Der Neue Merker

STUTTGART/Schauspielhaus: DER ZAUBERER VON OZ. Zauber in der Smaragdstadt“. Premiere

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Sebastian Wendelin, Nina Siewert, Felix Mühlen. Copyright: Conny Mirbach

ZAUBER IN DER SMARAGDSTADT

Premiere „Der Zauberer von Oz“ als Familienstück nach dem Roman von L. Frank Baum am 26.11.2017 im Schauspielhaus/STUTTGART

In der durchaus fantasievollen Regie von Wolfgang Michalek (Bühne: Natascha von Steiger; Kostüme: Sara Kittelmann) kann diese Inszenierung insbesondere die Kinder stark beeindrucken. Es sind kraftvolle, suggestive Bilder, die das Auge fesseln. Zunächst sieht man in einer Fantasiezeichnung die öde Landschaft von Kansas in Amerika, die sich dann plötzlich in ein riesiges rotes Blumenmeer verwandelt. Dorothys Holzhaus wird von einem gewaltigen Wirbelsturm erfasst. Dadurch wird sie von ihrer Tante und ihrem Onkel getrennt.

Nina Siewert als Dorothy verleiht dieser Rolle eine ungewöhnliche Präsenz und Glaubwürdigkeit, dies gilt auch für ihren einfühlsamen Song „Ist dort noch Kansas oder nicht?“ Bei ihrer Landung hat Dorothy mit ihrem Haus unabsichtlich die böse Hexe des Ostens unter sich begraben und wird als Befreierin und Heldin gefeiert. Sie darf deswegen auch sofort die Zauberschuhe dieser Hexe tragen. Dorothy will jedoch unbedingt wieder nach Hause. Doch sie erfährt auch, dass ihr nur der Zauberer von Oz helfen kann, der mysteriöse Herrscher der Smaragdstadt, dem Boris Burgstaller zunächst seine geheimnisvolle Stimme leiht. Unterwegs trifft sie auf eine Vogelscheuche (tolpatschig: Sebastian Wendelin), einen Blechmann ohne Herz (mit vielen Nuancen: Felix Mühlen) und einen feigen Löwen (nicht ohne Hintersinn: Sebastian Röhrle). Dieses Trio entwickelt im Laufe der Zeit eine erstaunliche Einfallskraft und Spielpräsenz.

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Sebastian Wendelin, Sebastian Röhrle, Felix Mühlen, Nina Siewert, Boris Burgstaller. Copyright: Conny Mirbach

Auch das Bühnenbild wird immer fantasievoller und fantastischer, denn man sieht beispielsweise die gute Hexe (eindringlich: Lucie Emons) und die giftgrüne böse Hexe (furios: Viktoria Miknevich) in einem gewaltigen Zweikampf, bei dem die gute Hexe zuletzt schreiend in der nebelumwobenen Erde versinkt. Ein starkes Bild. Die ungleiche Gruppe überwindet aber im Laufe der Handlung außerdem allerlei haarsträubende Hindernisse und Schwierigkeiten. Vom Zauberer von Oz erhoffen sie sich Herz, Verstand und Mut. Im Hintergrund schwelt dazu noch ein ungeheures Feuer. Immer wieder gibt es dazu rasante Einlagen der Munchkin-Band mit Max Braun (der auch für die Musik zuständig ist), Bobbi Fischer, Steffen Dix, Fabian Wendt und Joscha Glass. Die Munchkins selbst werden von Björn Lorenz, Anette Wanner, Mike Zimmermann, Harry Bednarz und Wolf Liebermann höchst lebendig verkörpert. Und außerdem gibt es da noch Dorothys Hund Toto, den die echte Hündin Carla putzig auf der Bühne mimt.

Die Video-Einlagen von Roman Müller und Natascha von Steiger überzeugen aufgrund ihrer subtilen Präzision und Einfallskraft. Nachdem die gute Hexe von der bösen Hexe des Westens unschädlich gemacht wurde, muss sich auch die böse Hexe schließlich mit ihrem Untergang abfinden. Sie wird ins „Nichts“ hochgezogen. Zusätzliche Lieder wie „Der Blechmann ohne Herz„, „In meinem Kopf ist nichts als Stroh“ und „Der König der Angsthasen“ schaffen auf der Bühne fast eine Musical-Atmosphäre, auch wenn Erinnerungen an Judy Garland gar nicht erst aufkommen. Skurril wirkt vor allem der Schluss, wenn die trickreiche Maschinerie des angeblichen „Zauberers von Oz“ dank einer Drehbühne als Schwindel entlarvt wird. Boris Burgstaller kann sich als in die Enge getriebener „Onkel Henry“ hier einmal mehr darstellerisch gut profilieren. Die Protagonisten bekommen aber letztendlich alles, was sie sich wünschen. Ein „Happy End“ ist schließlich vorprogrammiert.

In weiteren Rollen überzeugen noch Sebastian Wendelin als Stallbursche George Birdie, Felix Mühlen als Stallbursche Ayron Soft, Sebastian Röhrle als Stallbursche Leonard Worry, Lucie Emons als Erzählerin und Viktoria Miknevich als Tante Em. Vielleicht könnte der dramaturgische Bogen stellenweise noch weiter gespannt werden, doch die Handlungsebene bleibt insgesamt in der Balance.

Alexander Walther

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