Der Neue Merker

USEDOM/ Kraftwerk des Museums Peenemünde: „WATERWORKS“, ein Klang- und Farbenrausch sondergleichen

Usedom/ Kraftwerk des Museums Peenemünde: „WATERWORKS“, ein Klang- und Farbenrausch sondergleichen, 28.08.2017

Waterworks mit Kristjan Järvi, (c) BMEF - Peter Adamik
Kristjan Järvi & Baltic Sea Philharmonic. WATERWORKS (c) BMEF/ Peter Adamik

Wasser schafft Leben. Regionen verdorren und Menschen verdursten, wenn das Wasser fehlt. Wasser zerstört, überflutet Landstriche und Städte, siehe Houston in Texas. Thales von Milet (624.547 v.Chr.)  –  Philosoph, Mathematiker und Astronom – drückte es umfassend aus: „Das Maß aller Dinge ist das Wasser; alles entsteht aus Wasser und alles wird wieder zu Wasser.“

Mit „WATERWORKS“ setzen nun auch der Dirigent Kristjan Järvi und die von ihm gegründete Baltic Sea Philharmonic auf das mal plätschernde, mal wild aufschäumende Wasser. So beim Sommerkonzert am 26. August auf Usedom. Spielort ist das ehemalige Kraftwerk Peenemünde im Nordwestzipfel dieser schönen Ostsee-Insel.

Järvi und das jugendfrische Orchester haben schon eine 12-tägige Waterworks-Tour hauptsächlich durch Dänemark hinter sich und begeisterten dabei mehr als 8.000 Zuhörerinnen und Zuhörer. Jetzt klingt die zweite Staffel aus, doch was heißt hier ausklingen. Ein Rundum-Raumklang von Barockmusik bis zur Moderne plus spektakulärer Light-Show überwältigt das Publikum. Am 25. August waren sie im Konzerthaus Berlin, sind nun also auf Usedom und reisen gleich weiter zur Lutherstadt Wittenberg. Schlusspunkt am 29. August ist die Elbphilharmonie in Hamburg, und überall sind die Säle ausverkauft.  

Waterworks mit Kristjan Järvi,(c) BMEF - Peter Adamik, II
WATERWORKS (c) BMEF/ Peter Adamik

Die Basis bildet die „Wassermusik Suite Nr. 1“ von Georg Friedrich Händel, doch die bleibt keineswegs so, wie sie komponiert wurde. Daniel Schnyder, Charles Coleman und Gene Pritsker haben sie für das Orchester arrangiert.

Zuvor zur Einstimmung malt Järvi noch ein Musik-Aquarell, bestehend aus Pritskers Water Possessed Afresh (von 2017), Händels Allegro aus der Suite Nr. 1, sowie  Bourée und Lento aus seiner Suite Nr. 2.  Mit verquirlt werden außerdem das Präludium aus Carl Nielsens Suite für Streichorchester op. 1 sowie Colemans Stück Drenched (von 2014).  Das alles ohne Unterbrechung ineinander greifend.

Dazu flimmert und flackert es allenthalben. Die ganze riesige Kraftwerk-Halle eingetaucht in Musik- und Lichtkaskaden plus gelegentlichem Theaternebel, so als starte gerade ein Popkonzert der Sonderklasse. Ein siebenköpfiges Team von Sunbeam Productions  mit dem Lichtdesigner Bertil Mark, dem Sounddesigner Chris Ekers und dem Videokünstler Philipp Geist sorgt für all’ diese Effekte.

Überdies und nur in Peenemünde, dem Geburtsort des Baltic Sea Philharmonic, gehen die rd. 70 Instrumentalisten aus zehn Ländern, nicht wie üblich auf die Bühne. Eingekleidet von den Monton-Designern, einer internationalen Marke des estnischen Modeunternehmen Baltika, laufen sie wie auf einer Modenschau von hinten durch den ganzen Saal zum Podium. Zu bestaunen sind 13 Outfits für die Männer, neun für die Frauen, alle passend zum Thema Wasser.    

Was ist der Zweck all’ dieser Zutaten und Arrangements? Das Baltic Sea Philharmonic tritt an, so heißt es, „die Präsentation und Aufführung von Musik im 21. Jahrhundert zu revolutionieren.“ Kristjan Järvi, der alle Rhythmen mittanzt, nennt dieses Orchester „ein lebendes, atmendes Wesen mit grenzenloser Energie und Enthusiasmus für das Neue – ein beispielloses Abenteuer“. Sind also „Waterworks“ und die kommende Tour „Baltic Folk“ (mit Fokus auf Rachmaninow und Strawinsky)  Kristjan Järvis neue abenteuerliche Wander-Superdisko??  Ein „let’s rock“-Spektakel, das die Klassiker und Neoklassiker aufmischt, um sie der jungen Generation nahe zu bringen? Nicht nur. Aber Järvi, auch Chef vom MDR Sinfonieorchester, und seine Instrumentalisten lieben und können halt vieles.
 
Abweichend vom gedruckten Programm startet Järvi nun in Peenemünde mit Händels umarrangierter Wassermusik Suite Nr. 1, also Barockmusik in modernem Gewand. Interessant sind diese Varianten, das Abschweifen, die Zuspitzungen. Das Blech fällt durch besondere Fitness auf, die Streicher/Innen und alle anderen legen sich ins Zeug. Das kann man so machen, doch einen Händel verbessern – das schaffen sie alle miteinander nicht. Mit welcher Hingabe sie die originalen Händel-Passagen spielen, fällt jedenfalls auf.

Waterworks mit Kristjan Järvi und Mikhail Simonyan, Violine, (c) BMEF - Peter Adamik
Mikhail Simonyan. WATERWORKS (c) BMEF/ Peter Adamik

Als zweites Werk die „Suite für Streichorchester op. 1“ des Dänen Carl Nielsen, geboren auf der Insel Fünen, also in Wassernähe. Mit diesem Werk, komponiert mit 23 Jahren, wurde er in Dänemark bekannt und dafür gefeiert. Das Intermezzo mit dem Walzer nach Wiener Vorbild fand besonderen Anklang und geht auch in Peenemünde gut ins Ohr, zumal das Orchester, animiert von Järvi, das ganze Stück mustergültig und differenziert darbietet.

Zuletzt zweimal Philip Glass als Gabe zu seinem 80. Geburtstag. Zunächst sein Violinkonzert Nr. 2 „The American Four Seasons“ (von 2009). Das swingt und wabert auf weite Strecken in ständigen Wiederholungen gleichmäßig und mit relativ wenigen Zuspitzungen dahin, wird zum „Glasperlenspiel“ mit Entspannungspotenzial.

Doch der großartige Geiger Mikhail Simonyan macht etwas daraus und setzt dem Stück

allerfeinste Lichter auf. Er und Järvi sind sichtlich „alte Bekannte“, die sich die „Bälle zuwerfen“. Järvi scheint oft noch mehr aus dem Virtuosen herausholen zu wollen, was eigentlich nicht nötig ist. Power und Zartheit – alles ist da.

Denn Mikhail Simonyan liebt diese Gleichmäßigkeit. „Weil sich die musikalischen Elemente stetig wiederholen, hat der Solist die Möglichkeit, die Phrasierung und Gestalt der Musik in einer sehr individuellen und persönlichen Weise zu gestalten,“ äußert er im schon vorliegenden Magazin zum Usedomer Musikfestival, das vom 23.09.-14.10. 2017 stattfindet. Dort steht dann Dänemark im Mittelpunkt mit dem Cellisten Andreas Brantelid, Gitte Haenning und dem Danish String Quartet, das dort Kultstatus besitzt.

Waterworks mit Kristjan Järvi, (c) BMEF - Peter Adamik (3)
WATERWORKS (c) BMEF/ Peter Adamik

In Peenemünde geht’s nun aber nach der Pause mit Philip Glass’ „Aguas da Amazonia“ (von 2016), arrangiert für Orchester von Charles Coleman, in den Dschungel. Ob das hörbare Vogelgezwitscher, das Wasserglucksen und weitere Geräusche von Glass selbst komponiert wurden oder Zutaten von Coleman sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein langes Stück, dahinplätschernd wie Welle auf Welle und leicht einschläfernd. Gelegentlich wird’s am Amazonas auch mal heftiger, doch das friedliche Wellenschaukeln überwiegt.

Und Järvi? Der investiert sein volles Engagement in Wassermassen des Amazonas. Der tanzt noch immer auf dem Podium. Beneidenswert, dass er sich während des ganzen Konzerts rhythmisch bewegen kann – und er kann es mit jeder Körperfaser – die Kritikerin aber artig auf ihrem Stuhl sitzen muss. Warum nicht die Stühle zumindest teilweise entfernen, damit das Publikum, so es möchte, mittanzen kann?
Heftiger, lang anhaltender Applaus folgt diesem Konzert und zeigt, die Besucher sind von diesen außergewöhnlichen Klang- und Lichterlebnissen begeistert. Hinterher sagt Kristjan Järvi sinngemäß, es sei doch wunderbar, dass eine Musik der Liebe nun in dieser Halle gespielt wird. (Es ist das ehemalige Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt im Nazi-Deutschland, wo die Tod bringenden V2—Raketen erfunden und produziert wurden). Nun setzen sich junge Menschen aus zehn Ländern mit Kraft und Können gegen Konfrontationen und für ein friedliches Miteinander ein.   

Ursula Wiegand

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