Der Neue Merker

Thomas Oláh: VOM LEBEN UND STERBEN DES HERRN WINCKELMANN

 

Thomas Oláh:
WOZU MICH DAS GLÜCK NOCH BRAUCHEN WIRD?
Vom Leben und Sterben des Herrn Winckelmann
92 Seiten, Edition Ausblick, 2017

Ungelöste und unlösbare Rätsel sind die besten, sie halten ein Thema ewig frisch. Natürlich wäre Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) auch heute noch als Wissenschaftler weltberühmt ohne seinen spektakulär-tragischen Tod. Eine „schwule“, schmutzige Geschichte, wie allgemein angenommen wird (so starb etwa auch Pier Paolo Pasolini), besonders tragisch bei einem so feinsinnigen Geist wie Winckelmann. Nur – was Genaues weiß man nicht.

Thomas Oláh, Wiener, Jahrgang 1966, bekannt als Kostümbildner für Theater und Film, hat sich nun 300 Jahre nach dessen Geburt in Herrn Winckelmann, sein Sterben und das Drumherum vertieft. Er geht dem Problem unter dem Titel „WOZU MICH DAS GLÜCK NOCH BRAUCHEN WIRD?“ in einer aus „Rashomon“ bekannten Methode nach: Betrachte eine Sache von verschiedenen Seiten und du bekommst verschiedene Geschichten. Er tut es auch in einer Art von szenischen Monologen (er nennt es ein „Dramolett“), aber Theater ist es wohl nicht.

Es geht einfach darum, dass sechs Herren, darunter am Ende der sterbende Herr Winckelmann selbst, über ihn erzählen. Der Deutsche aus Sachsen-Anhalt war 1755 im Alter von 38 Jahren nach Rom übersiedelt und so ganz zum selbst gewählten Römer geworden, dass er nie wieder zurück wollte – als er tatsächlich 13 Jahre später aus beruflichen Gründen in deutsche Lande musste, war ihm das zutiefst zuwider. Er war in der Welt, wo ihn die geliebte Antike umgab, am für ihn idealen Ort.

Nun ergreifen die verschiedenen Herren das Wort, zuerst ein ehrenwerter Beamter namens Johann Veit Peichl von Ehrenleib, der über den Akten des Mordfalls Winckelmann brütet. Der Täter steht ja fest, aber Details sind seltsam und undurchsichtig, und es gibt natürlich andere Leute, die den Verblichenen nicht mochten. Egal, der Akt kommt zu den Akten.

Dann sinniert Kardinal Alessandro Albani, der berühmte Kunstfreund, vor sich hin. Winckelmann stand ihm nahe, aber sein Blick auf ihn ist unbestechlich: „Der Fremde in der Fremde, Zeit seines Lebens war er fremd: Als Deutscher in Italien, als Lutheraner im Kirchenstaat, als Plebejer unter Nobilitäten.“ Anerkannt wurde seine enorme Bildung, er sprach Griechisch und Latein, belächelt wurde sein sächsischer Akzent. „Nichts, was er lieber täte als sein Wissen zum Besten zu geben, er kann das Dozieren nicht lassen. Und ordnen. Einordnen, zuordnen.“ Entscheidend mitgearbeitet hat er an der berühmten Villa des Kardinals, Und blamiert hat er sich, als zwei Spitzbuben (einer kommt noch zu Wort) ihn absichtlich und bösartig hereingelegt haben…

Bartolomeo Cavaceppi, bekannter Bildhauer und vor allem Restaurator, wo es zur Fälschung nur ein Schritt war, hat Winckelmann gekannt, wenn auch nicht gemocht. Er war sein Begleiter bei jener Reise nach Deutschland, die dieser aus Widerwillen gegen Land und Leute abbrach und über Wien zurückkehrte, während Cavaceppi in den deutschen Städten groß „Antike“ verkaufte. Den „hitzigen“ Winckelmann („Schimpft über die Deutschen, als wäre er nicht selber einer“) hat er nicht gemocht. Von Cavaceppi erfährt man viel Klatsch – etwa, dass die Jesuiten hinter Winckelmann her waren. Warum?

Giovanni Battista Casanova, Bruder des Frauenhelden, wurde in Rom als Maler und Kupferstecher geschätzt. Gemeinsam mit dem deutschen Maler Anton Raphael Mengs (ist Winckelmann mit Frau und Herrn Mengs unter die Bettdecke geschlüpft?), hat er dem großen Wissenschaftler ein Bein gestellt – beide haben ihm für seine wissenschaftlichen Werke Illustrationen von angeblichen antiken Stücken geliefert, die es nie gegeben hat. Welche Blamage! Und Herr Casanova verachtet den Herrn Winckelmann auch noch – „Bei mir Zeichenunterricht nehmen, und dann erklären, wie man’s richtig macht? Ein Meister der Theorie, aber mit zwei linken Händen. Weiß alles, kann nichts.“

Mit dem professionellen Verbrecher Francesco Arcangeli ergreift dann der Mörder das Wort. Schildert, wie er als Zimmernachbar in Triest dem feinen Herren nächtlich zu Diensten war. Gesteht den Mord, aber nicht den Grund dafür. Brutal hat er gewürgt, dann zugestochen, aber er fürchtet sich nicht vor dem Tod – er ist ganz sicher, dass er, wie es ihm die Jesuiten versprochen haben, der Hinrichtung entgehen wird. Hat er es in ihrem Auftrag getan…? (Sicher weiß man, dass Arcangeli sich geirrt hat: Er wurde sehr wohl grausam hingerichtet.)

Wie man weiß, hat der schwer verwundete Winckelmann noch sechs Stunden gelebt, bevor er seinen Wunden erlegen ist. Er hat das letzte Wort. Seine „Geschichte der Kunst des Altertums“ hat er vollendet und herausgebracht (wenn auch mit ein paar falschen Illustrationen). Nun liegt er da – „in einem lausigen Albergo am stinkenden Hafen von Trieste, erstochen vom Zimmernachbar – ein Spitzel? ein Spion?“ So allerlei geht ihm noch durch den Kopf, die Abneigung gegen Deutschland, die Liebe zur Antike, seine Verachtung der katholischen Religion, und auch zu seinen schwulen Lüsten bekennt er sich… Ja, und dann: „Ich werde lesend sterben.“ Was? „Im Buch der Bücher.“ Welches dies ist, erfährt man nicht…

„Vom Leben und Sterben des Herrn Winckelmann“ hat man einiges erfahren, und gefühltermaßen hat sich der Autor auch stilistisch in frühere Welten begeben. Was hinter dem Mord nun wirklich steckte, das weiß auch Thomas Olàh natürlich nicht, wie soll er auch – die Jesuiten zu verdächtigen, ist genau so wohlfeil wie den Vatikan. Es spielt allerdings keine Rolle. Es ging um Winckelmann, und er ist auf diese Art von allen Seiten betrachtet und sehr lebendig, fassbar, menschlich geworden. Über seinen Tod ins Weiterleben angesichts des am 9. Dezember zu feiernden 300. Geburtstags.

Renate Wagner

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