Der Neue Merker

Wagner: PARSIFAL (Berlin 2015)

DVD Cover  Parsifal

Richard Wagner: PARSIFAL
Aufgezeichnet im April 2015 im Schiller Theater, Berlin
2 DVDs, 252 min.
BelAir Classics

Jeder wahre Opernfreund möchte am liebsten überall sein. Früher war es – aus praktischen und finanziellen Gründen – fast unmöglich, den Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen. Mittlerweile gibt es DVDs, die es ermöglichen, in anderen Städten „in die Oper“ zu gehen, aufregende Inszenierungen zu sehen, großartige Besetzungen zu erleben. Gewiß, es ist nicht „live“, aber es ist bequem und ungleich billiger als „live“, und man genießt vielfach auch eine bessere Sicht als auf einem Opernplatz, weil die so genannten „TV Regisseure“, die für die Aufzeichnungen verantwortlich sind, meist sehr intelligente Konzepte zwischen Totale und dem Zoomen auf einzelne Darsteller entwickeln. Der „Parsifal“, der im April 2015 (damals von „mezzo“) im Ausweichquartier der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, dem Berliner Schiller Theater, aufgenommen wurde, ist jedenfalls optisch ungemein spannend.

Er ist es auch szenisch, selbst wenn man weiß, dass echte Wagnerianer sich vermutlich die Haare raufen werden – aber daran haben sie sich in den letzten Jahrzehnten ohnedies schon gewöhnen müssen. Der Russe Dmitri Tcherniakov hat zwar schon den Beinamen eines „Enfant terrible“ erhalten, ist aber in seiner Umdeutung dieses Werks auch nicht viel schlimmer als mancher Kollege – jedenfalls kann man mit Interesse zusehen, was sich da tut.

Die Gralsritter der „Parsifal“-Geschichte sind schon bei Richard Wagner heruntergekommen, keine Frage, aber so wie hier… Wiener Betrachter werden wohl an die „Gruft“ erinnert, das berühmteste Obdachlosenquartier der Stadt. So sieht es auf der Bühne aus, die Dmitri Tcherniakov sich selbst geschaffen hat. Holzbänke, beliebig zu stellen, auch im Kreisrund, und darauf eine echte Ansammlung von Elendsgestalten, nicht zuletzt durch die schäbigen Strickmützen charakterisiert (selbst Gurnezmanz trägt dann im letzten Akt eine solche).

Die manchmal endlos wirkende Gurnemanz-Erzählung zu Beginn ist ein Problem mancher „Parsifal“-Inszenierung – nicht hier, wo René Pape, den man ja bisher nicht eben als den überzeugendsten Darsteller erlebt hat, eine wirklich außerordentliche Leistung liefert. Dieser Gurnemanz, in schäbiger, dufflecoatartiger Jacke, erzählt seine  Geschichten mit so viel Temperament und Anteilnahme, dass nicht nur sein Lumpenproletariat ihm gefesselt zuhört, sondern auch das Publikum – zumal er die Vergangenheit mit einer Dia-Show erklärt, für die Tcherniakov auf die bekannten Fotos der „Parsifal“-Uraufführung von 1882 in Bayreuth zurückgreift…

So stark wie Gurnemanz ist auch Parsifal vom ersten Augenblick an, da er in dieses Asyl stolpert: Andreas Schager ist rothaarig und unbeholfen.  Mit Billig-Kleidung (Dschungel-T-Shirt, kurze Hosen) und einem Riesenrucksack erscheint er eigentlich einer von denen, die da herumlungern – und, weil der Regisseur immer noch was drauflegt, zieht er sich auch auf der Bühne um.

Sektenartig wird das Geschehen, wenn Amfortas auftaucht – der bullige Wolfgang Koch ist alles andere als eine „edle“ Erscheinung, eher ein Opfer der anderen, die etwas Vampirartiges gewinnen? Noch nie hat man (auf der DVD dazu in erschreckender Großaufnahme) die klaffende Bauchwunde so brutal riesig und blutig gesehen, samt dem „Abzapfen“ des Blutes… Wo ist man da?

Wo man im zweiten Akt ist, weiß man sofort: kein Klingsor-Schloß mit Zaubergarten, sondern eine Art Kindergarten, den sich Klingsor hält (Tómas Tómasson schafft es, ihn als verbissenen Kleinbürger geradezu komisch zu machen, von Bedrohlichkeit keine Spur): Ein Haufen junger und auch ganz kleiner Mädchen, mit Zöpfchen, Puppen, weißen Spitzenkrägelchen auf Blumenkleidchen, hopsend – ein erschreckender Anblick. So, wie Dmitri Tcherniakov im DVD-Booklet den Inhalt nacherzählt, ist Kundry bei ihm Klingsors Tochter (!), die älteste, die von ihm gequält und manipuliert wird: Anja Kampe wird von Minute zu Minute in dieser Rolle stärker, auch wenn sie immer ihre reizlose Kleidung (T-Shirt, Hose, Jacke) behält, auch wenn sie als Verführerin erscheinen soll, am Ende hat sie dann kurz ein blutiges weißes Hemd an. Und Parsifal? Der fürchtet sich vor der Mädelschar, nachdem er durch ein Fenster in Klingsors perversen privaten Kindergarten gekrochen ist, wie einer der „Boyz n the Hood“ duckt er sich in die Kapuze – bis er dann mit Kundry allein ist und Andreas Schager und Anja Kampe sich gegenseitig zu einer unglaublichen Chemie der Beziehung hochjubeln. Auch der Beginn des dritten Aktes (da ist die Gruft-Unterkunft noch schäbiger geworden) ist schwierig und wird hier dann durch das Trio Gurnezmanz-Kundry-Parsifal ungemein aufgeladen.

Freilich, an irgendetwas echt Religiöses bei dieser Sekte glaubt Dmitri Tcherniakov wirklich nicht: kein Karfreitagszauber, bei „Enthüllt den Gral“ passiert nichts, Titurel (Matthias Hölle), der im 1. Akt teils im Sarg, teils in schwarzem Ledermantel zu sehen war, wird als Leiche über die Bühne geschleppt – aber Erlösung ist hier für keinen vorgesehen: Die Leidenschaft, mit der Amfortas und Kundry einander in die Arme stürzen und sich nicht trennen wollen, provoziert Gurnemanz so, dass er ihr ein Messer in den Rücken rennt – und Parsifal trägt in seinen Armen feierlich ihre Leiche von der Bühne ab…

Was war das? Die Berliner Premiere erntete, wie die Zeitungsberichte versichern, ein Buhgewitter ohnegleichen, und geht man von Wagners inhaltlicher „Parsifal“-Substanz aus, hatte das wohl seine Berechtigung. Aber dass Dmitri Tcherniakov seine Underdog-Geschichte konsequent durchgezogen hat, dass Daniel Barenboim am Pult der Berliner Staatskapelle Wagner schwelgerisch und dramatisch zugleich nimmt und dass die Sängerriege, voran das Trio Kampe – Schager – Papé, per se mehr als sehenswert ist… das macht diesen Berliner „Parsifal“ schwer spannend und die DVD auch für Wagnerianer sehenswert. Man kann sich dann so schön an Details (etwa das Spielzeug, das Parsifal und Kundry mit sich herumschleppen) wütend diskutieren…

Renate Wagner

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