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VAZGEN GAZARYAN – Vom Erfurter Theater an die Metropolitan Opera in New York

Theater Erfurt / 28.4.2017 / Interview mit Vazgen Gazaryan

 Vom Erfurter Theater an die Metropolitan Opera in New York

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Vazghen Gazaryan. Copyright: Gazaryan

Vazgen Gazaryan wurde in Yerevan, Armenien geboren. Er studierte am Staatlichen Konservatorium Yerevan Gesang und Schlagzeug. Danach absolvierte er das Opernstudio des Staatlichen Konservatoriums Yerevan. Vazgen Gazaryan ist Gewinner des regionalen Gesangswettbewerbs Yerevan 2004. Im Jahr 2010 erhielt er den Aurio Tomicich-Preis als „Bester Bass“ beim Viotti-Wettbewerb in Italien. Er wurde auch für den BBC Cardiff Sänger-Wettbewerb 2011 ausgewählt. Seit 2007/08 gehört er dem Ensemble des Theaters Erfurt an.

 

So richtig aufmerksam wurde das Publikum in Erfurt auf Vazgen Gazaryan als er die Titelpartie in Arrigo Boitos Mefistofele gesungen hatte. Von da überzeugte er sein Publikum immer mehr.

 

In der Spielzeit 2011/2012 sang Vazgen Gazaryan in Erfurt den Bertran in Robert le Diable, es folgte die Rolle des Zaccaria in Nabucco. Auch die Partie des Publio in La clemenza di Tito faszinierte das Publikum. Bei den Domstufenfestspielen in Erfurt war er eine feste Säule als Тimur in Turandot und als Pagano in I Lombardi.

 

In der Spielzeit 2012/13 hatte Vazgen Gazaryan einen beeindruckenden Auftritt als Philipp in Verdis Don Carlo am Theater Erfurt.

 

Eine weitere Rolle in Erfurt in der Spielzeit 2013/14 war der Fiesco in Simon Boccanegra und der Pimen in Boris Godunov. Es folgte der Fürst Gremin in Eugen Onegin und er konnte auch als Alidoro in La Cenerentola begeistern. Auch an anderen Opernhäusern hatte Vazgen Gazaryan Erfolg, so sang er den Hunding mit dem Russischen National Orchester in einer konzertanten Aufführung der Walküre in Moskau unter der Leitung von Kent Nagano.

Faust
Mephisto. Copyright: Lutz Edelhoff/ Theater Erfurt

Am Mikhailovsky Theater in St. Petersburg gab er sein Debüt als Wassermann in Rusalka. Als Mephisto in Ch. Gounods Faust in der Ungarischen Staatsoper, Banco Macbeth am Mainfranken Theater in Würzburg. Auch moderne Stücke lagen ihm, so gehörte er zum Ensemble von Dennis Russell Davis in Philip Glass’ Waiting for the Barbarians in der Barbican Hall London im Jahr 2008.

 

In der kommenden Spielzeit wird Vazgen Gazaryan an der Metropolitan Opera in New York singen. Doch bevor er abreist, konnte er ein exklusives Interview für Orpheus geben.

 

  • Herr Gazaryan ihre musikalische Laufbahn hat eigentlich mit Popmusik und einer Ausbildung als Schlagzeuger an der Musikhochschule in Yerevan begonnen?

 

Ich komme aus einer Musikerfamilie. Meine Mutter war Pianistin und unterrichtete das Fach Kammermusik an der Musikhochschule in Yerevan. So wollte ich unbedingt etwas mit Musik anfangen. Bis heute liebe ich auch populäre Musik z.B. Beatles und Queen.

 

  • Sie haben dann mit Auszeichnung im Fach Schlagzeug und Gesang bestanden, woran denken sie zurück, wenn sie sich an diese Zeit erinnern?

 

Ich hatte einmal während des Studiums nur die Note neun statt zehn erhalten, weil ich mein Studium nicht ernst genug genommen hatte. Dann sagte meine Familie, dass ich kein Recht hätte die Würde meiner Familie und meiner Mutti-Professorin zu verletzen. Sie verlangten, dass ich doppelt so viel arbeite und so konnte ich mein Studium mit zwei „roten Diplomen“ absolvieren. Mehr geht nicht. Das Studium gab mir viele Impulse. Die Musik des 20. Jahrhunderts bietet ja viele Kompositionen mit Schlagwerk wie Xylophon, Marimbaphon oder Pauken. Als ich studierte, wurden extra einige Schlagwerkstücke für mich komponiert. Später fing ich an Gesang zu studieren. Meine Stimme wurde immer tiefer, aber es dauerte eine Weile. Eine Bassstimme entwickelt sich später als eine Tenorstimme. Da heißt es auch, abwarten bis man so weit ist. Deswegen ist es nötig, nicht zu früh anzufangen, um die Stimmbänder zu schonen.

 

  • Sie konnten den Preis des „Aurio Tomicich Prize as Best Bass at the Viotti Competition in Italy“ gewinnen, was hat dieser Preis für sie bedeutet?

 

Direkt vor dem Finale wurde ich krank und wusste nicht, wie ich singen sollte. Meine Mutter konnte, vor ihrer Tätigkeit als Hochschullehrerin, viele Erfahrungen sammeln. Sie sagte mir dann, dass das meistens so ist und dass sich 99 Prozent aller Sänger vor ihrem Auftritt krank fühlen. Damit hatte sie mich für den Rest meines Sängerlebens motiviert und seitdem bin ich eigentlich nie krank gewesen. Ein Sänger soll die Nervosität überwinden. Wenn man wirklich Stimmprobleme bekommt, kann es natürlich nötig sein zu pausieren. Dieser Wettbewerb hatte mich abgehärtet für mein weiteres berufliches Leben.

 

  • Und haben sie schon einmal, während einer Vorstellung gesundheitliche Probleme bekommen?

 

Bei den Lombarden mussten wir ziemlich steile Bühnenberge rauf und runter laufen, da verletzte ich mich, bekam einen Muskelfaserriss. Es ist genau da passiert, als ich den Tod meines Helden spielte. Ich fiel auf den Boden und sang meine Arie zu Ende. Es war schon eigenartig, dass es genau in diesem Moment passierte. Alles passte zur Aufführung. Die Zuschauer verstanden erst am Schluss, dass ich wirklich verletzt war. Dann kam ich zum Applaus humpelnd auf die Bühne. Danach konnte ich einige Tage nicht laufen.

 

  • Was war ihr eigentliches Operndebüt?

 

Mein Debüt fand am Konservatorium in Yerevan statt. Dort habe ich Basilio in Rossinis Barbier von Sevilla gesungen. Für einen jungen Bass ist das eine ideale Rolle, weil sie komplex, gleichzeitig aber auch nicht sehr kompliziert ist. Wir Studenten übten dann drei oder vier Monate. Ich habe die Aufnahme noch. Wenn ich das heute noch höre, finde ich es auch ein wenig peinlich. Ich entdecke vieles und würde es heute natürlich anders machen. Allerdings muss man vielleicht akzeptieren, dass man selbst eine Entwicklung durchmacht.

 

  • Wie sind sie zum Erfurter Theater gekommen?

 

In Dresden nahm ich am Wettbewerb „Competione dell‘Opera“ teil. In der Jury war damals Guy Montavon Mitglied. Er sprach mich an und lud mich nach Erfurt ein. So wurde ich im Dezember 2007 Ensemble-Mitglied.

 

  • Was haben sie dann in Erfurt erlebt?

 

Gleich als ich ankam, begann die Arbeit. Ich musste gleich in viele verschiedene Rollen einspringen und acht Rollen lernen. Bis heute habe ich über fast 60 mittlere und größere Rollen gespielt. Da sind die zwei Mephisto-Rollen, Veit Pogner in den Meistersingern aber auch die Rollen als Phillip in Don Carlo und Sparfucile in Rigoletto. Wichtig waren mir auch der Gremin im Onegin und der König Rene in Yolante.

 

  • Füllt Sie das Leben als Sänger komplett aus?

 

Ach, ich kann, wenn ich das Theater verlasse, auch etwas anderes machen. Ich spiele gern Tennis. In meiner Wohnung habe ich ein kleines Tonstudio. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, spiele ich mit einer Band auch mal Popmusik. Die Popmusik der Sechziger und Siebziger mag ich sehr z. B. Queen. Außerdem schätze ich meine armenische Volksmusik. Ich spiele dann gern Schlagzeug. Es gibt Sänger, die denken 24-Stunden nur an ihre Gesangskarriere, ich will auch mal etwas anderes machen. Natürlich nehme ich den Beruf ernst, doch ich denke, man braucht auch mal Abstand.

 

  • Welche Art von Regie hat für Sie Bedeutung?

 

Ich bin nicht altmodisch, aber ich mag keine Inszenierungen, die gegen die Musik gemacht sind. Leider gibt es immer mehr Regisseure, die zu wenig aus der Musik heraus inszenieren. Ich schätze sehr unseren Intendanten Guy Montavon. So wie er den Mephistophele von Boito inszeniert hat, das begeistert mich. Er versteht die Sänger und kann sie gut präsentieren. Auch die Arbeit mit Benjamin Prinz hat mir gefallen, da bin ich der Mephisto in Gounods Oper gewesen.

BBC Cardiff
Cardiff-Singer Wettbewerb. Copyright: Gazaryan

  • Wer will, kann sich bei Youtube ihren Auftritt bei einem BBC-Wettbewerb in Cardiff ansehen. Da sieht man sehr schön ihr Minen-Spiel. Sind Ihnen die Mephisto-Rollen auf den Leib geschneidert?

 

Ja, da waren 20 Sänger aus 700 Sängern ausgewählt und ich wurde kritisiert, weil ich so ein ernstes Programm hatte. Ich bin eben kein Buffo-Typ. Allerdings mag ich den Leporello, denn der ist auch sehr lebensphilosophisch.

 

  • Welche aktuelle Produktion bedeutet Ihnen etwas?

 

Fasziniert hat mich Wozzeck. Ich singe den Doktor, also wieder mal eine böse Rolle. Die Rolle gefällt mir sehr und ich habe alles ganz schnell gelernt. Ich glaube, diese Doktor-Rolle wird immer zu meinem Repertoire gehören.

 

  • Was halten Sie von Wettbewerben?

 

Da habe ich wenig zu bieten. Ich kann nur zwei Preise vorweisen: einen in Armenien und einen in Italien, für die beste Bassstimme. Ich glaube diese Preise spielen keine so große Rolle mehr.

 

  • Sie haben sich in Erfurt für die Aufführung von Tschaikowskys Yolante eingesetzt, warum?

 

Ich habe sieben Jahre fast auf Knien darum gebettelt. In Russland wird sie überall gespielt und zwar zusammen mit Rachmaninows Aleko. Diese Rolle singe ich ja auch immer und liebe sie sehr.

 

  • Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

 

Erst mal bereite ich mich auf die Metropolitan Opera vor. Aber es können auch Rollen noch in Russland kommen. Vielleicht kommen ein paar Wagner-Rollen in Russland. Die kommende Spielzeit bin ich aber ganz in New York und dann sehen wir weiter.

 

  • Haben Sie Sehnsucht nach ihrer armenischen Heimat?

 

Ich glaube da geht es mir, wie vielen anderen Menschen, dass sie in ihrer Heimat nicht so geschätzt sind. Ich habe Erfolg an vielen Orten, aber nicht dort, wo ich herstamme. Wahrscheinlich geht es vielen Künstlern so.

 

  • Wie sind sie zu einer Bewerbung an der Metropolitan Opera gekommen?

 

Ich lernte den finnischen Dirigenten Jari Hämäläinen kennen, der gerade seine Agentur Bel Canto Global Arts Europe mit seinem neuen Konzept eröffnet hatte, indem er mit seinen Erfahrungen als internationaler Dirigent und dem weltweit gefragten Vocal coach und Agenten Brian Jauhiainen Talente ausbildet und vermittelt. Nach einem Jahr Zusammenarbeit hat Jari Lenore Rosenberg aus der Met eingeladen, die vorschlug, dass ich an dort vorsingen sollte. Das machte mir natürlich Mut und ich bin Brian Jauhiainen und Jari Hämäläinen sehr dankbar und verbunden, weil sie mich so gut unterstützten.

 

  • Welche Rolle werden sie singen?

 

Ich werde den Oroveso, den obersten Druide in der Oper Norma von Vincenzo Bellini singen. Das ist eine sehr dramatische Bassrolle, die sehr viel fordert, darum freue ich mich so darauf.

 

  • Wahrscheinlich gibt es gar nicht so viele Bässe, die diese Rolle singen können?

 
Das ist ja das Faszinierende daran. Man braucht ein großes Volumen bei sehr tiefen Tönen und einen nach unten erweiterten Tonumfang und muss auch eine dunkle Färbung in der Stimme besitzen, nicht alle Bass-Sänger besitzen diese Fähigkeiten. Ich bin sehr glücklich darüber, denn ich denke, dass die Oroveso-Rolle mir wirklich, wie man so schön sagt, auf den Leib geschneidert ist. Ich glaube, dass ich auch ein kritisches Publikum damit überzeugen kann und werde wirklich alles geben.

 

  • Für diese Rolle wünschen wir ihnen alles Gute und natürlich für Ihr weiteres Sänger-Leben viel Erfolg.

 

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

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