Der Neue Merker

STUTTGART/Stuttgarter Ballett: ROMEO UND JULIA. Lichtblicke im Umbruch

Stuttgarter Ballett

„ROMEO UND JULIA“ 7.6.2017 –  Lichtblicke im Umbruch

ROMEO UND JULIA Morita 7.6.17 DSC_3679
Überzeugender Rollen-Neuzugang: Ami Morita als Julia. Copyright: Carlos Quezada

 

Jüngst hatte sie als Kitri in „Don Quijote“ für Begeisterung gesorgt – jetzt debutierte die Solistin Ami Morita in ihrer ersten großen Cranko-Partie. Statt Leichtlebigkeit und reiner klassischer Spitzen-Bravour sind hier tiefes Einfühlungsvermögen in den Charakter und Gestaltung der Choreographie gefragt. Beides hatte die eher zurück haltend wirkende Japanerin als Julia in geschmackvoller und Hand in Hand gehender Weise zu bieten. Frei von Premieren-Befangenheit und mit sicherem Instinkt für die jeweilige Situation verkörperte sie die Tochter der Capulets von Anfang an ohne Verkrampfungen überzeugend persönlich und aus sich selbst heraus wirkend. Durch ihre auch hier auffallenden geschmeidig und agil eingesetzten Beine erfüllte sie die Pas de deux und das Madrigal mit duftender Poesie – so gelöst und als ob sie schon länger mit der Rolle vertraut wäre, lässt sie sich in diese bzw. in die Arme ihres Partners fallen. Somit auch ein Kompliment für Constantine Allen, der den Romeo inzwischen zugunsten einer tiefgründigeren Identifikation nicht mehr in so Ich-bezogener Manier angeht, bei der ersten Begegnung mit Julia eine Veränderung in sich spürbar macht und den Ernst seiner Gefühle über den puren Frohsinn mit den Freunden stellt. Nichtsdestotrotz ist er mit seinem schmucken Charisma und seinen schnell und gleichmäßig formschön gedrehten Rondes des jambes auch jenseits des Dramas ein erfreulicher Hingucker. Sehr bedauerlich, dass er gerade jetzt auf dem erkennbaren Sprung zum gleichwertigen Darsteller die Compagnie zum Ende der Spielzeit verlässt.

ROMEO UND JULIA Soares Da Silva 7.6.17 DSC_4002
Technisch überragender Einstand: Adhonay Soares Da Silva als Mercutio. Copyright: Carlos Quezada

Im schmal gewordenen Reservoir an führenden Tänzern ist der Brasilianer Adhonay Soares Da Silva ein besonders willkommener Aufsteiger. Vorerst dominiert bei seinem Debut als Mercutio das hervorstechende technische Potenzial in ausgewogen leichten und ebenso exakt eingesetzten wie beendeten Drehsprüngen, wie sie bei dieser Rolle keine Selbstverständlichkeit sind. Mit süßem jungenhaftem Lächeln und einer schlichten, auf ein Zuviel an Mimik verzichtenden Ausformung der Todesszene gewinnt auch er das Publikum.

Louis Stiens ist trotz seiner prägnanten schauspielerischen Ader als munterer Benvolio glaubhafter eingesetzt wie im letzten Monat als übertrieben komödiantischer Mercutio. Alexander Mc Gowan zeichnet den Grafen Paris mit Bestimmtheit, aber ohne Arroganz, Matteo Crockard-Villa  wandelte sich erstmals vom gebietenden Herzog von Verona zum tröstenden Pater Lorenzo. Paula Rezende und Daiana Ruiz verdingten sich neben der erfahrenen Magdalena Dziegielewska als rassige Zigeunerinnen. Roman Novitzkys Tybalt hat viel Charakter-Profil, das Boshaft Gefährliche geht ihm (noch) ab.

Gastdirigent Pavel Baleff machte sich mit deutlich zum Zuge gekommener Schlagtechnik in den lebhaften Volksszenen sowie einigen auffallenden Streicher-Phrasierungen (gleich im Vorspiel) bemerkbar, und das Staatsorchester Stuttgart zog einhellig mit.

Eine Aufführung mit erfreulichem Zugewinn, der beim derzeit von sich häufenden Tänzer-Abgängen und Negativ-Nachrichten gebeutelten Stuttgarter Ballett doppelt so viel wiegt.

Udo Klebes

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