Der Neue Merker

TERNI/ Umbrien: FESTIVAL DELLA CREAZIONE COMTEMPORANEA

TERNI : FESTIVAL DELLA CREAZIONE COMTEMPORANEA am 23.,24. und 25.9.2015

Terni kennt keiner. Und wer es kennt, fährt nicht hin. Denn im Gegensatz zu seinen umbrischen Nachbarorten Spoleto, Narni oder Todi ist es kein mittelalterliches Kleinod, sondern eine „gesichtlose“, „geschichtslose“ Industriestadt. Wovon schon allein schon die den Bahnhofsvorplatz „zierende“, monumentale, ehemalige Stahlpresse zeugt, die den anreisenden Besucher begrüßt.

Nachdem die ansässige Schwerindustrie so wie überall in die Krise gekommen war, versucht man mittlerweile auch hier andere Wege zu gehen. Und in Hinkunft in der Welt für rühmlichere Dinge bekannt zu werden als für die Tatsache, dass das Gewehr, mit dem John F. Kennedy erschossen wurde (Präzisionswaffe !), aus Terni stammte.

Ein kleiner Versuch in diese Richtung ist die Umwandlung der aufgelassenen Chemiefabrik „Siri“ in das Kulturzentrum CAOS. Und hier wiederum seit 10 Jahren ein internationales Theaterfestival statt, das sich im Gegensatz zu vielen ähnlichen Veranstaltungen in Italien hauptsächlich zeitgenössischen Formen widmet: wie Performances, Installationen und Tanztheater.

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Les Thermes.

Im Foyer beeindruckt schon einmal das Projekt „Les Thermes“ der Künstlergruppe „France Distraction“. Da ist ein großes hölzernes „Schwimmbecken“ aufgebaut, in dem die Zuschauer inmitten 22000 schwarzer (und mit stoischen Weisheiten versehener) Gummibälle „baden“ können – während ein echter und leibhaftiger Philosoph am Beckenrand mit ihnen darüber parliert.

Im benachbarten Museo de Felice kann man in mehreren Räumen zwischen verschiedenen Installationen herumwandern: in miniaturisierte Spießer-Wohnzimmer zwängen sich weibliche und männliche Performer mit geradezu schlangenmenschenähnlichen Verrenkungen (I’m waiting here von Nanou).

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I’m waiting here

In der Sala dell’Orologio interagieren die Tänzerinnen Margherita Costantini und Francesca Formisano mit einem 3-D Computerprogramm, einer Graphiksoftware und einem Vivaldis „Follia“ variierenden Violoncellisten. Klingt komplizierter, als es ist, und es ist vor allem – auch ohne Wissen um den technologischen Support – ein beeindruckendes Spektakel.

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A sangue freddo

Völlig untechnologisch, dafür aber nicht weniger bewegend: “ A sangue freddo „(Kaltblütig), ein vage von Anatomiesälen inspirierter Pas-de-deux für zwei ungeheuer präzise Hauptdarstellerinnen (Silvia Costa und Laura Pante).

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Bergman in Uganda

Mehr zu lachen gab es bei der Video-Installation „Bergman in Uganda“ des schwedischen Künstlers Markus Öhrne. Die Zuschauer sitzen auf einfachen Holzbänken an den Längsseiten des abgedunkelten Raums. An die Stirnseiten werden zwei Filme projeziert: links die stumme Schwarzweiss Kopie von Ingmar Bergmans „Persona“, und rechts simultan dazu die bunten,in einem shanty town – „Kino“ in Kampala entstandenen, Aufnahmen während einer Vorführung eben dieses Existenzialismus-Klassikers. Hinzu kommt, dass der Film vor Ort live von einem der derzeit in Afrika so populären „Veejays“ eloquent und ironisch kommentiert wurde. Man beachte die Gesichter und die Reaktionen des ugandischen Publikums! Ein Clash of Civilsations de luxe. Zum Brüllen komisch, aber auch mit ungewöhnliche Einsichten gewährend.

Natürlich kann ein ernstzunehmendes Festival in Terni nicht zu Ende gehen, ohne dass es sich mit der industriellen Prägung der Stadt auseinandergesetzt hätte.

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„Thyssen

In „Thyssen“ schlüpft Autorin und Schauspielerin Carolina Balucani in die Rolle einer Arbeiterin, die sich von ihrer Abfindung ein Swimmingpool gekauft hat, aus dem sie sich seither nicht mehr herausbewegt – wenn sie auch unentwegt über ihre Vergangenheit in der Fabrik sinniert.

Und in „L’uomo che cammina“ (Der Mann, der geht) folgen wir drei Stunden lang dem Ternaner Intellektuellen Dario Guardalben musikbegleitet auf einem ungewöhnlichen Spaziergang durch die Peripherie und das Zentrum der „Stahlstadt“, bei dem wir nicht nur vor sich hinrottende Fabriksruinen entdecken, sondern z.B auch plötzlich eine Art urbanen Dschungel. Orte, die nicht einmal Einheimischen bekannt waren. Und die den Gast dazu verleiten, Terni vielleicht doch einmal mit anderen Augen zu sehen.

Robert Quitta, Terni

 

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