Der Neue Merker

Walter Braunfels: ULENSPIEGEL (DVD, Linz 2014)

DVD Ulenspiegel

Walter Braunfels:
ULENSPIEGEL
Aufgeführt in der Linzer Tabakfabrik anlässlich des Brucknerfestes 2014
CAPRICCIO

Auch Walter Braunfels (1882-1954) gehört, obwohl er – ein verfemter „Halbjude“ – das Glück hatte, das Dritte Reich zu überleben, zu jenen Komponisten, die aus ihrer Karriere und aus ihrem Schaffen gerissen wurden. Zwischen 1905 und dem Zweiten Weltkrieg hat er zahlreiche Opern geschaffen, deren Wiederentdeckung ansteht. „Die Vögel“ kamen bereits gelegentlich zur Aufführung (u.a. 1999 an der Wiener Volksoper), der „Ulenspiegel“ nach dem seinerzeit sehr bekannten Roman von Charles de Coster, 1913 in Stuttgart uraufgeführt, musste bis 2011 warten, dass er in Gera wieder einmal das Licht einer Bühne erblickte.

Besonders eindrucksvoll war dann die nächste Produktion des Werks, die 2014 in Linz anlässlich des Bruckner-Festes herausgebracht wurde und die nun auf DVD zu betrachten ist. Damals hatte Werner Steinmetz im Auftrag der Produzenten eine Fassung für Kammerorchester erstellt, die vom Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart realisiert wurde, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, eine „kleine“ Version des Werks zu hören.

Die Geschichte spielt an sich in und um Gent in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als der Herzog von Alba im Auftrag von König Philipp II. von Spanien als Statthalter gnadenlos regierte. „Terror in Gent“ hatte in der Linzer Tabakfabrik (der ehemalige Prestigebau der Nazis bietet ein echte Hallenambiente, das auch in der Aufzeichnung zu spüren ist) keinerlei historischen Anstrich – Ulenspiegel bewegt sich hier in einer Welt der Wohnwägen, der alten Autos, der Unterprivilegierten, aber gegen die wird ja genau so brutal vorgegangen wie einst gegen die einheimische Bevölkerung: „Terror in Gent“ hat also ganz aktuellen Charakter, „die Spanier sind da, Gnade uns Gott“ kann man ohne weiteres in diese Welt „übersetzen“, und das gibt der Inszenierung von Roland Schwab jede Glaubwürdigkeit. Diese Oper führt im Grunde in einen Kampfschauplatz, Brutalität, Folter und Hinrichtungen beherrschen diese Welt.

Braunfels ist in seiner Musik noch der Erbe der Tonalität, obwohl er sich in seiner Expressivität jenseits jeder Gefälligkeit befindet, und das gilt auch für die Aufführung, die in ihrem düsteren Umriß solcherart im Grunde umso eindrucksvoller wird.

Till ist hier kein Schalk, das Geschehen ist nicht lustig, und Marc Horus geht den Weg zum Widerstandskämpfer (für den sich sein Vater geopfert hat) höchst überzeugend. Gar nicht lieblich, aber besonders ergreifend ist Christa Ratzenböck als seine Nele. Stark wirkt Joachim Goltz als Profoss, der Vertreter der ungerechten Macht. Die restlichen Darsteller und der Chor fügen sich in ein dichtes Gesamtbild.

Das ist freilich kein Werk, das man in den DVD-Player schiebt, um sich einen „gemütlichen Opernabend“ zu machen: Aber wer sich für das Genre an sich und zumal für Unbekanntes interessiert, der wird hier gut bedient sein.

Renate Wagner

_______________________________________________

Walter Braunfels
Ulenspiegel

Till Ulenspiegel…Marc Horus
Nele… Christa Ratzenböck
Profoss…Joachim Goltz ·
Klas…Hans Peter Scheidegger
Jost / Schuster…Andreas Jankowitsch
Bürgermeister / 1. Ablasspriester…Tomas Kovacic
Schreiner / Arkebusier…Martin Summer

Dirigent:  Martin Sieghart 
Israel Chamber Orchestra
EntArteOpera Chorus
Regie: Roland Schwab
Ausstattung: Susanne Thomasberger
Eine Co-Produktion der EntArte Opera mit dem Internationalen Brucknerfest Linz 2014

Diese Seite drucken