Der Neue Merker

Stefanie HOUTZEEL: Von Nostalgie und Rock’n Roll zur Staatsopernpremiere „Armide“ von C.W.Gluck

Stefanie Houtzeel: Von Nostalgie und Rock’n’Roll
Zur Staatsopernpremiere „Armide“ von C. W. Gluck
(Oktober 2016 / Renate Publig)

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Stefanie Houtzeel © Julia Wesely

Aktuell ist die Mezzosopranistin Stephanie Houtzeel an der Wiener Staatsoper in Christoph Willibald Glucks Oper Armide zu erleben, in ihrer Rolle als „Hass“ kann sie ihre schauspielerische Wandlungsfähigkeit ebenso wie ihre stimmliche Vielfalt unter Beweis stellen. Am 17. Oktober folgte die sympathische Sängerin der Einladung zu einem Live-Interview und stand dem Merker-Publikum Rede und Antwort.

 RP: Frau Houtzeel, Ihr Name klingt Niederländisch, Sie sprechen jedoch perfekt Deutsch?

Ich bin in Kassel geboren, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater stammt jedoch tatsächlich aus den Niederlanden. Er ist Nuklearphyisker, und als er ein Job-Angebot der amerikanischen Regierung erhielt, ist die gesamte Familie in die USA übersiedelt. Aufgewachsen bin in der Nähe von Boston, wohin meine Familie aufgrund eines weiteren Jobs meines Vaters zog.

Das heißt, Sie wuchsen zweisprachig auf?

Genau, wobei wir später fast nur Englisch sprachen. Doch ich interessiere mich generell für Sprachen, später lernte ich noch Französisch, und auch die Italienischkenntnisse verbessern sich! (lacht).

 Wie sind Sie dann zur Musik gekommen?

Auf Umwegen! Zunächst studierte ich Politikwissenschaft und Französisch; Doch ich stamme aus einer musikalischen Familie, meine Mutter studierte bereits Gesang, mein Vater spielte Klavier, bei uns wurden sehr oft Platten mit klassischer Musik gespielt. Mit 25 war meine Liebe zur Musik dann so weit gereift, dass ich am New England Conservatory studierte. Später folgte ich meinem Lehrer Edward Zambara nach New York an die Juilliard School.

 An der „Juilliard“ gewannen Sie auch gleich einen Preis?

Stimmt, ich bin die erste Preisträgerin des Juilliard Vocal Arts Debut Award, worüber ich mich natürlich sehr freute.

 Wie gelangten Sie dann von den USA nach Österreich?

Meine Agentur vermittelte mir 1996, nach meinem Abschluss an der Juilliard School, ein Engagement an die Oper in Graz, wo ich zB 2003 den Komponisten in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss sang. In Graz hörte mich übrigens der damalige Staatsoperndirektor Ioan Holender. Er forderte mich auf, ihm Bewerbungsunterlagen zu schicken, doch aufgrund anderer Verpflichtungen wurde es damals leider noch nichts aus einem Vorsingen an der Staatsoper.
Vor zwölf Jahren fuhr ich nach Paris zu einem Vorsingen vor Dominique Meyer. Das gestaltete sich nicht gerade optimal, da ich zu der Zeit mit meinem Sohn schwanger war, das passte gar nicht für die Hosenrollen, für die ich vorsang. Doch 2009, ich sang im „Rosenkavalier“ in Graz, kam Meyer auf mich zu, er konnte sich noch genau an mich erinnern!  Dies schaffte dann die Grundlage für mein Engagement an die Wiener Staatsoper, wo ich nun seit sieben Jahren als Ensemblemitglied mitwirke.

Und Wien ist mittlerweile zu Ihrem Zentrum geworden?

Hier wurde mein Sohn geboren, und glücklicherweise hat mein Mann, der Flötist ist, eine Stelle im Orchester von Martin Haselböck erhalten. Das trifft sich hervorragend, so kann die Familie beisammenbleiben, wir sind nicht immer durch Engagements in unterschiedlichen Ländern auseinandergerissen. Wir fühlen uns hier sehr wohl, es ist ein Glücksfall für eine Künstlerfamilie, am selben Ort Beruf und Familie zu vereinen!

 Bevor wir uns der Welt der Oper widmen: Ursprünglich lag Ihr Fokus im Liedgesang; Auf Ihrer neuen CD kehren Sie zu diesen Wurzeln zurück.

Mit dieser CD „Nostalgia“ habe ich mir tatsächlich einen langgehegten Wunsch erfüllt. Mein Klavierpartner ist Charles Spencer, es ist einfach ein Traum, mit einem derart erfahrenen Pianisten zusammenzuarbeiten. Er ist in so vielen Musikstilen zuhause, gleichzeitig spürt er auf wunderbare Art, was ich als Sängerin ausdrücken möchte. Es bedarf kaum der Worte, mit seinem einfühlsamen Klavierspiel bietet er eine ideale Unterstützung.

 Auf der CD sind Lieder von Mahler zu hören, kombiniert mit argentinischen und amerikanischen Liedern. Wie kam es zu dieser Auswahl?

Diese Musik bedeutet für mich pure Nostalgie. Für die Lieder von Charles Ives habe ich mich entschieden, weil sie meine amerikanischen Wurzeln verkörpern, während die argentinischen Lieder von Ginastera, Buchardo, Gustavino und Piazzolla auf einzigartige Weise von Sehnsucht, von Melancholie erzählen. Durch ihre Rhythmik – beispielsweise der tangoartige Rhythmus beim ersten Lied „Cancion al arbol del olvido“ von Ginastera und ganz besonders bei Piazzolla – verstärkt sich diese wehmütige Stimmung, die Musik gewinnt jedoch gleichzeitig an „Drive“. Und die Lieder von Gustav Mahler symbolisieren natürlich die Verbundenheit zu meiner neuen Heimat Wien.

 Die Reihenfolge ist sehr ansprechend, Sie gruppieren die Werke nicht nach Komponisten, sondern es gibt abwechseln ein Stück von Mahler, dann eines der anderen Komponisten zu hören!

Tatsächlich fand ich eine Gruppierung nach Komponisten nicht schlüssig, es ging mir darum, Stimmungen zu wechseln – eben auch durch die Mischung der Tonsprachen. Nostalgie bedeutet für mich Innehalten, eine gewisse Nachdenklichkeit, aber es gibt ebenso Raum zum Augenzwinkern, zum Schmunzeln. Dafür habe ich die Stücke nach Themen geordnet, der erste Teil enthält das märchenhafte, im zweiten geht es um Erinnerungen – diese Auflockerung fand ich sehr reizvoll.

 Für eine Opernsängerin ist es schwierig, einen Liederabend in den Auftrittskalender einzubauen. Werden wir Sie dennoch auch auf einer Konzertbühne erleben können?

Ja, hier in Wien präsentiere ich das CD-Programm im Rahmen vom Wiener Liederherbst, am 18. November 2016 im Barocksaal vom Altes Rathaus. Am Klavier wird mich Hafez Babashahi begleiten.

Und es gibt auch schon Pläne für nächstes Jahr, da stehen erstmals die „Wesendonck-Lieder“ auf meinem Programm!

 A propos CD … Sie haben vor einigen Jahren Armide von Jean-Baptiste Lully aufgenommen. Derzeit stehen Sie mit Glucks Armide auf der Bühne, mit gleichem Libretto – aber komplett unterschiedliche Musik?

Beide Opern sind Meisterwerke, doch man kann sie tatsächlich nicht miteinander vergleichen. Zwischen der Entstehung der beiden Werke liegen rund 90 Jahre, die Tonsprache von Lully unterscheidet sich sehr stark von jener von Gluck. Noch dazu durfte ich auf der CD die Hauptpartie singen, während ich nun an der Staatsoper die Rolle des „Hass“ verkörpere. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich zwei Komponisten ein komplett identisches Libretto umsetzen. Denn bis auf eine kleine Ergänzung, die Gluck vorgenommen hatte – die erfreulicherweise meine Rolle betrifft – handelt es sich tatsächlich um exakt die gleichen Worte.

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„Armide“ – Stephanie Houtzeel als „Hass“ © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Bei der aktuellen Produktion Armide wurde eine unüblich tiefe Orchesterstimmung gewählt – wie gehen Sie damit um, ist das für Sie eine große Umstellung?

 Die Frequenz von 400 Hz stellt eine riesige Herausforderung dar. Ich habe sobald wie möglich aufgehört, in die Noten zu schauen, denn wenn ich als Sängerin eine Note sehe, stelle ich den Körper – Zwerchfell, Kopfbereich, Stimmbänder –  automatisch passend ein. Ist der klingende Ton nun wesentlich tiefer, geht man ihn in puncto Stütze anders an! Einen tieferen Ton muss ich stärker „im Körper“ fokussieren, also ist es ratsam, sich auf das Körpergefühl zu verlassen, wo ich den bestimmten Ton am effizientesten positioniere, um eine optimale Tragfähigkeit zu erreichen.

Ihre Partie steht leider nicht sehr lange auf der Bühne?

Der „Hass“ tritt tatsächlich nur im 3. Akt auf, aber diese Szene markiert eine musikalische Wende im Stück; Bis zu diesem Akt handelt es sich von der Tonsprache um eine sehr „romantische“ Oper. Armide ist eine sarazenische Prinzessin, die als „Falle“ für die Kreuzritter eingesetzt wird. Dank ihrer Verführungskünste gelingt die Gefangennahme der Ritter, nur Renaud widersetzt sich ihrer Magie. Im Gegenteil, er befreit die Gefangenen! Als Strafe wird er von Armide verzaubert, doch zu ihrer Überraschung ist es ihr unmöglich, ihn zu töten. Aus Frust darüber ruft sie nun den Hass zur Hilfe, der mit einer ganzen Armee anrückt. Und diese Szene ist in der Oper ein Gangwechsel, ich nenne es „Rock’n’Roll“. Ein sehr starker Eindruck, dieser Kontrast, diese Energie. Durch mein japanisch anmutendes Kostüm und mit dem schwarz-weiß gefärbtem Gesicht wird diese besondere Wirkung, das Archaische noch verstärkt. Aber im Endeffekt nützt mein gesamter Einsatz nichts (lacht), in Armide gewinnt dennoch die Liebe.

 Wenn man sich Ihr Repertoire ansieht, fällt auf, dass Sie zum einen oft Barockopern singen, ebenso häufig findet man jedoch Werke von Richard Strauss. Wie passt das zusammen?

Tatsächlich singe ich sehr gerne Alte Musik, aber ebenso die Werke von Richard Strauss, während beispielsweise Rossini meiner Stimme weniger entgegenkommt. Zurzeit singe ich eben in Glucks Armide, parallel dazu werde ich auf unseren Japan-Gastspielen die Rolle des Komponisten in der Ariadne auf Naxos verkörpern. Für mich vertragen sich diese sehr verschiedenen Kompositionsstile – allein die Orchestration macht einen gewaltigen Unterschied aus! –, da beide Stile sehr „instrumental“ geführte Gesangslinien aufweisen.  Für beides empfiehlt es sich, die Stimme schlank zu führen.


Sie erwähnten bereits, dass Sie Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper sind. Welche Vor- und Nachteile hat eine „Festanstellung“ aus Ihrer Sicht?

An kleineren Opernhäusern durfte ich im ersten Fach auftreten; als Ensemblemitglied eines großen Hauses singt man üblicherweise natürlich nicht die Hauptrollen. Dennoch trägt der Wechsel an eine große Bühne natürlich zur Stimmentwicklung bei, denn um ein Haus wie die Staatsoper auszusingen – die zwar über eine hervorragende Akustik verfügt! –, ist ein ausreichendes Stimmvolumen und Klangdichte nötig. Mein Engagement an die Staatsoper bedeutete für mich zunächst, eine Vielzahl an Rollen vorzubereiten, denn je breiter mein Repertoire, umso größer die Chance, eingesetzt zu werden. Wenn für eine Rolle eine Sängerin gesucht wird und man diese auch sehr kurzfristig anbieten kann, erhöht das die Auftrittschancen. Es ist von Saison zu Saison unterschiedlich, wie oft man gebraucht wird. Letztes Jahr standen mir viele Möglichkeiten für Auftritte an anderen Häusern zur Verfügung, in dieser Saison bin ich sehr häufig der Wiener Staatsoper, da ergeben sich natürlich weniger Gastauftritte. Dennoch erhalte ich den nötigen Freiraum für Gastengagements, beispielsweise für die Salzburger Festspiele, für Bayreuth oder fürs Theater an der Wien – wo ich natürlich ein anderes Repertoire als an der Staatsoper singe. Und ich freue mich wirklich darüber, dass an der Staatsoper ein derart gutes künstlerisches Klima herrscht!

Sie widmen sich auch der zeitgenössischen Musik, zB waren Sie in Aribert Reimanns Oper Medea zu hören. Welche Herausforderung birgt die Tonsprache der Gegenwartsmusik?

Natürlich gestaltet sich das Erlernen dieser Partien meist viel schwieriger und aufwändiger, wenn die Tonsprache von jener Harmonik abweicht, die wir gewohnt sind. Dennoch ist meiner Meinung nach „Medea“ ein Meisterwerk. Die Komponisten unserer Zeit behandeln die menschliche Stimme oft wie ein „Instrument“ – was mir sehr entgegenkommt. Denn viele Komponisten perfektionieren dieses Zusammenspiel zwischen Stimme und Instrumenten.

 Welche Rollen möchten Sie in Ihrer Zukunft singen?

Generell möchte ich weg von den Hosenrollen. (lacht) Es gibt viele Rollen, die ich machen möchte, Brangäne, Melisande oder Fricka sind im Augenblick meine Ziele. Und natürlich träumt jede Sängerin, die als Octavian auf der Bühne steht, später die Marschallin zu singen!

 Frau Houtzeel, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre kommenden

Engagements!

(P.S.: Und wenn sich der geneigte Leser die Frage stellt, wie diese Sängerin wirklich heißt: Die korrekte Aussprache lautet [‚hau-tse:l] )

 

Foto: Künstlergespräch mit Stephanie HOUTZEEL am 17.10. 2016. Renate Publig/ Moderation (Raffael Cupak). Copyright: Barbara Zeininger
Foto aus dem Künstlergespräch: Renate Publig, Raffael Cupak, Stephanie Houtzéel. Copyright: Barbara Zeininger

 

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