Der Neue Merker

STUTTGART/ Studiotheater: UNGEFÄHR GLEICH von Jonas Hassen Khemiri. Premiere am

STUDIOTHEATER STUTTGART:  „ungefähr gleich“ von Jonas Hassen Khemiri. Premiere. Premiere 11.2. 2017

GIER NACH GELD IST GRENZENLOS

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Stefanie Friedich, Boris Rosenberger, Caroline Dessler – hinten: Henning Bormann. Copyright: Daniela Aldinger

Jonas Hassen Khemiri erzählt in seinem Theaterstück die verhängnisvolle Gier nach Geld in verschiedenen Zeitsprüngen, die der Regisseur Christof Küster geschickt einfängt. In der Ausstattung von Maria Martinez Pena zeigen die Schauspieler Stefanie Friedrich, Caroline Sessler, Henning Bormannn, Cornelius Nieden und Boris Rosenberger eine sehr gute Leistung.

Der Wirtschaftswissenschaftler Mani verzweifelt hier an der Frage, wie man Milliarden oder Billionen Schulden zurückzahlen soll. Seine Frau Martina verkauft wie panisch Rubellose. Sie kämpft mit ihrem zweiten Ich als ökonomischer Stimme, die sie ständig antreibt und ermahnt. Da kommen in der Inszenierung unerwartete Spannungsmomente auf, die sich stets steigern. Andrej besucht Abendkurse und schreibt endlose Bewerbungen, um schließlich bei einer pedantischen Dame im Jobcenter zu landen. Dort verwandeln sich die Arbeitsvermittler plötzlich in ausgeflippte Revuestars, die alles auf den Kopf stellen und den Arbeitslosen fast um den Verstand bringen. Schließlich wird er trotz seines Abiturzeugnisses von den Arbeitgebern nur ausgelacht. Diese Episode erzählt Christof Küster als Regisseur mit viel Spielwitz und Hintersinn. Schließlich findet Andrej im gleichen Kiosk wie Martina einen Arbeitsplatz. Martina lässt Andrej arbeiten und nimmt sich ab und zu Geld aus der Kasse, was die chaotische Stimmung mächtig anheizt. Eine abgelehnte Stellenbewerberin wird im Stück hart von einer Konkurrentin angegangen.

Überhaupt beeindrucken die Dialoge zwischen den Protagonisten durch elektrisierenden Scharfsinn. Khemiri lässt in seinem Stück verschiedene Biografien geschickt aufeinandertreffen, dadurch kommt keinen Augenblick Langeweile auf. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchtet. Die Bühne wird von drei riesigen Waschmaschinen dominiert, in denen die handelnden Personen plötzlich verschwinden oder eingeschlossen werden. Das Personal kommt aber auch durch die seitliche Glastüre in den Innenraum. Immer wieder wirft jemand Geld in den Automaten, so dass sich die Waschmaschinen unaufhörlich drehen. Das wirkt witzig und skurril zugleich. Manchmal taucht auch ein Obdachloser auf, der verzweifelt um Geld bettelt und „in seiner Pisse steht“. Die Casino-Mentalität eines Donald Trump wird hier karikiert. Auf der anderen Seite befinden wir uns im Hörsaal einer Universität, wo der Wirtschaftsprofessor vor seinen Studenten ziemlich hilflos dasteht und nach Worten ringt. Die brutale Situation der Armut und des Reichtums stellt diese ungewöhnliche Inszenierung wiederholt in schonungsloser Weise bloß, dadurch gewinnen die gesellschaftlichen Abgründe immer mehr an drastischer Aktualität. Dies ist eindeutig eine Stärke von Christof Küsters Inszenierung. Das Leben der Menschen wird hier auf eine Zerreissprobe gestellt. Es gibt kein Entrinnen. Zuletzt macht sich Dunkelheit breit. Das Werk „ungefähr gleich“ ist das neueste Stück des schwedischen Dramatikers Jonas Hassen Khemiri, das 2015 am Thalia Theater Hamburg seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte. Binäre Optionen stellen die handelnden Personen zuweilen vor unlösbare Probleme: „Sie zahlen eine Billion Dollar Schulden mit Ein-Dollar-Scheinen sekündlich zurück. Wie lange würde das dauern?“ (Bühnenbildbau: Jasmin Thomas, Paula Hanke, Clemens Schneider, Florian Wilhelm, Florian von Zameck).

Starker Schlussapplaus.

Alexander Walther

 

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