Der Neue Merker

Werner Telesko: MARIA THERESIA

BuchCover_Telesko  Maria Theresia

Werner Telesko:
MARIA THERESIA
Ein europäischer Mythos
312 Seiten, Böhlau Verlag, 2012

Jede Epoche hat „ihre eigene“ Maria Theresia, der Blick in die Vergangenheit wird vom jeweiligen Heute bestimmt: Auch die Biographien, die nun zum 300. Geburtstag neu herauskommen, nehmen sich davon nicht aus. Denn längst geht es nicht mehr um die Fakten, sondern nur noch um deren Interpretation.

Bedenkt man, dass die meisten Biographien, die derzeit neu über Maria Theresia erscheinen, vom Mythos dieser Frau ausgingen, so rückt das Buch das Werner Telesko vor fünf Jahren schrieb, wieder in den Mittelpunkt des Interesses (zumal er zu den Ausstellungsgestaltern des gelungenen Maria Theresia-Viererpacks in Wien / Niederösterreich zählt). Denn er hat sich programmatisch, schon im Titel, mit Maria Theresia als „europäischem Mythos“ befasst. Sein Thema ist die Rezeption dieser Person „Maria Theresia“ von einst bis heute, mit dem selbstverständlichen, vorweg genommenen Ergebnis, dass es kein bestimmtes Image Maria Theresias gab noch gibt, sondern dass es stetem (und oft auch willkürlich manipuliertem) Wandel unterworfen ist.

Zu den wichtigsten Schwerpunkten der Betrachtung zählte stets der Gegensatz Maria Theresia –Friedrich II. von Preußen, Positionen, die von Anfang an konstruiert wurden (auf Fakten basierend, dann je nach Ideologie manipuliert). Der König und die Kaiserin, Mann – Frau, Krieg – Frieden, Katholizismus – Protestantismus, das klassische, wirkungsvolle Kontrastbild. Besonders interessant dessen Wandel in der Geschichte – Maria Theresia als Instrument, wenn es um eine abgegrenzt österreichische Identität geht, einverleibt wie in der Zeit des Nationalsozialismus, wo eine künstliche Versöhnung Preußen-Österreich auf der Basis von Geschichtsfälschung erzwungen wurde („Zwei Sterne am politischen Himmel des deutschen Vaterlands…“)

Immer gegriffen hat die Selbstdefinition der Kaiserin als „Mutter“, einerseits von 16 Kindern, andererseits ihrer Völker. Dennoch war sie ebenso immer in dieser ihrer Eigenschaft als Frau Zielscheibe von männlicher Aggression und Herabsetzungen – die schwankenden Formulierungen von Friedrich II. über sie sind bekannt (der zu intelligent war, um ihr nicht gelegentlich Bewunderung zu zollen).

Andererseits führten Superlative der Historiker zu einer wahren Übersteigerung ihrer Person zum Ideal-Typus aller nur denkbaren positiven Eigenschaften. Die Instrumentalisierung ihrer Figur erfolgte übrigens nicht nur durch österreichische Historiker und Politiker, auch Hugo von Hofmannsthal (der im Schlösschen ihrer Aja, der Gräfin Fuchs, wohnte) hat 1917 einen berühmten Gedenk-Aufsatz geschrieben, der sich auch für Propaganda mitten im Ersten Weltkrieg eignete…

Telesko geht der Konstruktion des Mythos nun in Bild und Wort nach (wobei die „Dekonstruktion des Götzenbildes“, wie Historiker Karl Vocelka die Aufgabe der Geschichte darstellt, hier einen vergleichsweise geringen Raum einnimmt). Bilder – von ihm mit dem modernen Begriff „Body Politics“ bezeichnet – haben von Anfang an für das Bewusstsein, die Darstellung und die Repräsentation der Kaiserin eine entscheidende Rolle gespielt. Maria Theresia wurde auf Medaillen verewigt, auch im klassischen Sujet der „antiken“ Verkleidung, sie wurde auch in allegorische Gemälde aller Art eingebracht, es gibt sogar eine Darstellung als Heilige Barbara, aber entscheidend waren die Porträts, wobei gerade Martin van Meytens für die „Emotionalisierung“ sorgte, man sie andererseits aber auch mit allen Insignien versorgte, die ihre Macht ausdrückten.

Immerhin gibt es nicht weniger als 46 Einzelporträts Maria Theresias (von ihrem Vater gibt es 24), das ist schon ein Konzept… Selbst als sich Maria Theresia ab 1765 nur noch in Witwentracht malen ließ, zeichneten sich ihre Porträts durch große Kontinuität und Wiedererkennungswert aus.

Noch wichtiger wurden die „Familienbilder“, je mehr Kinder es gab, die neue Familie Habsburg-Lothringen (wobei man das Lothringen gerne vergaß) musste gezeigt, je zelebriert werden. (Bedauerlich ist es gerade in diesem Teil des Buches, dass sich ein komprimierter Bildteil am Ende findet, während man manche beschriebene Bilder der Einfachheit halber gerne an Ort und Stelle im Fließtext gefunden hätte).

Telesko widmet sich auch der Garderobe, in der sich Maria Theresia darstellen ließ (kostbar, aber diskret), während noch niemand auf die kontinuierliche Schlichtheit ihrer gerade aus der Stirn gestrichenen Frisuren hingewiesen hat. Jedenfalls hat sie – sicher aus Überlegung, sicher auch aus Mangel an Interesse – nie „Mode“ gemacht, was ihr als Kaiserin leicht gefallen wäre (man denke an die Darstellungen ihrer Tochter Marie Antoinette, die die Modefürstin ihrer französischen Nation war).

Teil der Repräsentation, aber auch Aussage über eine nach außen hin perfekte Ehe, war der Prunksarkophag, für den Maria Theresia die Familiengruft bei den Kapuzinern ausbauen ließ und der zu einem barocken, anspielungsreichen Meisterstück eigener Art wurde. Das hat auch mit dem Habsburgischen Totenkult zu tun (der ja bis 1916, dem Begräbnis ihres Ururenkels Kaiser Franz Joseph, anhielt).

Ein weiterer wesentlicher Teil des Buches ist Maria Theresia in der Dichtung gewidmet, wobei die literarische Verherrlichung schon zu ihren Lebzeiten begann. Die Superlative überschlugen sich („Apollo ist zwar groß, die Kaiserin noch größer“), selbst große Dichter wie Gottsched ergingen sich in Elogen. Joseph von Sonnenfels (dem sie verdankt, dass noch zu ihren Lebzeiten die Folter abgeschafft wurde) fand in einer Lobrede 1762 den Begriff der „Mutter der Völker“, und beim Tod der Kaiserin zogen die Lobredner alle überbordenden Register.

Populärliteratur ist etwas anderes als Geschichtsschreibung – hier konnte ein „volkstümliches“ Bild der Herrscherin konstruiert werden, das später in Theater und Film überging. Da vermochte man sie in Wort und Bild mit allen Klischees (die Kaiserin bei den Armen und Kranken etc.) zu versehen.

Der „Landesmutter“-Kult, schon zu ihren Lebzeiten initiiert, hielt lange an. Jedes Jubiläum – Geburts- und Todestag – setzte die Maschinerie aufs Neue in Gang, und wie sehr sie zur Identifikationsfigur des Franzisko-Josephinischen Zeitalters wurde, zeigte 1888 die Aufstellung ihrer Statue zwischen den beiden Museen. Thronfolger Franz Ferdinand pflegte einen wahren Kult des Maria-Theresianischen Zeitalters. Damals konnte man sie auch als Gegenfigur zum preußischen „Fridericus-Kult“ benützen. Dazu kommt, von Telesko sehr interessant ausgeführt, das weitgehend negative Bild Maria Theresias in der deutschen („borussianischen“, wie man für preußisch damals sagte) Geschichtsschreibung.

Die Nachwelt-Geschichte der Maria Theresia ist jene des Ringens um Definitionen: vor allem im 20. Jahrhundert wird ihr Bild diffus. Zwar empfängt auch die Republik bis heute  unter ihrem Repräsentationsgemälde, der Blick auf sie ist hingegen schärfer, kritischer, „böser“ geworden – genau so eine Übertreibung wie die Huldigungen der Vergangenheit. Ein Weg, durch den Teleskos Buch beeindruckend führt.

Nur eine Frage bleibt am Ende offen, ob es sich bei Maria Theresia wirklich um einen „europäischen“ Mythos handelt – oder ob sie nicht die Bürde ist, an der sich Österreich ohne Unterlass abarbeitet und das weiterhin tun wird, solange die eigene Geschichte noch irgendeine Relevanz für die Menschen der Gegenwart besitzt.

Renate Wagner

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