Der Neue Merker

TIPPET RISE OPUS 2016 – „DOMO“

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TIPPET RISE OPUS 2016 –  „DOMO“ – PENTATONE Oxindale Series SA-CD

Das etwas andere Festspieldokument

„At Tippet Rise, we take great pride in offering uniquely intimate concert settings for audiences of fewer than 150 people. To facilitate this vision and allow as many people as possible to experience music at Tippet Rise, each household is limited to 4 tickets per concert for up to a total of 6 concerts for the 2017 Season.“ Aus dem aktuellen Konzertprogramm

Kennen Sie das 2016 von Cathy und Peter Halstead  ins Leben gerufene US-Festival Tippet Rise an den Beartooth Mountains, nördlich des Yellowstone Nationalparks in Montana? Wahrscheinlich nicht. Dank CD können jedoch ähnlich wie von Martha Argerichs & Friends aus Lugano zelebriert, zumindest aus der Eröffnungssaison Ausschnitte aus Konzerten nachgehört werden.

Das Album Domo, benannt nach einer auf dem riesigen Festspielgelände platzierten Outdoor-Skulptur in Form eines neolithischen Dolmen der spanischen Künstler García-Abril & Débora Mesa, ist neben Kostproben von Werken Rachmaninoffs, Stravinskys und Chopins von zwei wichtigen Werken aus der Feder Alexander Scriabins umrahmt; und zwar der Klaviersonate Nr. 5 Op. 53, mit stupend perlender Anschlagskultur von Yevgeny Subdin realisiert und dem Poème de l’extase Op. 54 in einer  Fassung für zwei Klaviere und Trompeten. Dabei kann das Festival auf eine ganz besondere Sammlung an Steinway Konzertflügel zurückgreifen. Da gibt es einen „CD-18“ (Flügel von Istomin-Horowitz) und einen „Hamburg D“ (auf dem zuletzt Elisabeth Leonskaja spielte). Diese Monster bestehend aus über 12.000 Einzelteilen mit einer Spannung von 20 Tonnen auf den Saiten, klingen aus Sicht der Pianistin Jenny Chen so eindrucksvoll wie verkleidete Kirchenorgel. Diese jüngste aller auf der CD vorgestellten InterpretInnen ist auf der CD mit „La semaine grasse“ aus Stravinskys Petrushka zu hören.

Das Festival mit seinem hölzernen Konzertsaal auf dem Tippet Rise Art Center findet auf einer entlegenen in Betrieb befindlichen Schaf- und Rinderfarm (aktuell 1200 Schafe und 300 Rinderpaare) statt. Die Landschaft mit den kargen Weiden, den schneebedeckten Bergen und vielen Canyons umliegend ist spektakulär. „Domo“ ist nur eine vieler Monumentalskulpturen auf dem Areal, die mit dem Fahrrad in einem halben Tag bestaunt werden können. Das Konzept will bildende Künste, Musik, Architektur und Natur, die in der menschlichen Erfahrung oftmals nah aneinander liegen, zu einem neuen Ganzen einen. Der Hörer vermeint die besondere Berg- und Atmosphäre miterleben zu dürfen. Auch heftige Stürme sind in den geographischen Breiten nicht auszuschließen, sodass zu den musikalisch tektonischen Urwelten eines Scriabin auch die Naturgewalten von Montana kommen. Wer sich näher für das Angebot auf der „Farm“ interessiert und sich tolle Fotos von Landschaft samt Skulpturen, Gebäuden und Konzertsaal ansehen will, dem sei die Website http://tippetrise.org/ empfohlen.  

Fazit: Eine CD, die vor allem deshalb relevant ist, weil sie den Musikliebhaber (aus Europa) an einen Ort entführt, den er anders wahrscheinlich nicht kennengelernt hätte. Nur eine Bitte an die Produzenten: Statt einiger kurzer Ausschnitte könnte ja das Konzept „Argerich/Lugano“ imitiert werden, wo immer auf drei vollen CDs das Beste des jeweiligen Jahrgangs zugänglich gemacht wird. Kaum der Erwähnung wert ist, dass wie immer beim Label Pentatone, Tonqualität, Aufmachung und Booklet von hoher Qualität sind.

Dr. Ingobert Waltenberger

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