Der Neue Merker

TOBLACH/ Festspiele Südtirol: ORCHESTRA GIOVANILE CLAUDIO MONTEVERDI (Wagner, Tschaikowsky, Mussorgsky)

FESTSPIELE SÜDTIROL IN TOBLACH (8./9.9.2017)

Die Südtiroler Festspiele, die mit den Mahler-Musikwochen durchgehend ein „Grand Summer Festival“ im Kulturzentrum Grand Hotel Toblach bilden, fächern sich in ihrer Programmgestaltung immer mehr auf, d.h. Gustav Mahler steht  nicht mehr im Mittelpunkt, es muss ein breites populäres (Klassik)Programm in der Dolomitenregion verkauft werden. Dazu bieten sie auch zahlreichen Jugendorchestern Auftrittsmöglichkeiten, so am 8.9. dem Orchestra Giovanile Claudio Monteverdi mit zwei großen russischen Werken, denen das Vorspiel zum 3.Akt aus Wagners ‚Lohengrin‘ vorangestellt wurde. Dirigent war Walter Ratzek, Dozent für Blasorchester am Konservatorium Bozen. Die Ouverture wurde schmissig hingeworfen und am Schluß mit einem extremen Ritardando ausgebremst. Danach kam das 1.Klavierkonzert von b-Moll von Tschaikowskymit der jungen russischen Solistin Sofya Gulyak zum Zug. Sie konnte den Klavierpart mit fast dämonisch russischer Inspiration gestalten und spielte sich in den Allegri quasi in einen brillanten kontrollierten Rausch. Das Orchester konnte in jeder Phase einwandfrei mitgehen und die „Winke“ der Solisten“ schlagfertig aufnehmen. Nur eine längere Synkopenstelle war im Zusammenspiel nicht ganz präzise, was aber nicht weiter ins Gewicht fiel. Das ‚einfache‘ Andantino semplice wurde sehr getragen feingezeichnet, man darf aber nicht vergessen, dass es von einem rasanten Walzer „delirio“ interpoliert wird, der von Sofya Gulyak auch wie in Trance exekutiert wurde. Der unübliche Aufbau des langen 1.Satzes mit einer Quasi-Kadenz gleich zu Beginn, ließ das Publikum nach dessen Ende gleich mal frenetisch Beifall klatschen. Noch stärker entlud er sich nach dem finalen Allegro con fuoco nach einer großangelegten Steigerung mit mächtiger Sogwirkung. Die Solistin spielte danach eine Zugabe aus den J.S.Bach-Übertragungen von Feruccio Busoni, ein gleichfalls sehr virtuoses Stück, das ihre  Meisterschaft, auch des dosierten und klaren Anschlags, nochmals eindrücklich zelebrierte.

Nach der Pause dann ‚Bilder einer Ausstellung‘ von M.Mussorgsky in der Ravel-Fassung, die nicht so glatt wie andere Fassungen erscheint. Walter Ratzek bewies hier, daß er sehr gut mit jungen Musikern arbeiten kann, denen die abwechslungsreiche Suite anscheinend sehr gute Laune machte. Hymnische Blechbläserchoräle werden gegen die mehr kontrapunktischen Episoden gesetzt, so wie Mussorgsky auch in seiner Hauptoper Boris Godunov oft gehalten hat. In ‚Catacombe‘ erreicht die symphonische Suite höchste Dramatik, oder auch in Baba Yaga, wo Mussorgsky ganz grell-sperrig wie im Hexensabbath der Fantastique von Berlioz aufspielen läßt. Das ‚Große Tor von Kiev‘ beendet das Konzert triumphal.                                                                                              

Friedeon Rosén

 

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