Der Neue Merker

WAGNER: LOHENGRIN

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WAGNER: LOHENGRIN in 4K ULTRA HD, Deutsche Grammophon

Der Dresdner Lohengrin mit Netrebko und Beczala offiziell in herausragender technischer Qualität erschienen

Über den musikalischen und künstlerischen Rang dieser schon jetzt legendären Aufführung (in dieser Konstellation wird es Lohengrin wahrscheinlich nicht mehr geben) ist sehr viel geschrieben worden. Den Superlativen in der Presse vor allem über die Leistung des aus dem italienischen Fach kommenden Paars Anna Netrebko (Elsa) und Piotr Beczala (Titelheld) ist nichts mehr hinzuzufügen: Von „Lohen-Dream“, „Sternstunde“, „Schwahnsinn“ „Lohengrin Mirakel“ etc. war da die Rede. Nur so viel: Netrebko ist wie in allen anderen Fächern auch bei Wagner stilsicher, ihre Diktion der deutschen Sprache ist ohne Fehl und Tadel, die Verschmelzung von Spiel und Mimik mit musikalischer Aussage von berührender Kraft, ihr Gesang edel und leidenschaftlich, Phrasierung und Stimmfarben exquisit.   Als Vergleich einer Wagner-„Quereinsteigerin“ auf diesem Niveau fällt mir nur noch Victoria de los Angeles (Tannhäuser) ein. Hoffentlich kommt einmal die Isolde, von Bühnen-, Stimmtyp und der Fähigkeit, auch immense Orchestermassen spielerisch zu übertrumpfen (Aktschluss 1 Lohengrin), ist Netrebko nahezu prädestiniert dazu. Für Beczala, der einen herrlich silbrigen und frischen Lohengrin singt, ebenfalls von frappierender Textdeutlichkeit, dürfte es sich wohl eher um einen Ausflug in ein „exotisches“ Fach handeln. Dieser für mich derzeit weltbeste Tenor im italienischen Fach hat ebenfalls das ideale Timbre, von Stil und Durchschlagskraft her ist er aber kein Wagner-Tenor. Dennoch sind wir dankbar und neigen uns vor dieser höchst qualitativen Gesangsleistung. Die Restbesetzung mit Herlitzius, Zeppenfeld und Konieczny ist das beste, was der Markt derzeit zu bieten hat. Thielemann dirigiert kammermusikalisch durchhörbar, animiert die Dresdner Staatskapelle zu Wunderharfen-Spiel  und braucht mit 210 Minuten genau so lang wie Abbado in seiner Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern.

Historisch sei angemerkt, dass die Partitur vorwiegend in Dresden und Umgebung entstanden (Graupa bei Pirna) ist und Lohengrin wohl auch wie Rienzi, Der fliegende Holländer und Tannhäuser im Hoftheater Gottfried Sempers uraufgeführt worden wäre, hätte Wagner nicht infolge seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand 1849 seine Karriere als Hofkapellmeister abrupt beenden müssen. Immerhin fand eine konzertante Aufführung des 1. Aktes 1848 unter der Stabführung des Komponisten zur 300-Jahr Feier des Bestehens der Dresdner Kapelle statt, wo das berühmte Wort von der „Dresdner Wunderharfe“ gefallen sein soll.

Wollen wir uns nun auf die filmische Umsetzung dieser Dresdner Aufführungsserie, mitgeschnitten in der Dresdener Semperoper vom 17. bis 29. Mai 2016, konzentrieren. Dieser Angabe im Booklet kann wohl entnommen werden, dass der nun publizierte Film nicht ident ist mit der TV-Übertragung derjenigen einzigen Aufführung, die bislang wohl so manchen CD-Brenner zum Glühen gebracht haben dürfte. Gefilmt wurde eine Produktion nach Christine Mielitz aus dem Jahr 1983. Herrlich altmodisch könnte man sagen, mit Schwan, dem Mittelalter nachempfundenen Kostümen und einem Hauch 80-er Jahr-Peinlichkeit sowie einer extrem statischen Personenregie. Im 2. Akt ist es dazu doch ziemlich dunkel. 

Video Director Tiziano Mancini bevorzugt einen harten raschen Schnittwechsel. Diese Montageweise steht optisch bisweilen dem ruhigen musikalischen Fluss der durchkomponierten Teile arg entgegen. Positiv ist, dass die Nahaufnahmen weder von Dauer noch Ästhetik her exzessiv ausfallen. Ihm gelingt insgesamt ein guter Mix aus Perspektivenwechsel, besonders gefallen die Aufnahmen aus Halbhöhe schräg auf die Protagonisten. Beeindruckend sind die Aufnahmen der Gesichter von Herlitzius (von archaischer Wucht wie einstens nur noch Varnay) und Netrebko, die wie großartige Seelenlandschaften die Musik deuten und in kraftvolle Bilder übersetzen.

Das alles ist jetzt in höchster technischer Qualität nacherlebbar. Das Zauberwort heißt 4K Ultra HD. Ultra HD (High Definition) ist ein neuer Auflösungs-Standard mit der vierfachen Anzahl an Pixeln gegenüber dem zur Zeit (noch) gängigen Full HD Format. 4K-Standard sieht eine Mindestauflösung von 3840×2160 Pixeln vor. Statt rund zwei Millionen Pixeln werden beim 4K-Standard gleich mehr als acht Millionen Bildpunkte geboten. Ein großer Vorteil der Ultra HD-Auflösung im Vergleich zur 2K-Auflösung ist die deutlich höhere Detailgenauigkeit, die vor allem dann zum Tragen kommt, wenn die Darstellung auf einem großen Bildschirm erfolgt. Allerdings braucht der Musikfreund dazu ein neues Allround-Gerät, die Blu-ray Player können dieses Format nicht bedienen. Ich habe mir einen solchen Player bei Erscheinen des Salzburger Figaro (Dirigent Dan Ettinger) angeschafft und bin damit nicht nur hochzufrieden, sondern überzeugt, dass sich dieses Format langfristig durchsetzen wird (obwohl schon 8K an den Fenstern klopft; wer da wohl noch qualitative Unterschiede wahrnehmen kann?). Selbstverständlich bietet die Deutsche Grammophon den Dresdner Lohengrin aber auch auf herkömmlichen DVDs (2) und im Blu-ray -Format an.

Allein schon Anna Netrebkos passionierter und prächtigst gesungener Elsa wegen lohnt sich die Anschaffung in der einen oder anderen Form. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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