Der Neue Merker

TRIO KHALDEI: Shostakovich / Prokofiev

CD Schosta

TRIO KHALDEI: Dmitri Shostakovich Klaviertrios, Werke von Sergei Prokofiev; paraty CD

Das belgische Klaviertrio ist auf russische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spezialisiert. Folgerichtig leitet sich der Name des Trios von einem der bemerkenswertesten Fotographen des 20. Jahrhunderts ab. Jewgenij Ananjewitsch Khaldei war offizieller Photograf des Stalin-Regimes und hat als Kriegsberichterstatter u.a im Mai und April 1945 die Eroberung Berlins durch die sowjetischen Truppen auf Bild festgehalten. Universelle Dokumente einer zerstörten Welt. Die Suche nach Wahrheit, Authentizität und Nuancen, die seine Arbeit bestimmte, will das Trio programmatisch auf seine Interpretation übertragen wissen. 

Auf der neuen CD haben die drei großartigen Musiker (Barbara Baltussen Klavier, Pieter Jansen Violine und Francis Mourey Cello) die beiden Klaviertrios von Dmitri Shostakovich sowie die Ballade für Cello und Klavier in C, Op. 35, und 5 Mélodies von Sergei Prokofiev eingespielt.

Jugendlich schwärmerische Kammermusik wie das erste Trio des gerade einmal 17-jährigen Shostakovich oder die Celloballade von Prokofiev stehen reifere, technisch und musikalisch anspruchsvollere  Werke gegenüber. Den größten Eindruck hinterlässt das zweite Klaviertrio, Op. 67, von Shostakovich. In diesem kammermusikalischen Spitzenwerk werden alle objektiven und subjektiven Schrecken des Krieges zu Ton. Höchstmögliche Kontraste vom zartesten Pianissimo, dem einleitenden Kanon bis zu einem obszön makabren Tanz, vom wie verloren wirkenden Klaviersolo im dritten Satz bis zur stampfenden Passacaglia spielt das Trio Khaldei mit einer  maximal imaginierten Klarheit auf Basis der Empathie des Wissenden um Schrecken und Schmerz.  Das finalen Allegretto, eine musikalische Höllenfahrt sondergleichen, mischt politische Apokalypse mit der persönlichen Trauer eines Requiems. Während der Komposition des Trios war einer der wichtigsten Freunde in Shostakovich‘ Leben, Ivan Sollertinsky, gestorben. 

Was beim Spiel der drei jungen Musiker sofort auffällt, ist die grell gefärbte erzählerische Artikulation der drei Solisten, ihre dramatisch-expressive Gebärde. Besonders der Cellist Francis Mourey vollbringt nahezu Wunder an klanglicher Intensität und Entäußerung. Das Spiel des Trio Khaldei enthält eine klare Botschaft im Sinne von „Hört her, lernt von dem, was ihr vernehmt.“ Wenn man zum zweiten Trios von Shostakovich im Internet die Bilder des zerstörten Berlin von Khaldei betrachtet – auf dem Cover ist das berühmte Foto des von Hawker Hurricans überflogenen Rentiers abgebildet – braucht man keine Worte mehr, um verstanden zu haben. 

In den lyrischeren Passagen des ersten Trios von Shostakovich und den Mélodies  von Prokofiev weiß das Trio Khaldei mit gedämpfteren Farben, dunklen Ausläufern der Spätromantik, zu faszinieren. Hier gerät die Interpretation märchenhaft plastisch, zeugt von hoher suggestiv poetischer Kraft und dem Einander bedingungslos Vertrauen in stilistischer Hinsicht. Weltklasse!

Dr. Ingobert Waltenberger

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