Der Neue Merker

STUTTGART/ Wilhelma-Theater: „WHAT NEXT“ von Elliott Carter und GIANNI SCHICCHI von Giacomo Puccini

 Operneinakter von Elliott Carter und Giacomo Puccini im Wilhelmatheater Stuttgart
FOLGEN EINES UNFALLS
Operneinakter von Elliott Carter und Giacomo Puccini am 8. Februar 2017 im Wilhelmatheater/STUTTGART

Wilhelma Theater - What next 1 - Foto C. Kalscheuer
Szene aus „What Next“, Copyright: C. Kalscheuer

Mit fast 90 Jahren schrieb der amerikanische Komponist Elliott Carter seine einzige Oper 1997 für die Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Carter hat die metrische Modulation entwickelt, eine ganz eigene Kompositionstechnik. Tempo und Charakter der Musik wechseln auch ständig in seiner Oper „What next?“, der eine Katastrophe zugrundeliegt. Ein Unfall ist geschehen. Von den sechs Opfern sind alle glücklicherweise unverletzt. Bernd Schmitt inszeniert dieses beklemmende und musikalisch hoch expressive Werk als eine psychologische Studie, bei der die Protagonisten nacheinander aufgereiht in Betten liegen und zugedeckt sind. Nach und nach wachen sie auf. Mama behauptet, dass sie alle gemeinsam auf dem Weg zur Hochzeit ihres Sohnes (der sich Harry oder Larry nennt) mit Rose gewesen seien. Anders als Mama sehen die übrigen Figuren ihre verwandtschaftlichen Beziehungen nicht in dieser Klarheit. So entwickelt jeder seine eigene Strategie, um mit weiteren Konfrontationen umzugehen. Das hört man deutlich in den harmonischen Entwicklungen der Musik, deren Intervallspannungen immer größer werden. Das vorzügliche Stuttgarter Kammerorchester lotet zusammen mit Studierenden der Bläser- und Schlagzeugklassen der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart unter der energischen Leitung von Bernhard Epstein die kaleidoskopartigen Momente der Musik in facettenreicher Weise aus.  Dazu tragen die hervorragenden Sänger Victoria Kunze als Rose, Vladislav Pavliuk als Harry oder Larry, Manuela Viera als Mama, Sandro Machado als Zen, Sophia de Otero als Astronomin Stella, Severin Schmitt als Junge Kid sowie Paolo Bertoldo und Juan Mauricio Jaramillo als zwei Straßenarbeiter entscheidend bei.

Wilhelma Theater - Gianni Schicchi 1 - Foto C. Kalscheuer
Szene aus „Gianni Schicchi“. Copyright: C. Kalscheuer

Giacomo Puccinis Einakter „Gianni Schicchi“ wird von Bernd Schmitt dann als Horror-Szenario mit Zombies inszeniert. Diese lebenden Toten bevölkern die Bühne und verwandeln das Florenz des Jahres 1299 in einen Alptraum, der aber nicht ohne Sarkasmus und Ironie daherkommt. Da nimmt man dann wahr, dass der alte Buoso Donati gestorben ist, was seine Verwandtschaft auf den Plan ruft. Bernd Schmitt spitzt diese ungewöhnliche Situation hier sofort zu. Da ein Großteil des Vermögens an die Kirche gehen soll, hat man rasch nach Gianni Schicchi geschickt, dem man die Lösung dieses Problems zutraut. Zuvor haben die „Zombies“ den alten Donati auf seinem Totenbett regelrecht zerfleddert. Sie brechen in lautes Geheul aus, als sie nichts finden. Rinuccio spekuliert auf Schicchis Tochter Lauretta. Schicchi schlüpft nun rasch in die Rolle des toten Buoso und diktiert eine neue Testamentsversion, in welcher er die gierige Verwandtschaft mit Kleinigkeiten abspeist, sich selbst aber die besten Stücke aus Buonos Besitz vermacht. Bernd Schmitt inszeniert diese unglaublichen Verwicklungen mit großem Sarkasmus und Spielwitz. Da kommt keine Minute Langeweile auf. Die wütenden Betrogenen können sich aber nicht mehr wehren. Zusammen mit dem Stuttgarter Kammerorchester gelingt dem Dirigenten Bernhard Epstein hier eine hervorragende Wiedergabe von Puccinis Musik, die mit ihrer glühenden Farbigkeit das Publikum verzaubert. Die Arabesken und Girlanden dieser Satzkunst kommen in präziser Weise zum Vorschein. Die schnellen Tempi und die dynamische Energie der klaren und eindringlichen Rhythmen kommen nie zu kurz. Themen und Motive erhalten so scharfe Umrisse. Die Streicher agieren sehr facettenreich und genau. Und der diatonische Stil mit seinen Intervallspannungen sticht reizvoll hervor. Der Dur-Charakter dieser ungewöhnlich farbigen Musik mit ihren B-Tonarten wirkt bei dieser Wiedergabe höchst lebendig. Auch das Ges-Dur-Ende besitzt vibrierende Leuchtkraft. Nach Moll wandern dann die Heuchelei-Attacken der Verwandten. Hinsichtlich der Personenführung wird diese Situation in skurriler Weise auf die Spitze getrieben. Und die dominierende Rolle der Holzbläser arbeitet Bernhard Epstein mit dem Stuttgarter Kammerorchester einfühlsam heraus. Transparenz und Leichtigkeit des Musizierstils übertragen sich auch auf die ausgezeichneten Sänger – allen voran Arthur Cangucu als Gianni Schicchi sowie Haeyeon Lee als seine Tochter Lauretta. Ihr Interpretation der berühmten Arie „O mio babbino caro“ gerät zu einem akustischen Höhepunkt, der in einen Aufschrei des Jammers übergeht. Josy Santos singt die Rolle der Zita vom Bühnenrand her mit weichem und ausdrucksvollem Timbre. Der Regisseur Bernd Schmitt übernimmt als Zita hier den darstellerischen Part, weil die ursprüngliche Sängerin Joyce de Souza überraschend krank geworden ist. Als Zitas Neffe sticht Roman Poboinyi mit vokalem Glanz hervor, der sich auch auf Jose Carmona als Gherardo, Narae Park als Nella, Helen Schmitt als Gherardina, Pascal Zurek als Betto di Signa, Philipp Franke als Simone, Johannes Moser als Marco, Vanessa Looß als La Ciesca sowie Johannes Fritsche als Arzt Maestro Spinelloccio und Notar Ser Amantio di Nicolao und Vladislav Pavliuk als Schuster Pinellino überträgt.

Sicherlich wird dieser Inszenierungsstil nicht jedem Zuschauer gefallen, doch das musikalische Niveau dieser Aufführung ist erstaunlich. Sophia de Otero verlas zudem eine Resolution, bei der sie sich im Namen der Studenten und Professoren der Stuttgarter Musikhochschule gegen Studiengebühren für ausländische Studierende ausspricht, die die grün-schwarze Landesregierung plant. Gerade die Produktionen im Wilhelma-Theater leben tatsächlich von künstlerischer Vielfalt. Studiengebühren in erheblicher Höhe hätten zur Folge, dass es in Zukunft weniger Karrierechancen für musikalische Talente gibt, so Otero. Für das Team gab es Jubel im Wilhelm-Theater.
 
Alexander Walther

P.S. Nächste Operntermine 19. Februar Badisches Staatstheater Karlsruhe, 25. Februar „Nabucco“ Staatsoper Stuttgart

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