Der Neue Merker

STUTTGART: TOSCA „das Vergehen der Zeit“. Wiederaufnahme

Puccinis „Tosca“ als Wiederaufnahme in der Staatsoper Stuttgart: DAS  VERGEHEN DER ZEIT

Giacomo Puccinis „Tosca“ als Wiederaufnahme in der Staatsoper Stuttgart am 25. September 2017/STUTTGART

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Karl Friedrich Dürr (Mesner). Copyright: Martin Sigmund

Es ist merkwürdig, dass der Musikkritiker Julius Korngold Puccinis „Tosca“ als „Folterkammermusik“ bezeichnete. Deutlich wird hier in jedem Fall, wie weit sich Puccini musikalisch damals vorwagte, denn seine harmonischen Kühnheiten standen in scharfem Kontrast zum Musikverständnis des 19. Jahrhunderts. Der Regisseur Willy Decker geht in seiner Inszenierung aber eher konservative Wege. Historische Kostüme und ein der Zeit um 1800 angepasstes Bühnenbild vermitteln einen werkgetreuen Eindruck. Nur das Bild des dritten Aktes durchbricht diesen Rahmen deutlich. Man sieht ein finsteres viereckiges und schwarzes Verlies mit einem hellen „Ausgangsfenster“ als Mittelpunkt. Hier erwartet der Maler Cavaradossi seinen Tod. Die Sängerin Tosca will ihn retten, hofft dann auf ein vermeintliches Erschießungskommando und muss schließlich erkennen, dass sie in schrecklicher Weise getäuscht wurde. Cavaradossi wurde nämlich wirklich erschossen. Sie merkt nun, dass nur sie die ganze Zeit die Getäuschte war. Um ihren Häschern zu entkommen, springt sie von der Engelsburg in den Tod. Willy Decker (Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann) hält sich im Gegensatz zu manch anderen Regisseuren an die Vorlage, die Qualitäten der Musik treten so in eindringlicher Weise in den Vordergrund. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Liebespaar Cavaradossi und Tosca einerseits und dem brutalen Polizeichef Scarpia andererseits werden in Deckers Inszenierung auf den Punkt gebracht. Scarpia ist zur Liebe nicht fähig und greift deswegen ganz konsequent zum Mittel der Zerstörung. Für Emotionen und wilde Verzweiflungsausbrüche ist dabei reichlich Platz.

Als Künstlerin steht Tosca im Mittelpunkt der Bedeutungsebene des Stückes, sie ist hier ganz eine Frau des 19. Jahrhunderts, ein Mensch aus einer längst vergangenen Zeit, die aber plötzlich wieder grell gegenwärtig wird. Das ist die Stärke dieser Inszenierung, der man kleinere szenische Schwächen gerne verzeiht. Im ersten Akt spürt man ebenso die starke Eifersucht, mit der Tosca auf die Augenfarbe der von Cavaradossi gemalten Maria Magdalena reagiert – sie erkennt darin unmittelbar ihre Rivalin Marchesa Attavanti. Die Eifersucht scheint dann auf die gesamte szenische Entwicklung überzugreifen, denn das Bild der Attavanti wird später zerstört. Deutlich wird bei der Aufführung, wie stark sich Tosca der Realität verweigert, um den Anfeindungen der Gesellschaft zu entgehen. Cavaradossi malt in offiziellem Auftrag für die staatstragende Kirche – und Tosca singt für die Königin Maria Carolina, eine Schwester Marie Antoinettes. Der Zwang der Öffentlichkeit wird von Willy Decker auf die psychologische Spitze getrieben, man spürt auch die unheimliche Macht der Königin, die hinter Scarpia steht. Tosca und Cavaradossi versuchen in dieser Inszenierung sehr deutlich die Realität zu überlisten, was ihnen jedoch nicht gelingt. Der Kampf um Freiheit und Leben gipfelt in dem Augenblick, als Tosca Scarpia in einer Art Notwehr ersticht. Diese Notsituation arbeitet Willy Decker sehr genau heraus. Eindrucksvoll ist auch die „Tedeum“-Szene, wo die unglaubliche Macht der katholischen Kirche beschworen und zelebriert wird. Dem hoch auf einem Podest sitzenden Kardinal gelingt es auch für einen kurzen Moment, Scarpias Dämonie zu brechen. Er muss buchstäblich zu Kreuze kriechen, was er aber nur widerwillig tut. Willy Decker will in seiner Inszenierung eine bewusste Trennung von Opfern und Tätern vermeiden. Der Spannungsmoment zwischen Kunst und Gesellschaft kommt so aber auch nicht zu kurz. Decker stellt das Vergehen der Zeit in den zentralen Mittelpunkt seiner insgesamt plausiblen „Tosca“-Interpretation, die sich den Zuschauern in vielen Details brennend einprägt.

Musikalisch ist diese Wiederaufnahme in jedem Fall erfreulich. Eine positive Überraschung gelingt der aus Sankt Petersburg stammenden Svetlana Aksenova in der Titelpartie, die Toscas Zusammenbruch nach der psychischen Folter mit abwärts sinkenden Triolen und dem suggestiven Zitieren des Scarpia-Motivs glaubwürdig verkörpert. Auch das kantable Leitmotiv wird von Svetlana Aksenova mit melodischer Energie gestaltet. Mit viel Klangfarbenreichtum und tragfähiger Mittel- und Höhenlage gestaltet sie außerdem die berühmte Arie „Vissi d’arte“. Hier ist ihre Stimme auch zu feinen Schattierungen fähig. So wirkt die gebethafte Beschwörung der Vergangenheit glaubwürdig. Und das natürliche lyrische Verströmen der Gesangsstimme verleugnet Svetlana Aksenova nicht. Arnold Rutkowski vermag als Cavaradossi auch deswegen zu überzeugen, weil er seiner Rolle ein leuchtkräftiges Timbre verleiht. Dies gilt vor allem für den Ausdruck kämpferischer Zuversicht, der im zweiten Akt bei der wilden Auseinandersetzung mit Scarpia in starker Weise hervorragt. Und die berühmte Arie „Und es blitzten die Sterne“ gerät hier wirklich zu einer ergreifenden Hymne an die Kunst. Albert Dohmen gelingt als Scarpia eine eindrucksvolle Erweiterung der klanglichen Palette. Seine Stimme ist zu Veränderungen fähig, die die Rätselhaftigkeit dieser Figur unterstreichen. Dies kommt nicht nur bei Steigerung und aufwärtsgehender Sequenzierung beim Kaufpreis-Motiv klar zum Vorschein. Man spürt ebenso, mit welcher Akribie er die Eifersucht Toscas in der Kirche schürt.

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Heinz Göhrig (Spoletta) und Brian Jagde (Cavaradossi). Copyright: Martin Sigmund

Unter der Leitung von Domingo Hindoyan zeigt auch das Staatsorchester Stuttgart eine packende Leistung. Das leidenschaftliche Melos der Liebesgesänge, Tritonus- und Ganztonentwicklung sowie das aus drei harmonisch unzusammenhängenden Akkorden gebildete Motiv Scarpias bilden einen betörenden Klangkosmos, der sich im Laufe dieses Abends immer mehr verdichtet. Glücklicherweise werden auch die anderen Gesangsstimmen vom Ausdruckszauber dieser melodramatischen Entwicklung geradezu mitgerissen und hypnotisiert. Dies gilt sowohl für den ständig verfolgten Cesare Angelotti in der mitreissenden Gestaltung Ashley David Prewetts als auch für den von Karl-Friedrich Dürr prägnant verkörperten Mesner, den von Heinz Göhrig undurchsichtig gestalteten Polizeiagenten Spoletta, den von Sebastian Bollacher subtil gemimten Gendarmen Sciarrone sowie Kristian Metzner als Schließer und Tabea Klaschka als Hirt. Johannes Knecht hat den Staatsopernchor wieder sehr kompakt einstudiert. Glockenostinato und dramatisierender Gebrauch von Tremolo-Effekten schaffen bei dieser komplexen Wiedergabe ein brodelndes inneres Feuer, dessen Brio-Atmosphäre sich nicht löschen lässt. Und die Leitmotiv-Technik lässt sich bei dieser Interpretation insgesamt gut nachvollziehen.

Viel Beifall und „Bravo“-Rufe.

Alexander Walther

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