Der Neue Merker

USEDOMER MUSIKFESTIVAL: VERBINDUNG VON MENSCHEN UND KULTUREN

Usedomer Musikfestival: Verbindung von Menschen und Kulturen, 21.09.2015

Zinnowitz, Vinetabrücke, Tauchgondel von 2006, Foto Ursula Wiegand
Zinnowitz, Vinetabrücke, Tauchgondel von 2006, Foto Ursula Wiegand

Ostseewellen und Möwengeschrei, Seebrücken und Waldwege, Scheunen und Schlösser, Reetdächer und Bäderarchitektur, uralte Kirchen plus Peenemündes Riesenkraftwerk – und mittendrin das 22. Usedomer Musikfestival vom 19.09. – 10.10. 2015.

Unbenannt
Sibelius-Denkmal in Helsinki von Eila Hiltunen, Foto Ursula Wiegand

Jedes Jahr steht einer der zehn Ostsee-Anrainerstaaten im Focus. Diesmal ist es Finnland mit Jean Sibelius, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Werke des gleichaltrigen Dänen Carl Nielsen sind ebenfalls zu hören.

Peenemünde, Eingang des historischen Kraftwerks, Foto Ursula Wiegand
Peenemünde, Eingang des historischen Kraftwerks, Foto Ursula Wiegand

Die Spielorte könnten unterschiedlicher kaum sein. Seit Jahren bildet das historische Kraftwerk Peenemünde den spektakulären Rahmen für das Eröffnungskonzert. Der gewaltige Backsteinbau lieferte einst den Strom für Hitlers höchstgeheime Heeresversuchsanstalt, wo Wissenschaftler Raketen entwickelten und bereits am Bau einer Atombombe tüftelten. Nach der Umwandlung in ein technisches Museum begann 2002 – mit der Aufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“ – die friedliche Weiternutzung.

Die jungen Musikerinnen und Musiker aus den Ostseeländern haben lieber an ihren Partituren getüftelt. Mit großem Erfolg. Vereint zur Baltic Sea Youth Philharmonic gestalten sie unter der Leitung des temperamentvollen Festival-Gründers Kristjan Järvi auch in diesem Jahr das Eröffnungskonzert in diesem ehemaligen Kraftwerk.

Kristjan Järvi beim Eröffnungskonzert, Foto Geert Maciejewski
Usedomer Musikfestival, Kristjan Järvi beim Eröffnungskonzert, Foto Geert Maciejewski

Järvi hat stets alles im Blick, hierhin ein Fingerzeig, dorthin ein aufmunterndes Lächeln. Er selbst tanzt jeden Takt auf dem Podium mit, Musik als Ganz-Mensch-Ereignis, ohne dass es übertrieben wirkt. Ein Animator, der den jungen Menschen Mut macht und sie in kurzer Zeit zu einem erstaunlich perfekten Orchester zusammenschweißt. Frühe Profis zeigen ihr Können. Das Streicher-Legato, das Kontrabass-Grummeln, die Holzbläser-Wärme und das blitzende Blech – so munter ist das nicht alle Tage zu hören! Auch diesmal kann Järvi jubeln.

Dieses Miteinander funktioniert jedes Jahr, selbst wenn sich einige Länder mitunter nicht ganz „grün“ sind. Und so verhelfen die jungen Künstler gemeinsam mit Kristjan Järvi und dem fabelhaften Pianisten Pauli Kari auch der Welturaufführung „GREEN Concerto für Klavier und Orchester“ von Severi Pyysalo ( geb. 1967) zum Erfolg.

Usedomer Musikfestival, Severi Pyysalo und Pauli Kari, Foto Geert Maciejewski
Usedomer Musikfestival, Severi Pyysalo und Pauli Kari, Foto Geert Maciejewski

„Behind the Green Screen, Lost Territory, Greed, Climb down, Better is the World” heißen die fünf relativ kurzen Sätze. Hier geht es um unsere Umwelt, um Buße für Umweltsünden und die notwendige Umkehr. Es ist zeitgenössische Musik nach finnischer Art, einem Land mit tiefen stillen Wäldern und nicht nur 1.000, sondern 187.888 Seen! Wer in einem solchen Land lebt, komponiert hörbar anders als im überfüllten Mitteleuropa.

Dissonanzen sind bei Severi Pyysalo – auch ein bekannter Vibraphonist – kein Selbstzweck, selbst wenn sie Pauli Kari – angenehm relaxed im blauen Hemd und dunkler Weste – mit Bravour in die Tasten hämmert. Dem mit geballten Akkorden geführtem Kampf gegen den Missbrauch der Natur folgt stets das liedhaft Beruhigende. Pyysalo prangert in seiner Komposition den Raubbau an den Ressourcen an, geht aber offenbar davon aus, dass wir bereits aus den Fehlern gelernt haben und endet mit dem optimistischen Finale: „Better is the World“. Als ich ihm im nachhinein sage, ich hätte oft das Rauschen der Wälder und das Glucksen des Wassers herausgehört, ist er sehr zufrieden.

Usedomer Musikfestival, Pauli Kari spielt GREEN, Foto Peter Adamik
Usedomer Musikfestival, Pauli Kari spielt GREEN, Foto Peter Adamik

Jedenfalls hätte Pyysalo keinen besseren Interpreten für seine Botschaft finden können. Kari spielt seinen schwierigen Part höchst abwechslungsreich und überdies auswendig. Eine enorme Gedächtnisleistung. „Erst habe ich die linke Seite optisch auswendig gelernt, dann die rechte, eigentlich immer 2 Seiten pro Tag,“ erklärt er mir hinterher. Erst als er das Notenbild im Kopf hatte, kam die Musik dazu. Alles aber in nur 1 ½ Monaten. „Das ist eigentlich ein viel zu enger Zeitrahmen für ein solch neues Stück, aber ich weiß jetzt, dass ich das schaffen kann,“ lächelt er. Er hat es geschafft, aber wie! Brausender Beifall ist der wohlverdiente Lohn.

Vorangegangen war, quasi als Vorwort zu GREEN, „Eine Fantasiereise zu den Färöern“ von Carl Nielsen, ein Kurztrip zu diesen abgelegenen grünen Inseln mit zwei schönen Andante-Sätzen und einem fast heftigen Allegro molto.

Zum fulminanten Abschluss dann die „Sinfonie Nr. 3 C-Dur op. 52“ von Jean Sibelius, in der er sich vom Interpreten des Nationalepos Kalevala zum neoklassischen Komponisten wandelt, dessen Musik Europa erobert. Eine offenbar schwierige Umstellung, die von 1904-1907 dauerte. Das Ergebnis: eine farbiges Werk, das nicht ermüdet, denn Sibelius fasst sich kurz. Seine Dritte hat nur 3 Sätze und dauert knapp 30 Minuten. Mehr braucht dieser Meister der Komprimierung nicht, um seine Gedanken eindringlich und facettenreich zu präsentieren.

Das Volkstümliche ist jedoch nicht vergessen, wie der 1. Satz mit Solo-Flöte und Hörnerklang zeigt, dem die singenden Celli bald Paroli bieten. Nach dem energischen Schluss dieses Satzes folgt das melodische Andantino in gis-Moll mit etwas Walzer-Anmutung. Im Finale geht’s dann zunächst kräftig zur Sache.

Usedomer Musikfestival, Kristjan Järvi jubelt nach dem Eröffnungskonzert, Foto Peter Adamik
Kristjan Järvi jubelt nach dem Eröffnungskonzert, Foto Peter Adamik

Sibelius wollte die „Kristallisation eines Gedankens aus dem Chaos“ darstellen, lässt auch einen Choral anklingen. Mit forschem Tempo spielt das Baltic Sea Youth Philharmonic, als ginge es allen ums Überleben. Ein einfacher Gedanke muss es gewesen sein, endet die Dritte doch unspektakulär und leise. Großartig gemacht, glücklich reißt Kristjan Järvi die Arme hoch.

Wiederum braust der Beifall auf und veranlasst Järvi zu drei (ebenfalls gut geübten) Zugaben: Händels Wassermusik-Ouvertüre in der Bearbeitung von D. Schnyder, Tschaikowskis Tanz der Narren aus Schneeflöckchen (vom Orchester lustvoll alleine gespielt) und das Finale aus The Prodigal Son von H. Alfven. Ein knalliger, herzlich bejubelter Schluss.

In den folgenden Tagen steuern Musikfreunde gerne die alten, liebevoll gepflegten Dorfkirchen an. „Schneeheller Gesang“ von der Gruppe Lumen Valo erfüllt am 20.9. die St. Michaeliskirche in Krummin.

Usedomer Musikfestival, Lumen Valo in Krummins Michaeliskirche, Foto Geert Maciejewski
Usedomer Musikfestival, Lumen Valo in Krummins Michaeliskirche, Foto Geert Maciejewski

Geleitet von Kari Turunen bringen vier Sänger (2 Tenöre, 2 Bässe) und vier Sängerinnen (2 Sopranistinnen, 2 Altistinnen) geistliche Lieder aus einer Greifswalder Sammlung und alte Finnische Gesänge, beides aus dem 16. Jahrhundert. Dazu Chorwerke von Orlando di Lasso und Heinrich Schütz bis zu Arvo Pärt, der am 11. September 80 Jahre alt geworden ist.

Arvo Pärt, Foto Ursula Wiegand
Arvo Pärt, Foto Ursula Wiegand

Mal singen die Herren alleine, mal die Damen, mal alle acht. Jede Stimme entfaltet sich glockengleich zwischen den Kirchenmauern aus dem 13. Jahrhundert. Und wie klein sind die Unterschiede zwischen Gregorianik und Arvo Pärts innigem „Magnificat“ von 1989. Engelsgleich schwebt Titta Lampelas Sopran in höchste Höhen empor. Ein unvergesslicher und mit starkem Applaus bedachter Abend.

Ursula Wiegand

Kleine Vorschau:

Liepe, St. Johannes Kirche von 1216
Liepe, St. Johannes Kirche von 1216, Foto Ursula Wiegand

Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, lockt Usedoms ältestes Gotteshaus, die St. Johannes Kirche (von 1216) in Liepe am Achterwasser. Zwei Künstler singen dann „Von Finnlands Seen und Wäldern“. Am 7.10. wird dann im Miejski Dom Kultury, dem Kulturhaus von Swinemünde, eine Klangbrücke von Stettin nach Helsinki geschlagen.

Der berühmte Finnische Tango fehlt auch nicht. Als „Tango Virtuoso“ präsentiert ihn am 26.9. das Trio Cayao in der neogotischen Kirche von Zinnowitz. Nach dem Motto „Ende gut, alles gut“ sorgen am 10.10. heiße Rhythmen vom Tango-Orchester Guardia Nueva im Kaiserbädersaal in Heringsdorf für einen schwungvollen Festival-Ausklang.

Infos, Tickets und Shuttle-Bus-Buchung unter Tel. 038378-34647 oder www.usedomer-musikfestival.de. Generelle Infos zu Usedom unter www.usedom.de. (U.W.)

 

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