Vokalensemble ORA: Flucht vor den Flammen

by R.Wagner | 3. Januar 2017 20:50

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Flucht vor den Flammen – Miserere und das Vermächtnis Savonarolas

harmonia mundi CD 

ORA glänzt à capella mit Renaisssance- und zeitgenössischen Werken

„Ecce quam bonum et quam iocundum habitare fratres in unum“ Psalm 132

Eine neues Goldenes Zeitalter der Chormusik! Keinen geringeren Anspruch haben sich die achtzehn herausragenden Sängerinnen und  Sänger des 2014 von Suzi Digby gegründeten professionellen britischen Vokalensembles gestellt. Man will die Leidenschaft für die Polyphonie der Renaissance mit musikalischen Reflexionen zeitgenössischer Komponisten verbinden. Das Erteilen von Kompositionsaufträgen und das Eintreten für zeitgenössische Tonsetzer ist ORA ein zentrales Anliegen. ORA will eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Auftragswerke aufbauen. Diese Werke sollen sowohl aufgeführt als auch aufgenommen werden, um ein reiches Repertoire für künftige Generationen zu schaffen. Wie gut diese Idee aufgeht, kann anhand der vorliegenden Einspielung bestens nachvollzogen werden.

Umrahmt von den Miserere-Vertonungen durch Gregorio Allegri und James MacMillan (b.1959) bildet das Herzstück der CD die Vertonungen der Meditation „Infelix Ego“ des bereits zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilten Häretikers Girolamo Savonarola durch William Byrd und den Letten Erik Esenvalds (b. 1977). Und wirklich erschließt sich nicht, was mehr zu bewundern ist, das umwerfend aufregend gesungene sechsstimmige Meisterwerk Byrds , die des Komponisten eigene Furcht um seines Glaubens willen verfolgt zu werden spiegelt, oder die nicht minder beeindruckende Vertonung durch den jungen Letten. Die komplexen Gesangslinien schmelzen und rinnen in Esenvalds genialem Opus ineinander wie flüssiges Wachs, der Schmerz des Textes wird durch die Fackel der höchsten Ideale und der Freiheit ins Licht gewendet. Für mich stellt dieses harmonisch kühne Werk, das den Vergleich mit den vielstimmigen Werken etwa eines Thomas Tallis nicht zu scheuen braucht, den Höhepunkt der neuen CD dar.

Die künstlerische Leiterin von ORA, Suzi Digby, hat sich intensiv mit dem musikgeschichtlichen Wirken Savonarolas befasst, dessen Stellenwert in der Musikgeschichte rehabilitiert werden soll.  Die CD hat musikhistorisch weitere Atouts aufzubieten: Die neunstimmige Vertonung des 50. Psalm durch Allegri, einer der Texte, über die Savonarola Mediationen schrieb kurz bevor er getötet wurde, erklingt in einer Fassung, die der Musikforscher Ben Byram auf Basis der originalen Manuskripte im Vatikan erstellt hat. Ihren Ruhm im 20. Jahrhundert verdankt Allegris Originalwerk einem Übertragungsfehler, in dem die erste Hälfte des Verses eine Quart höher wiederholt wird. So entsteht ein anachronistischer Tonartenwechsel von g-moll nach c-moll sowie das berühmte hohe C im Sopran. Auf der CD kann Allegris Werk im ersten Durchgang unverziert, dann mit den Verzierungen der Sixtinischen Kapelle und am Ende die berückende hohe C-Variante gehört werden, „deren Schönheit vielleicht den glücklichsten Fehltritt der Musikgeschichte darstellt“.

Das Ensemble ORA, bestehend aus sechs Sopranen, vier Altos (drei davon männlich), vier Tenören und vier Bässen, zeichnet sich durch eine stupende technische Perfektion und im Vergleich zu den besten anderen britischen Formationen durch einen individuelleren, farbigeren Klang und eine höchst emotionale Interpretation aus. Zur Kunst kommt das Spontane, zu den Worten ein vor Intensität vibrierender Gesang. Das Hörerlebnis besticht neben meditativer Ruhe mittels Fluten eines unendlichen Vokalstroms, dessen ständig changierende Farbtextur genau so aufwühlt wie das Auf- und Abschwellen der Wasser, die mit dem Kiel der Partitur durchmessen wird. Für Liebhaber hochwertiger Chormusik ist dieses auch hochintelligent programmierte Album unverzichtbar.

Dr. Ingobert Waltenberger

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