Der Neue Merker

WALTRAUD MEIER – ein Interview auf dem Roten Sofa der Richard-Wagner-Gedenkstätte Graupa

Graupa/Richard-Wagner-Stätten, Schloss: WALTRAUD MEIER AUF DEM „ROTEN SOFA“ UND EIN WEITERES GESCHENK ZU RICHARD WAGNERS 104. GEBURTSTAG – Ein Interview 22.5.2017

Von Zeit zu Zeit werden im Richard-Wagner-Museum in Graupa, wo Wagner einst Urlaub machte (zwischen Dresden und Pirna gelegen), Prominente aus Oper und Konzert gebeten, auf dem „Roten Sofa“ (die Farbe ist auch symbolisch) Platz zu nehmen und aus ihrem Leben und ihrer Karriere zu plaudern.

An Richard Wagners 104. Geburtstag gab es gleich mehrere Überraschungen und ein besonderes Geschenk. Die Wissenschaftlerin und Autorin Eva Rieger, die schon das 2. Buch über Minna Wagner, geb. Planer, Wagners erste Ehefrau, mit der er immerhin etwa 30 Jahre verheiratet war, veröffentlicht hat, schenkte dem Graupaer Museum aus ihrem Privatbesitz einige von den für die Wagner-Forschung wichtigen Briefen Minnas. Wegen ihrer Lichtempfindlichkeit sind sie nur kurzzeitig ausgestellt, bleiben aber im Besitz des Museums.

Eine Urenkelin Richard Wagners, Frau Dagny Beidler aus der umstrittenen Linie der Isolde von Bülow, dem ersten Kind der Liebe zwischen Richard und Cosima – als letztere noch mit Hans von Bülow verheiratet war – saß im Publikum.

Auf dem Roten Sofa hatte Waltraud Meier Platz genommen. Sie war gern nach Graupa gekommen. Ein Jahr zuvor hatte sie spontan zugesagt, obwohl sie damals noch nicht wusste, wo Graupa eigentlich liegt. Jetzt gefielen ihr Museum, Schloss und Natur. „Es lohnt sich“ bekannte sie. Im unkonventionellen Gespräch mit Michael Ernst, Musikkritiker, Buchautor („Dirigent und Kosmopolit« – Michail Jurowski) usw., berichtete sie oft augenzwinkernd in  ihrem pragmatischen Naturell und ihrer vernunftbegründeten Einstellung zur Musik – immer mit Charme und angenehmer Sprechstimme – von ihrem künstlerischen Werdegang, ihren musikalischen Vorlieben und was sie bei der Erarbeitung einer Oper besonders schätzt und was sie weniger mag.

Auf die Frage, was Wagner für Sie bedeute, antwortete sie freimütig, dass sie sich wesentlich mehr mit seinen Werken als mit seiner Biografie beschäftigt hat. Als Kind und Jugendliche wurde sie nicht mit Wagner „belastet“. Ihre Eltern waren keine Wagnerfreude. Sie nahm privat Gesangsunterricht und wuchs im Wesentlichen mit W. A. Mozart auf. Das Würzburger Theater ist ein kleines Haus, wo man sich damals noch nicht an Wagner heranwagte. Schließlich empfahl ihr ein Lehrer, in Bayreuth vorzusingen, als im Rahmen des „Opern-Sing-Wettbewerbes“ zwei Kinder für den „Chéreau-Ring“ gesucht wurden. Sie sang Mozart (!) vor und gewann den Preis, einen Opernbesuch im Bayreuther Festspielhaus – in der letzten Parkett-Reihe. Im Zug nach Bayreuth las sie den Text und war frustriert, als aber dann der Vorhang aufging, war sie „entzückt“.

1976 debütierte sie an der Würzburger Oper in der Partie der Lola in Cavalleria Rusticana. Dann folgte ein Vorsingen in Mannheim. Mit 22 Jahren sang sie in Bayreuth die Erda in „Rheingold“ an der Seite von Franz Mazura, ihrem ersten Wotan, der jetzt mit 93 Jahren immer noch singt. Damals neckte er sie mit dem berühmten „Wie hättest du gern die Eier – harte oder weiche?“, und sie musste rollengemäß darauf antworten: „Weiche, Wotan weiche!“.

Ins Wagner-Fach wurde sie mehr geschoben als es ihr bewusst war. Sie lebt mit diesem „Schubladen-Denken“, singt aber auch gern Richard Strauss, W. A. Mozart, die „Wozzek“-Marie usw. Als sie 26 war, hatte sie sich für die Bayreuther Festspiele eine etwas größere Partie im „Ring“ erhofft und bekam nach dem Vorsingen zu ihrem Erstaunen – die Kundry (die eigentlich für Götz Friedrichs Ehefrau vorgesehen war), womit ihre Weltkarriere begann.

Bayreuth hatte (als es noch so war) den Vorteil des Werkstattcharakters. Die Aufführungen wurden immer weiterentwickelt. Viele Regisseure und Sänger kamen im folgenden Jahr wieder. Jetzt wechseln die Sänger jedes Jahr. Von Werkstatt kann keine Rede mehr sein. An der Mailänder Scala wurde z. B. (im Keller) unter Patrice Chéreau als Vorarbeit zu den Proben für den „Tristan“ zunächst nur der Text“ gelesen und schauspielerisch improvisiert, ohne zu sprechen oder zu singen. Die Proben begannen erst später. Ein Jahr danach wurde dann noch einmal viel von Chéreau verändert. Jetzt wäre es schon gut, „wenn die Regisseure wenigstens erst einmal das Textbuch gründlich lesen und im Vorfeld die Oper als Schauspiel inszenieren würden, um später die Musik hinzuzunehmen. Es gibt Text-Text und Musik-Text, letzterer drückt auch etwas aus!“

Früher waren die Dirigenten schon sehr früh bei den Proben dabei. Jetzt kommen sie später. Bei Chéreau, Götz Friedrich, Harry Kupfer u. a. gab es Regie-Theater – jetzt gibt es „Regisseur-Theater“. Waltraud Meiers Maxime ist: „Man sollte sich die eigene Rolle nicht von anderen anhören, sondern immer aus sich selbst heraus finden, sich nicht ablenken oder irritieren lassen“. Sie hat viele Künstler aus der Seitengasse heraus beobachtet und studiert: Mazura, Thomas Stewart mit seiner sehr guten Textbehandlung als Amerikaner (!), Peter Hoffmann, Siegfried Jerusalem u. a.

Da an der Wiener Staatsoper traditionsgemäß wenig geprobt wird, hatten sie und Jerusalem nicht geprobt, und es wurde eine sehr spannende Vorstellung. Jeder hat auf den anderen mit allen Sinnen gelauscht und sich auf ihn eingestellt. Beim „Tristan“ von Erich Wonder hingegen waren z. B. zwei Menschen auf leerer Bühne und durch entsprechende Lichtregie gezwungen, so zu agieren, wie er es wollte. Für Waltraud Meier ist der Kern die Emotion, die vom Menschen ausgeht und sich bis ins Problem ausweitet. Die Bühne sollte vor allem intellektuell und emotional unterstützt werden.

Für die musikalische Untermalung (CD) hatte sie eine Aufnahme als Eboli mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim ausgewählt, bei der ihre Stimme durch Klarheit und exzellente Technik besticht. Wenn sie ihre Aufnahmen hört, was selten geschieht – von ihren vielen Aufnahmen, die bei ihr zu Hause liegen, hat sie höchsten 5 % angehört – singt und fühlt sie immer mit, und das ist anstrengend für sie, da der ganze „Gesangsapparat“ automatisch mit in Bewegung kommt, selbst beim Markieren. Deshalb kann sie auch keine Sänger anhören und genießen, am wenigsten ihre eigenen Aufnahmen. Sie hat immer dem Tonmeister vertraut und wenig kontrolliert. Im Auto hört sie eher Jazz oder Kammermusik, nichts von Gesang.

Ob CD oder Schallplatten bedeutet für sie keinen Unterschied. „Live ist live“. Das Singen in Originalsprache ist ihr sehr wichtig, denn Sprache ist Musik und Musik ist Sprache. Sie braucht keinen Background, um eine Rolle zu gestalten, nicht die Lebens- und Liebesverhältnisse Wagners, sondern das Erspüren, wie die Rolle psychisch einzuordnen ist. Sie hat zwar die Cosima-Biografie mit Genuss gelesen, aber unbedingt nötig für eine Rollengestaltung war es für sie nicht. Bei der Übernahme einer Rolle analysiert sie sich selbst, versucht, sich von außen zu sehen.

Von Lampenfieber hält sie auch nichts, „das lähmt“. Es ist „Schwachsinn“ zu glauben, dass es die Spannung erhöhen würde. Sie war nie der Routine verhaftet, wollte sich „nicht mit sich selbst langweilen“. Die Neugier trieb sie an. „Als Sänger muss man immer bewusst auf verschiedenen Ebenen bleiben, auch mit Sänger-Partnern und Dirigenten. Man muss immer noch die Kontrolle bewahren, nicht mit der Rolle verwachsen, nicht eindimensional denken, auch noch eine Frequenz frei haben für andere Dinge, ein ständiges ‚Ping-Pong‘ zwischen Dirigent und Sänger, ein Senden und Empfangen, Geben und Nehmen.“

Liedgesang ist für sie ein Ausgleich zur Oper. Hier kommt es auf feine Nuancen an, es wird auf jedes Detail geachtet. Stimme und Esprit werden „gepflegt“. Es wird trainiert, in kleinen Teilen zu denken. Ein Lied ist für sie wie eine kleine Oper.

Jetzt, in ihrem 41. Sängerjahr sind keine Wünsche mehr offen, sie hat alles gesungen, was sie wollte. Sie denkt sehr pragmatisch, weniger emotional aufgeregt von ihren Aufnahmen und ihren Rollen. Nun hat sie ihre letzte Kundry gesungen, ihre letzte Isolde …, natürlich mit Wehmut, aber auch mit Stolz, dass ihr auch die letzte Vorstellung noch geglückt ist. Jetzt spürt sie, wie der Druck nachlässt, der nach vielen Sängerjahren immer mehr zunimmt, weil die Erwartungen immer mehr steigen.

„Gegenwärtig herrscht zwar eine Kultur des Weitermachens vor, keine Kultur des Aufhörens“, aber für sie ist es wichtig, im richtigen Moment aufzuhören. Jetzt möchte sie als Privatperson lieber in ein Sinfoniekonzert, ins Kino oder ein gutes, intelligentes Theaterstück gehen, z. B. ins Münchner Residenztheater. Demnächst wird sie aber noch „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele singen (10.6.) – hoffentlich noch nicht zum letzten Mal.

Nach dem Tod von Joachim Kaiser, dem Musikkritikerpapst“ befragt, meinte sie, dass im Gegensatz zu anderen „Kritikerpäpsten“ bei ihm selbst bei einem „Verriss“ immer noch zu spüren war, dass er eigentlich lieber gelobt hätte.

 Ingrid Gerk

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