Der Neue Merker

STUTTGART: TOSCA

Stuttgart: Tosca am 21.10.2017
An der Staatsoper wird ‚Tosca‘ in einer Inszenierung von Willy Decker, Prem.-Dirigat Lothar Zagrosek, vom 3.7.1998 gespielt. Der damalige minimalistische Stil scheint sich bei Tosca überlebt zu haben, Bühnenschrägen erscheinen allerdings zeitlos.
In der Wiederaufnahme dirigiert der junge Domingo Hindoyan aus Venezuela. Er hat ein gutes Händchen für die wechselnden Temperamente in Tosca und animiert das Staatsorchester zu schönem flexiblem Spiel. Auch deckt er die Solisten nie zu, nur wenn diese nach hinten laufen, was ein oder zwei mal passiert. In der mystischen noch hoffnungsvollen Stimmung Beginn 3. Akt singt Tabea Klaschka mit schöner Stimme leicht den Hirten. Die alten Stuttgarter Ensemble-Kämpen Heinz Görig/Tenor und Karl-Friedrich Dürr/ Baßbariton singen den unterwürfigen Spoletta und den knorrigen Mesner. Die Chormitglieder Sebastian Bollacher und Kristian Metzner ergänzen als Sciarrone und als Schließer. Den Angelotti gibt mit viel Ausdruck und Charakter Baßbariton Ashley David Prewett.
Den Baron Scarpia hat Albert Dohmen übernommen. Entgegen der Tendenz, den röm. Polizeichef mit immer jüngeren Charakteren zu besetzen, wird mit Dohmen ein ruhiger selbsicherer älterer Herr vorgestellt, der kalten Herzens seine Gräuel in Szene setzt. Trotzdem nimmt man ihm seine Leidenschaft für Tosca ab. Dabei hat man auch seine Alberich-Interpretation im Hinterkopf. Stimmlich ist er mit seinem butterweichem angenehm voluminösem Bariton bestens aufgelegt, was Tosca aber nicht überzeugt.
Der Cavaradossi des Polen Arnold Rutkowski steigert sich immer mehr in die Rolle hinein. Im 1.Akt wirkt er Tosca gegenüber kühl, fast schneidig. Dann gelingen die Vittoria-Rufe noch nicht so vollmundig, auch die Kerkerschreie kommen eher verhalten herüber. Im Schlussakt ist er aber voll in seinem Element. Den Rückblick auf sein Leben kann er mit schön timbriertem Tenor glaubhaft machen, und „Lucevan le stelle“ erscheint so fein abgestuft und gesteigert, so dass viele danach in die weiterlaufende Musik hineinklatschen.

Seine Tosca ist Svetlana Aksenova, und sie wirkt auch tatsächlich wie eine Diva. Schärfen in der Höhe lässt sie gar nicht erst aufkommen. Insgesamt kann sie mit einem interessant timbrierten und in den Cantilenen schön ausgesungenen Sopran in ihren Phrasen brillieren. Am Ende kommt sie mutig ihren Schergen zuvor.

Friedeon Rosén

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