Der Neue Merker

STUTTGART/Schauspiel Nord: DER UNTERGANG DES EGOISTEN JOHANN FATZER von Berthold Brecht

 „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ von Bertolt Brecht im Schauspiel Nord

VOLLKOMMENER UMSTURZ GEPLANT

„Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ von Bertolt Brecht am 24. 2. 2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART

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Christian Czeremnych. Copyright: Conny Mirbach

Hier steht die Logik des Umsturzes, der Ausgrenzung und Ablösung vom Kollektiv im Zentrum des Geschehens. Thomas Schmauser inszeniert Brechts Stück als eine fatale Parabel, die in der letzten Phase des ersten Weltkriegs 1917/18 spielt. Der Soldat Johann Fatzer hat endgültig genug vom Krieg. Die fulminante Rahel Ohm ist hier in einer Paraderolle zu sehen. Gemeinsam mit drei Kameraden desertiert er und gerät so zwischen alle Lager. Dadurch wird die Situtation immer schwieriger und unübersichtlicher. Das kommt in der Inszenierung von Schmauser gut zum Vorschein. Die Protagonisten geraten so in eine Art Niemandsland und finden bei der Frau des einen ein Versteck. Rahel Ohm steigert sich hier immer mehr und imponierender in ihre schwierige Rolle hinein: „Wir müsssen alle zusammenhalten…“ Die Gruppe agiert zunächst hinter einem undurchsichtigen Gummivorhang, leidet Hunger und versucht an Fleisch zu kommen. Fatzer wird schließlich vom Fleischer niedergeschlagen. Er erkennt, „wo früher ein Mensch war“, „ist jetzt die Masse“. Das lässt die Situation im beengten Bühnenraum eskalieren. Die Kameraden fordern Fatzer ultimativ auf, sich so zu ändern, dass er gar nicht mehr da ist. Aber Fatzer weigert sich energisch, dieser Forderung nachzukommen. Er nimmt die Zerstörung der Zeit nicht mehr hin, beschließt den vollkommenen Umsturz.

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Copyright: Conny Mirbach

Dem von Andreas Leupold sorgfältig einstudierten Chor kommt eine besondere Bedeutung zu. Fatzer geht mit den Männern schließlich in die Stadt Mühlheim, um die Menschen zu beobachten, wie sie zum Krieg stehen. Das Volk wird für dumm befunden. Die subtile Musik von Ivica Vukelic unterstreicht den apokalyptischen Charakter dieser Aufführung. Fatzer möchte das Spiel nicht mehr mitmachen: „Da kommen die, die mich gestern beleidigt haben!“ Und für die Männer will Fatzer Fleisch beschaffen. Der Chor erklärt, wie notwendig es sei, den Krieg der Völker in den Krieg der Klassen zu verwandeln. Und er weist die Soldaten immer wieder auf ihre Fehler hin: „Was der Untergehende sagt, ist wertlos. Was sind die Taten dessen, der ohne Hoffnung ist...“ Wo früher ein Mensch war, ist jetzt die Masse. Das zeigen die anderen Darsteller (größtenteils Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst) sehr deutlich. Cuyen Biraben, Christian Czeremnych (Keuner/Koch), Georg Grohmann, Lara Haucke, Johannes Jannasch, Sarah Siri Lee König, David Krzysteczko, Andreas Leupold (als wunderbar grotesker Conferencier), Esther Schwartz und Tommy Wiesner begleiten Rahel Ohm als Soldat Fatzer auf „seiner“ Reise in die Zerstörung und den Untergang voller Einfühlungsvermögen und darstellerischer Kraft. Die rhythmischen Exzesse werden von Thomas Schmauser auf der kahlen Bühne sehr detailliert herausgearbeitet. An der Front bleibt trotz des Kriegsgrauens Raum für Privates, was aber immer wieder zu schweren psychologischen Konflikten führt. Davon lebt diese spannungsreiche Inszenierung, die den Zuschauer nicht kalt lässt. Das liegt vor allem an der glänzenden Darstellung von Rahel Ohm, aber auch am atemlosen Duktus der Regie. Die marxistisch-agitatorische Haltung Brechts wird hier auf die Spitze getrieben und gleichzeitig in oftmals witziger Weise persifliert. Die antibürgerlich-revolutionäre Kampfhaltung mit ihren spracherneuernden Formen und rhythmischen Kräften werden bei dieser sehenswerten Aufführung von den Darstellern voll erfasst. Einflüsse des frühen Barock, von Grimmelshausen und sogar Luther sind auch beim „Fatzer“ nicht zu leugnen. Rimbaud und Villon haben den Brechtschen Anklängen an den Bänkelgesang deutlich Pate gestanden. Thomas Schmauser gelingt es, diesen Aspekt in seine Inszenierung plastisch zu integrieren und deutlich zu machen. Dass Brechts Stücke nicht unbedingt Zeugnisse eines vergangenen Kampfes sind (wie etwa Martin Walser meinte) lässt Schmauser ebenfalls geistreich hervorblitzen. Ein immer wieder zusammengeschobener gelber Vorhang irrt als eine Art Leitmotiv durch das Konzept dieser Inszenierung vom „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“. Selbst Hegel wird zitiert: „…Dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist“ (zu sehen am Stuttgarter Hauptbahnhof). Es regnet Sand. Die Gruppe macht gegen Fatzer mobil: „Gebt ihm eins auf die Fresse!“ Doch Rahel Ohm kämpft gegen die Attacken wie eine Löwin, ein Dompteur hätte da gar keine Chance. Die Gruppe versucht sie mit erotischen Streicheleinheiten zu beruhigen, doch einzelne Protagonisten werden von „Johann Fatzer“ wiederholt in heftiger Weise angefallen. So kann ein junger Mann seinen überdimensionalen Penis nur mühsam vor Fatzer in Sicherheit bringen. Dieser makabere Krieg der Klassen mündet unaufhaltsam in einen schrecklichen Bürgerkrieg, der im Vorhof der Hölle endet. Die distanzierte und epische Sprache Brechts macht Schmauser in verschiedenen Handlungsfeldern sichtbar, die sich subtil durchkreuzen und ergänzen. Der Chor weist in diesem Stück auf Lenin hin, von dem die Gruppe nichts weiß. Der antike Chor wird zwar beschworen, erhält aber eine andere und neue Funktion. Er ist ein Diskussionsforum zum Thema Schicksal. Assoziationen zum Brecht-Stück „Die Maßnahme“ (das zur Zellen-Lektüre der RAF-Gefangenen gehörte) sind gewollt.

Im Prolog von Thomas Schmausers Inszenierung sind einige kurze Gedichte von Robert Lax sowie Auszüge aus Allen Ginsbergs Gedicht „America“ und eine Erklärung der amerikanischen Bewegung „Students for a Democratic Society“ zu hören. Fatzer und die Deserteure tragen in der Inszenierung lange Kaftane, deren bunte Muster an afrikanische Totenhemden erinnern. Das Thema Ausbeutung wird so mit geradezu beissender Schärfe karikiert. Für Schmauser ist Fatzer eigentlich kein menschliches Wesen, sondern eher ein energetischer Zustand. Doch Rahel Ohm gelingt es, diesen seltsam „künstlichen“ Menschen mit feurigem Leben zu erfüllen. So scheint allmählich die ganze Bühne in Flammen zu stehen. Dazu trägt die hitzige Bühnenfassung von Heiner Müller entscheidend bei (Dramaturgie: Maria Nübling, Anna Haas). Die Kraft und Eigenständigkeit der auch an Nestroy geschulten Sprache Brechts wird von Thomas Schmauser als Regisseur nicht vernachlässigt. Man spürt, dass mit Hilfe des „epischen Theaters“ die Wirklichkeit geändert werden soll. Fatzers leidenschaftlicher Feldzug gegen die herrschenden Gesellschaftsklassen erhält radikale Züge. Riesenbeifall. 

Alexander Walther

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