Der Neue Merker

Vladimir JUROWSKI – russischer Dirigent, zuhause in Deutschland und eng verbunden mit Dresden und Berlin

Vladimir Jurowski – russischer Dirigent, zuhause in Deutschland und eng verbunden mit Dresden und Berlin

Das Gespräch führte Dietrich Bretz im Januar 2017

Russische Musiker, die ihre Zelte in Deutschland aufschlugen, haben ihrer Wahlheimat schon immer vielfältige Impulse verliehen. Eine der bekanntesten übergesiedelten russischen Musikerfamilien ist die der Jurowskis. Um 1990 wählten sie Berlin als neue Heimat. Vater Michail hatte zuvor schon an der Komischen Oper Berlin als Gast dirigiert und wirkte später u.a. an der Oper Leipzig. Auch sein Sohn Vladimir, 1972 in Moskau geboren, wo er noch seine musikalische Ausbildung begann, sollte  in der neuen Heimat bald seine Spuren hinterlassen. In der er zunächst seine Studien an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin fortsetzte. Dass er berufen war, der Tradition seines dirigierenden Vaters und seines komponierenden, noch mit Schostakowitsch befreundeten Großvaters zu folgen, war ihm damals noch nicht so recht bewusst. Dmitri Schostakowitschs Musik und die von Gustav Mahler, schließlich auch die Faszination seines Lieblingsdirigenten Leonard Bernstein waren es letztlich, die den jungen Musiker bewogen, sein Leben der Tonkunst zu widmen. Die Musik ist für Jurowski nicht eine Welt des schönen Scheins, vielmehr eine Kunst, die mit existenziellen Fragen an das Leben verknüpft ist. Eine Ansicht, die immer wieder auch seine thematisch orientierten Programme widerspiegeln. Mittlerweile ist der gereifte Dirigent auf Orchesterpodien in aller Welt gefragt. Bereits 1995 war er beim Wexford Festival mit Rimski-Korsakovs Oper „Mainacht“ zu Gast, und noch im gleichen Jahr debütierte er mit Verdis „Nabucco“ am Royal Opera House Covent Garden. Intensiv kam er dann mit der Opernarbeit in Berührung als 1. Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin von 1997 bis 2001. Ein Musiktheater, dem er auch weiterhin verbunden blieb. So zeichnete er vor knapp zwei Jahren für die musikalische Leitung von Schönbergs  „Moses und Aron“  in Barrie Koskys Inszeniereung verantwortlich. Seit 1999 ist Jurowski auch auf den internationalen Opernbühnen ein gern gesehener Gast. In jenem Jahr debütierte er mit „Rigoletto“ an der Metropolitan Opera, wo sich seitdem so unterschiedliche Bühnenwerke wie „Jenufa“ , „Pique Dame“ , „Hänsel und Gretel“ und „Die Frau ohne Schatten“ anschlossen. Von weit gefächertem stilistischem Vermögen zeugt auch seine weitere Laufbahn, die ihn mit „Parsifal“ und „Wozzeck“ an die Welsh National Opera, mit Prokofjews „Krieg und Frieden“ an die Opéra National de Paris, zudem mit „Eugen Onegin“ an die Mailänder Scala sowie mit Glinkas „Ruslan und Ludmila“ ans Bolschoi-Theater führte.  Die Leitung des Glyndebourne Festival gehörte ebenso zu den gewichtigen Stationen seines künstlerischen Weges wie die des London Philharmonic Orchestra. „Ich bin, glaube ich, von Natur aus ein Überläufer.Es wurde immer natürlicher für mich, mir Kulturen und Sprachen anzueignen… .“ Gleichwohl ist Berlin nunmehr Jurowskis Lebensmittelpunkt, wo er in diesem Herbst die Chefposition des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin übernehmen wird.

Die Orchester in Berlin und Dresden sind jene, zu denen er trotz seines bewegten künstlerischen Lebens immer wieder zurückkehrt. Mit Pendereckis Oper „Die Teufel von Loudon“ hatte er bereits 2002 sein Debut am Pult der Dresdner Semperoper gegeben. Und seit dieser Zeit ist die Sächsische Staatskapelle einer seiner erklärten Wunschpartner. Im Rahmen der Gedenkkonzerte der Kapelle hob er 2012 das Requiem „Dresden – Ode an den Frieden“  von Lera Auerbach aus der Taufe. Nachhaltig auch Jurowskis interessantes Kapellkonzert  bei den 6. Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch 2015  mit Raritäten von Schostakowitsch, Britten und Arvo Pärt.

 „Dresden ist für mich seit Jahren ein absolutes Muss. Ich finde, dass wir uns in den Jahren der Zusammenarbeit sehr gut kennengelernt haben.“ Das wurde auch bei Jurowskis kürzlich in Elbflorenz absolvierten Gastkonzerten deutlich, in denen er ausschließlich Kompositionen des tschechisch-österreichischen Kulturkreises aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts präsentierte. Ein mutiges, spannendes Programm war da zu erleben. Eine Entdeckung sogleich Alexander Zemlinskys Sinfonietta – in Jurowskis Lesart durch Betonung prägnanter Konturen bei gleichzeitiger Vermeidung romantischer Emphase an die Spielmusiken der „Neuen Sachlichkeit“  erinnernd. Eindringlich der schroffe, motorische Tonfall in Erwin Schulhoffs Konzert für Streichquartett und Blasorchester. Während das gastierende Borodin-Quartett und die Kapellmusiker in Bohuslav Martinus Konzert für Streichquartett mit Orchester einen Bogen vom polyphon-kühnen Kopfsatz bis hin zum tänzerischen Finale schlugen. Kaum einen markanteren Schlusspunkt hätte Jurowski setzen können als mit Leos Janáceks von jubelnden Fanfaren gekrönter Sinfonietta.

Nur wenige Tage nach den Dresdner Abenden gab Jurowski als designierter Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin gleichsam sein Einstandskonzert. Raritäten wie Martinus Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken sowie Paul Hindemiths Violinkonzert ( Solistin: Arabella Steinbacher) konfrontierte er da mit Sergej Rachmaninows der Spätromantik noch weitgehend verpflichteten 3. Sinfonie. Vielgestaltige Programme, die zu berechtigten Hoffnungen auf interessante Konzerte auch in der Zukunft Anlass geben!

Dietrich Bretz

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