Der Neue Merker

Untergriffig

Keine Angst, das wird kein täglicher Kommentar zu Bogdan Roščić, aber vielleicht sollte man doch von Anfang an auf Dinge hinweisen, die offensichtlich sind. Zum Beispiel der Mangel an Fairness gegenüber »Kollegen« Peter Gelb – ehemaliger Kollege, weil er vor Roščić Sony-Music leitete, künftiger Kollege, falls Gelb 2020 noch Operndirektor ist. Widerstände gegen ihn gibt es viele (man muss nur die New Yorker Zeitungen lesen, was per Internet mühelos möglich ist).

Sicherlich verkehren Roščić und Gelb in New York viel miteinander, und Mr. Gelb hat spätestens bei der gestrigen Wiener Pressekonferenz gemerkt (irgendwer wird es ihm schon berichtet haben, und sei es Ioan Holender, der auf der pay roll der Met steht und auch in jedem Übertragungsnachspann als Berater genannt wird), dass Vertrauen eine knifflige Sache ist, wenn man sich nicht fragt, wem man etwas anvertraut. Zumal Dinge wie schlechte Auslastung, die man ja tunlichst nicht in die Öffentlichkeit hinausposaunt!

Dass Roščić argumentierend erzählte, die Met sei stets halb leer, bei Cavalleria/Bajazzo (immerhin mit Westbroek und Marcello Alvarez) überhaupt nur zu einem Drittel gefüllt, war das in höchstem Maße untergriffig – nicht nur, weil diese Information für Wien selbst irrelevant ist. Denn abgesehen von den 3800 Tickets, die die Met vergleichsweise verkaufen muss (fast doppelt so viel wie Wien, allerdings in einer Stadt, die ein Vielfaches an Einwohnern hat), geht es um die Wiener Staatsoper, die immer (fast) voll ist und dies mit einiger Sicherheit bleiben wird, wenn Dominique Meyer das Haus 2020 übergibt, denn es besteht kein Anlass anzunehmen, dass sein bisheriges Auslastungs-Erfolgsrezept nicht noch die nächsten dreieinhalb Jahre funktionieren wird. Da wird die Aufgabe darin bestehen, die Reihen des Zuschauerraums voll zu halten – mit welchem Roščić-Konzept auch immer.

Die Phrase, man müsse »die Jugend ins Theater bringen«, macht mich gähnen, die höre ich, seitdem ich selbst ein Teenager war – also ist es offenbar immer gelungen. Wenn ich auch zugebe, dass es in der Welt von Smartphone und Facebook schwieriger ist, weil die heutigen Menschen anders denken. (»Wenn ich eine Superausstellung auf Facebook stelle, bekomme ich vielleicht ein Dutzend Likes«, sagt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, »wenn ich ein Bild von meinem Hund hineinstelle, sind es Tausende…«) Und Kultur passt nicht ganz auf die Geräte in der Hand – wer starrt schon auf eine handflächengroße Götterdämmerung, zumal, wenn er vermutlich vor lauter Außenlärm nichts hört. Wie diesem Zeitgeist von Seiten der Opernhäuser zu begegnen sei, da sind wir auf die Vorschläge von Herrn Roščić sehr gespannt.

Die »Met im Kino« zu verteufeln, ist nicht nur gegenüber dieser Großtat von Peter Gelb schlechtweg eine Gemeinheit (denn bei Millionen Besuchern in aller Welt verdient das Haus selbst auch ganz gut mit), es nähme, gäbe es diese Institution nicht mehr, einem hoch interessierten Publikum überall die Möglichkeit, diese Aufführungen zu sehen – wann immer ich im Village Kino einen Met-Abend besuche, ist dieser Saal (und ein zweiter) rappelvoll.

Vielleicht auch, weil 32 Euro ein Schnäppchen sind gegen »live«. In der Wiener Staatsoper würde ich (ich würde nicht, weil ich es mir nicht leisten kann) für ähnliche Sitz- und Hörqualität 200 Euro zahlen. Das sei den Betuchten zu gönnen. Mir gönne man die Met im Kino.

Und auch die 14 Euro-Übertragungen aus der Wiener Staatsoper. Warum soll ein Opernfreund in Innsbruck, in Modena, in Kaiserslautern, in Cardiff, in Bordeaux, wo immer, nicht per World Wide Web sehen können, was Wien zu bieten hat?

Nun geht es ja bei 4.0 um Vernetzung. Man kann nicht einerseits gegen Übertragungen sein, weil »dann niemand mehr ins Haus kommt«, und andererseits die Digitalisierung weiter und weiter vorantreiben, bis wir alle selber nur noch ein Chip sind…

Auch ein Spagat, um den man Herrn Roščić nicht beneiden muss. Wie der Job ja überhaupt wirklich nicht so erstrebenswert ist, wie wir glauben, die wir zuhause (und in den Foren von Zeitungen und Online Medien) die besten Direktoren wären und wüssten, wie es geht. Die einen nur mit Konwitschny (damit Attila in einem wild gewordenen Kindergarten spielt). Die anderen mit weinendem Auge an Schenk zurückdenkend (damit man im Schlauen Füchslein jeden einzelnen Grashalm zählen kann). Wie findet man da durch, zumal die »Mitte« ja längst in unserem Auge keine goldene Mitte ist (wie Meyer sie möglicherweise anstrebte), sondern die Mittelmäßigkeit?

Aber, um noch einmal auf den Anlass dieser Überlegungen zurückzukommen: Auszuplaudern, was Peter Gelb ihm sicher im Vertrauen erzählt hat, war von Roščić schlechtweg fies. Sich (das war ein Seiltanzakt) über die Feinheiten der Lady Macbeth-Arie auszulassen, um ultimative musikalisch-interpretatorische Kompetenz zu zeigen, war angeberisch. Aber man muss seine Waffen wohl auspacken, wenn man das stärkste As nicht auf den Tisch legen kann: Erfahrung in der Leitung eines Opernhauses. Kein nettes kleines Segelschiff zum Üben. Sondern der größte aller Ozeandampfer, der nicht zur »Titanic« werden soll.

Renate Wagner

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