Der Neue Merker

STUTTGART/Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY – schlicht ergreifend

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Karine Babajanyan als Cio-Cio San kurz vor ihrem Selbstmord. Copyright: Martin Sigmund

Stuttgart: „MADAMA BUTTERFLY“ 25.11.2017 – schlicht ergreifend

Die Inszenierung von Monique Wagemakers, die auf leerer Bühne so ernüchternd beginnt und sich dann mit den nur allernotwendigsten Requisiten und dem für spiegelnde Überraschungsmomente sorgenden Einsatz einer die Bühne überspannenden  Glasplatte (Bühnenbild: Karl Kneidl) zu einem ganz auf die menschlichen Interaktionen und Befindlichkeiten konzentrierten Drama verdichtet, erlebte an diesem letzten Abend einer erneuten Wiederaufnahme-Serie ihre 77. Aufführung seit der Premiere im März 2006. Und entfaltete dabei wieder eine überhöhte Magie für die emotional bewegende Geschichte der Cio-Cio San, die hier nicht nur als Opfer eines leichtfertigen amerikanischen Offiziers, sondern auch als Wahnbesessene ihrer eigenen Vorstellungen einer fremden Kulturnation gezeigt wird. Dadurch gewinnt die Tragik ihres Lebens eine erweiterte Fallhöhe, und die Partie auch in ihrem vokal-interpretatorischen Radius eine vielschichtigere Ausdruckskraft. Karine Babajanyan, die diese Inszenierung aus der Taufe gehoben hatte und auch bei der letzten Wiederaufnahme-Serie kurzfristigst wieder eingesprungen war, lebt diese Kindfrau inzwischen mit Haut und Haaren so verinnerlicht, dass Körpersprache und verbale Äußerung so selbstverständlich miteinander verquickt sind und die oft auf engstem Raum wechselnden Vortrags-Tonfälle idiomatisch ineinander fließen. Mit ihrem dunkel timbrierten Spinto-Sopran taucht sie in ein Gefühlsbad aus weich fließenden Phrasierungen und bestimmt attackierten Ausbrüchen, die sich nur gelegentlich in den Spitzen in legitimem Rahmen etwas verhärten. Sanftheit und Aggression stehen bei ihr unmittelbar nebeneinander, woraus sich ein spannungsvolles Wechselspiel ergibt.

Ihre Partner lassen sich größtenteils von ihrem charismatischen und so spontan wie emphatisch erfüllten Einsatz mitreißen. Rafael Rojas tat dies auch jetzt wieder mit seiner passend selbstbewussten, auf oberflächlichen Glanz setzenden Darstellung und dieser entsprechend geradlinig zur Schau gestelltem tenoralem Aplomb. Mit etwas gedeckter Mittellage, aber sicher gestützten und klangvollen Höhen neigt er anfangs zu eher eingleisiger Dynamik, ehe er im Zeichen seiner Reue bei der Rückkehr auch zu differenzierten Tönen findet. Der neue Sharpless ist Ashley David Prewett, der seine Anteilnahme an der Tragödie mehr hinter einer eisernen Haltung versteckt als dass er sie ergreifend sichtbar werden lässt. Sein fürs italienische Idiom etwas grobkörniger Bariton hatte wohl die notwendige Durchsetzungskraft, aber wenig Schmelz und kam deshalb nicht so gut zum Tragen wie in anderen Partien. Zu Herzen ging dagegen Maria Theresa Ullrich, die neu dazu gestoßene Suzuki, indem sie so viel Mitgefühl zeigt, als ob das Schicksal ihrer Herrin ihr eigenes wäre. Mit sinnlich hellem Mezzosopran, rund in der Höhe und gefestigt in der Tiefe, gibt sie sowohl den melodischen Entfaltungen wie auch manch forschem Parlando das erforderliche Gewicht.

Torsten Hofmann ist ein solider, im Timbre wenig markanter und tenoral etwas blasser  Goro, Antoine Foulon ein werbender Fürst Yamadori aus dem Opernstudio der Strasbourger Rheinoper mit noch viel Schliff benötigendem Bariton, David Steffens ein in seinem donnernden Kurzauftritt gebührende Bass-Autorität beweisender Onkel Bonze, Pia Liebhäuser eine zaghaft artikulierende, Cio Cio Sans Welt und zuletzt auch diese und das von Marlene Schwind recht einfühlsam gestaltete Kind filmende Kate Pinkerton. Eine kleine Abordnung des Staatsopernchors gab der Hochzeitsgesellschaft lebhaftes Gewicht. In Anbetracht seines kurzfristigen Einspringens für Roberto Rizzi Brignoli ist das bemerkenswert ausgeglichene, in den Tempi klar gesetzte, orchestralen Details genauso wie vokalen Bedürfnissen Rechnung tragende Dirigat von Timo Handschuh umso höher zu bewerten. Dynamische Extreme vermeidet er ebenso wie übersteigertes Pathos, er lässt das Staatsorchester Stuttgart vielmehr in einer Mitte aus schwelgerischem Melos und dominierender symphonischer Strukturierung in allen Gruppen zur Entfaltung kommen.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch die neue Direktion der Zeitlosigkeit (Kostüme: Silke Willrett) und schlichten Schönheit dieser Produktion bewusst ist und sie als Glanzpunkt im Repertoire behält.

Udo Klebes

 

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