Der Neue Merker

VICTORIA DE LOS ANGELES: Fauré, Debussy, Ravel

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VICTORIA DE LOS ANGELES: Fauré, Debussy, Ravel – PRAGA DIGITALS SA-CD

Perlen der Gesangskunst – hörenswerte Wiederveröffentlichungen

Die Bewertung von Interpretation und Wirkungsweise klassischen Gesangs erfolgt im Spannungsfeld zwischen heute und dem Bewährten/der Tradition von gestern. Im auf unzählige (Fach)Kommentare und Meinungen gebauten Parnass höchster Vokalkunst findet sich garantiert der Name der katalanischen Diva Victoria de los Angeles. Und hier wiederum nehmen ihre Interpretationen französischer Musik noch einmal einen besonderen Stellenwert ein. Wer kennt und liebt nicht die Tondokumente ihrer Carmen, ihrer Margarethe (Faust), ihrer Manon, ihrer Antonia (Hoffmanns Erzählungen), ihrer Melisande?

PRAGA Digitals Reminiscences hat nun Aufnahmen der Sängerin aus den Jahren 1962-1963 gebündelt, behutsam restauriert und klangtechnisch bestmöglich auf den Markt gebracht: Das Requiem von Gabriel Fauré mit dem Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire de Paris unter André Cluytens mit Dietrich Fischer-Dieskau als zweitem Vokalsolisten, Claude Debussys Kantate „La Damoiselle Èlue“ für Frauenchor, Sopran und Mezzosopran mit dem Boston Symphony Orchestra unter Charles Munch sowie die Kantate „Sheherazade“ für Sopran, Flöte und Orchester und die „Cinq Mélodies populaires Greques“ von Maurice Ravel, wiederum mit dem Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire de Paris, diesmal unter der musikalischen Leitung von Georges Prêtre.

Victoria de los Angeles verfügte über einen überaus luxuriös und fraulich timbrierten lyrischen Sopran mit Spinto bzw. jugendlich dramatischen Qualitäten (Butterfly, Suor Angelica, Tannhäuser Elisabeth, Elsa). Manche umschrieben ihren Sopran mit Engelsstimme. Sie hat in ihrer Geburtsstadt Barcelona Gesang, Klavier und Gitarre studiert. Ihr Lieblingstenor war Jussi Björling (die gemeinsamen Einspielungen von La Boheme, I Pagliacci und Madama Butterfly sind legendär), von dem sie jedoch behauptete, dass die Aufnahmen die Qualität und Schönheit seiner Stimme nur unzureichend wiedergeben. Vielleicht ist das auch bei den vorliegenden Ausschnitten der Victoria de los Angeles der Fall. Dennoch kann der Hörer gerade bei den impressionistischen Juwelen eines Debussy und Ravel das raffinierte Spiel mit den Klangfarben, die präzise Textausdeutung sowie die elegische Träne im Timbre bewundern. Mit welcher Hingabe, Einsatz der ganzen Seele und künstlerischer Unbestechlichkeit (sie lehnte etwa den „scheinheiligen“ Charakter der Tosca komplett ab und sang daher auch diese Rolle nie) diese auch menschlich so herausragende Persönlichkeit hohe Gesangskunst zelebrierte, ist ebenfalls auf dieser CD nachzuhören. Chapeau!

Dr. Ingobert Waltenberger

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