben…

Wo tagten sie, wo nächtigten sie, wie hat man sich fortbewegt, wo hat man sich nach der Arbeit vergnügt, wie haben die Wiener mit der unglaublichen Fülle von Gästen interagiert, was stand in den Zeitungen und was wurde nur unter vorgehaltener Hand berichtet  – hier wird dieser Kongress, der zwar ein Ende hatte, aber keinen wirklichen Anfang, wie man erfährt, tatsächlich fassbar.

Wenn man zum zentralen Teil des Buches gelangt, nämlich dem tatsächlichen Who is who, dann muss man bedenken, welche Fülle von Personen mit dem Kongress nach Wien kam – die russische Delegation, die keine Geldprobleme hatte, umfasste nicht weniger als 76 Teilnehmer (!), aber auch Kleinstaaten kamen mit vielen Leuten (Sachsen-Weimar-Eisenach mit immerhin 17). Die Kurzbiographien, die durchschnittlich von einer halben Seite bis zu zwei Seiten lang sind (wenn es um die wichtigen Protagonisten, die Fürsten, geht), geben Namen, Daten und Funktion und Lebenslauf, wobei nicht nur die verhandelnden Herren, sondern auch die flankierenden Damen, von Fanny Arnstein bis zu Melanie Zichy, „auftreten“.

Wo möglich, hat man eruiert, wann die Gäste kamen, wo sie  wohnten, was sie taten – auch wenn das nicht unbedingt lobenswert war, wie die Aktionen jenes Herrn Danz, Vertreter der Stadt Frankfurt, der dafür sorgte, dass die Ansprüche der Judenschaft auf rechtliche Gleichstellung hintertrieben wurden…

Man liest solche Biographien nicht von A bis Z, man blättert, bleibt punktuell an gewissen Namen hängen, erfährt oft durch Zufall Erstaunliches, das einem noch nie untergekommen ist – etwa, dass der Fürst Boncompagni-Ludovisi den römischen Aristokraten Giuseppe Vera als Bevollmächtigten zum Wiener Kongress sandte, um jene Insel Elba zurück zu erhalten, die einst Napoleon zugesprochen worden war, sowie jene Gebiete, die dieser im Bonaparte’schen Familiensinn seiner Schwester Elisa zugeschlagen hatte, ohne sich viel um die ursprünglichen Besitzer zu kümmern …

Und am Ende kann, wer will – und es ist wirklich interessant – , noch Listen lesen, die Aufzählung von Monarchen (die Schwester von Kaiser Franz, Maria Theresia, war in ihrer Eigenschaft als Erbprinzessin von Sachsen beim Kongress!), von Delegierten, von Kommissions-Mitgliedern… was der Käufer eines „Who is who“ eben wissen will.

Renate Wagner

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