Der Neue Merker

WANDERTRILOGIE ALLGÄU – Pusteblumen statt Palmen

Wandertrilogie Allgäu – Pusteblumen statt Palmen, 15.07.2015

von Ursula Wiegand

 Wandertrilogie heißt der neue 876 Kilometer lange Allgäu-Hit und überrascht reiselustige Großstadtmenschen auf ganz spezielle Art. Pusteblumen statt Palmen – das hat wirklich was. Und wie der Name besagt, gibt es drei Wanderstrecken, aufgeteilt in 53 Etappen.

 Allgäutrilogie, Wandern in sattem Grün
Allgäutrilogie, Wandern in sattem Grün. Foto: Ursula Wiegand

 Die leichte Wiesengänger Route zieht sich durch hügelige Landschaften. Die Wasserläufer sind an Seen und Wasserfällen in mittlerer Höhenlage unterwegs, während die Himmelstürmer die Gipfel erklimmen.

Angenehmerweise führen die Routen nicht nur von A nach B, sondern erlauben auch „Seitensprünge“ für die individuelle Streckengestaltung. Insgesamt 30 Orte sind mit von der Partie, Partnerbetriebe bieten dort die passenden Unterkünfte. Für den Gepäcktransport sorgt der Allgäu Shuttle (Tel. 0049-(0)8323-8025931 oder shuttle@allgaeu.de).

Bad Wurzach, Wallfahrtskirche auf dem Gottesberg
Bad Wurzach, Wallfahrtskirche auf dem Gottesberg. Foto: Ursula Wiegand

Für Einsteiger oder bequeme Naturliebhaber ist eine Schnuppertour auf der 397 km langen Wiesengänger Route optimal, und mit leichtem Tagesrucksack macht das Wandern doppelten Spaß, selbst wenn der Gottesberg in Bad Wurzach nur ein Hügel ist. Droben erheben sich das Salvatorianerkloster und die barocke Wallfahrtskirche, die seit 1764 eine Heilig-Blut-Reliquie hütet. Kreuzwegstationen mit pastellfarbenen Porzellanfiguren zieren den Passionsweg entlang der Autostraße.  

Bad Wurzach, Schlosskapelle, Kreuzweg von Ivo Schaible, Ausschnitt
Bad Wurzach, Schlosskapelle, Kreuzweg von Ivo Schaible, Ausschnitt. Foto: Ursula Wiegand

Eine moderne Kreuzwegversion, 190 x 18,5 cm klein, hängt drunten in der Schlosskapelle, gemalt von Pater Ivo Schaible (1912-1990), der nach dem Zweitstudium an der Kunstakademie München zahlreiche sakrale Werke schuf und auch einige Kirchen in Kolumbien ausgestaltete. Die intensiven Farben der Ferne prägen diese berührende Darstellung, an der er sein Leben lang gearbeitet hat.  

Bad Wurzach, Schloss, barockes Treppenhaus
Bad Wurzach, Schloss, barockes Treppenhaus. F0to: Ursula Wiegand

Eine typisch barocke Kostbarkeit besitzt dagegen das Schloss: ein elegantes Marmor-Treppenhaus mit großen Gemälden, so wie in Bella Italia. Eine ähnliche Lebhaftigkeit besitzen die Deckenmalereien in der katholischen Pfarrkirche St. Verena von 1777. Passend dazu offeriert das Café Schuhmachen gegenüber u.a. „Panini  à la Vegana“. Die evangelische Kirche, ein moderner Bau, steht im Kurviertel. Dort beginnt die Wiesengänger Route.

Bad Wurzach, Wander-Wahrzeichen
Bad Wurzach, Wander-Wahrzeichen. Foto: Ursula Wiegand

Bad Wurzach, ein bekanntes Moorheilbad, gehört zu den so genannten Portalorten. Am Willkommensplatz steht das Wahrzeichen, das die Besonderheiten der Gegend ankündigt. Als Basis dient ein Findling aus Nagelfluhgestein, scherzhaft Herrgottsbeton genannt. Darauf der blaue Allgäu-Würfel mit dem Steinmännle-Signet, dann ein dunkler für die Mooreichen und oben Wollgras im Plexiglas-Gehäuse.

Von hier führt der Weg ein Stück ins 1.812 Hektar große Wurzacher Ried, eine wahre Naturschatzkammer. Stolz erwähnen die an 3 Wandernadeln befestigten Info-Kästchen das 1989 erhaltene Europadiplom für dieses größte zusammenhängende Hochmoor Mitteleuropas.

Wurzacher Ried mit Europadiplom
Wurzacher Ried mit Europadiplom. Foto: Ursula Wiegand

„Hat man hier alte Moorleichen gefunden?“ fragen die Wanderer neugierig. „Leider nein,“ lacht Petra Misch, Leiterin der Tourist-Info. Doch bloß keine werden und brav auf dem Holzsteg bleiben, um nicht im blühenden Wollgras zu versinken.

Von Bad Wurzach geht’s weiter nach Leutkirch, wo das Wanderwahrzeichen mit einem grünen Glaswürfel auf das Glasmacherdorf Schmidsfelden verweist. Unterwegs aber noch ein Stopp an der schon 1353 erwähnten Vituskapelle in Grünenbach.

Vitus-Kapelle in Grünenbach, spätgotisch, Altar
Vitus-Kapelle in Grünenbach, spätgotisch, Altar. Foto: Ursula Wiegand

St. Vitus wurde zu römischer Zeit in einem Kessel mit siedendem Öl gemartert. Genau so ist er im Altar-Aufsatz verewigt. Er gehört zu den 14 Nothelfern. Kranke suchten in der Kapelle Hilfe, kamen nächtens und brachten einen Besen als Gabe. Daher auch die Bezeichnung Besenkapelle.

Statt eines Besens schwingt in der „Remise“ Peter Buhl lieber den Kochlöffel. Seine kreative Küche hat sich herumgesprochen, das Lokal ist voll und die Glasmanufaktur von Stefan Michaelis ebenfalls. Der hat den historischen Glasofen wieder in Betrieb genommen, bläst gutes Gebrauchsglas und fantasievolle Kunstwerke. 

Leutkirch, Schmidsfelden, Glasmacher Stefan Michaelis
Leutkirch, Schmidsfelden, Glasmacher Stefan Michaelis. Foto: Ursula Wiegand  

Woher wissen eigentlich all’ die Besucher, dass dort was los ist? Oder in der Freilichtbühne Altusried, einem schicken Holzbau mit 2.500 geschützten Plätzen?  In diesem Sommer laufen Shows, weil schon für „Robin Hood“ geprobt wird, das 2016 Premiere hat.

Freilichtbühne Altusried, sehenswerte Holzkonstruktion
Freilichtbühne Altusried, sehenswerte Holzkonstruktion. Foto: Ursula Wiegand

„Stets macht die ganze Gemeinde mit, von 6 Monate alten Babys bis zu über 90-Jährigen,“ lacht Kulturamtsleiter Adrian Ramjoué. Mit seinem Esel war er der Sancho Pansa in „Don Quichotte“, und bei der „Jungfrau von Orleans“ galoppierten gar 40 Pferde über die Bühne. Beim Stück „Andreas Hofer“ kam halb Südtirol,“ erzählt er. „Robin Hood“ wird, so hofft er,  auch ein Renner.  

Grönenbach, kneippen in Bad Clevers
 Grönenbach, kneippen in Bad Clevers. Foto: Ursula Wiegand

Was heißt hier Renner? Wir sind nur Wanderer, erfrischen aber gerne unsere Füße beim Kneippen in Bad Clevers in Grönenbach. Kneippen ist mehr als Wassertreten, lässt sich dort lernen. Gesunde Ernährung und noch andere Arten von Bewegung gehören ebenfalls dazu.

Maria Steinbach, Maria mit Trotz- und Plärrengele
Maria Steinbach, Maria mit Trotz- und Plärrengele. Foto: Ursula Wiegand

Zu unserer Strecke gehört nun die barocke Wallfahrtkirche Maria Steinbach von 1749. Wegen des damaligen Pilgeransturms war dieser Neubau seinerzeit nötig. Feine Stuckarbeiten und Farbenpracht, wunderbar! Doch fast alle suchen erstmal das Trotz- und Plärrengele zu Füßen der Schmerzhaften Mutter Gottes. Der Bildhauer Johann Georg Üblhör (1700-1763), hatte daheim vielleicht ähnlich nervende Buben. Maria Steinbach ist genau wie die Basilika Ottobeuren eine Perle auf der Europäischen Barockstraße.

In Ottobeuren schauen wir zunächst verdutzt auf das Wander-Wahrzeichen mit den Zahlen 14, 26, 1.200 und 10.918. Sie verweisen auf die Ausstattung dieses noch grandioseren Gotteshauses, d.h. auf 14 Tiere, 26 Altäre, 1.200 Orgelpfeifen und 10.918 Engel. Lieber Himmel, wer hat die alle gezählt!

Ottobeuren, romanisches Kruzifix auf dem vorderen Altar
 Ottobeuren, romanisches Kruzifix auf dem vorderen Altar. Foto: Ursula Wiegand

Den schlichten Kontrapunkt zu all’ der spätbarocken Pracht bildet das kleine romanische Kruzifix auf dem vorderen Altar. Die Kinder können derweil ein buntes Bähnle am Seitenaltar begucken. „Mit Jesus im Zug durchs Leben“, steht darüber.

Katzbrui, blühendes Löffelkraut
Katzbrui, blühendes Löffelkraut. Foto: Ursula Wiegand

Diesen großartigen Eindrücken auf ganz andere Art Paroli zu bieten, schafft ausgerechnet das klitzekleine Katzbrui/ Markt Rettenberg einige Kilometer weiter östlich. Dort überlebt an sauberen Quellen das gefährdete Bayerische Löffelkraut, bei dessen Anblick die Augen des Diplom-Biologen Peter Harsch zu leuchten beginnen.   

Katzbrui, historische Mühle, Kleiekotzer
Katzbrui, historische Mühle, Kleiekotzer. Foto: Ursula Wiegand

Lange könnte er davon erzählen, doch die hungrigen Wiesengänger zieht es nun doch zu Wildschweingulasch und Kaiserschmarren ins urige Gasthaus Kratzbui-Mühle. Es gehört zur historischen Getreidemühle, die Eigner Max Endras gerne zeigt. Die alten Maschinen, Bottiche und Gerätschaften und als Highlight ein hölzerner, hübsch verzierter „Kleiekotzer“. Ein Aha-Erlebnis.

Katzbrui, Kapelle als Raum der Mitte
Katzbrui, Kapelle als Raum der Mitte. Foto: Ursula Wiegand

Noch überraschender ist jedoch die Kapelle, an der Endras seit 3 Jahren baut. „Raum der Mitte“ nennt er sie. Drinnen warmes Blau mit güldenen Sonnenstrahlen, gemalt vom Österreicher Thomas Pertel. Ein faszinierender, überkonfessioneller Ort der Besinnung. Auch Trauungen und Taufen finden dort statt. Kleiekotzer und Kapellenbau – eine total unerwartete Allgäuer Kombination.  

Infos unter www.wandertrilogie-allgaeu.de. Dort ist auch das umfängliche Serviceheft mit allen Details erhältlich. Übernachtung bei den Partnerbetrieben, z.B. im Kurhotel am Reischberg in Bad Wurzach (www.kurhotel-am-reischberg.de) sowie im Allgäu Resort in Bad Grönenbach (www.allgaeu-resort.de), beide mit großen Spas und feiner Küche.  (U.W.)      

 

 

Diese Seite drucken