Der Neue Merker

STUTTGART/ Studiotheater: MEIN TRAUM IST LÄNGER ALS DIE NACHT – eine berühmte Fahrt. Live-Hörspiel

 „Mein Traum ist länger als die Nacht“ im Studiotheater Stuttgart

EINE BERÜHMTE FAHRT
Live-Hörspiel über Bertha Benz „Mein Traum ist länger als die Nacht“ am 15.4.2017 im Studiotheater/STUTTGART
DSC_7963
Copyright: Stephan Haase

Günter Maurer hat diese Theaterfassung nach dem Roman von Angela Elis verfasst, das jetzt im Studiotheater in Stuttgart als kunstvolles Live-Hörspiel zu sehen ist.

Das Stück beginnt im Jahre 1886, als der junge Carl Benz seine Erfindung des dreirädrigen Motorwagens als Patent anmeldet. Als das Gefährt abgelehnt wird, macht sich seine Frau Bertha 1888 zur bis dahin längsten Autofahrt auf den Weg – nämlich 105 km von Mannheim nach Pforzheim und zurück. Susanne Theil spiel Bertha Benz sehr glaubwürdig in ihrer Beweglichkeit und Schlagfertigkeit, flankiert von den beiden emotional agierenden Darstellern Martin Bonvicini und Boris Rosenberger als Ehemann Carl Benz und Freundeskreis. Bertha Benz hieß ursprünglich Bertha Ringer, die sich 1871 vorzeitig ihre Mitgift auszahlen ließ, um mit diesem Kapital ihrem Verlobten Carl Benz die Weiterführung seines Unternehmens zu ermöglichen. Er fand sie sofort bezaubernd, obwohl er sie zunächst nicht heiraten wollte. 1872 heirateten die beiden in Pforzheim. Mit der berühmten Fahrt von Bertha Benz verändert sich die Akzeptanz des Automobils schlagartig, das Pferdegetrappel weicht dem Brausen unzähliger Motoren. Dies alles stellen die Schauspieler während des kurzweiligen Live-Hörspiels in kunstvoller Weise dar: „Die ganze Welt wird rattern und knattern“.

In der Ausstattung von Jessica Dinger wird eine kleine Weltkugel symbolisch herabgelassen, während Carl Benz Mannheims Straßen erobert. Das Stück sprudelt nur so vor abwechslungsreichen Einfällen. Es gibt nun immer mehr potenzielle Käufer, der Erfolg trägt zum Aufstieg der Firma bei. An drei Tischen sitzen die Schauspieler wie in einer Werkstatt und lassen vor den Mikrofonen das Leben der Industrialisierung entstehen. Im Hintergrund nimmt man eine Handwerkshütte wahr.

Während der 60jährigen Ehe des Paares verändert sich die Weltlage dramatisch. Bei der Pariser Weltausstellung tritt Carl Benz als erfolgreicher Erfinder ebenso auf. Ein Kaiserpreis zur Stärkung der Deutschen Luftfahrt wird gestiftet, Kaiser Wilhelm II. wird auf Carl Benz aufmerksam. Auch die schreckliche Zeit des ersten Weltkriegs kommt bei diesem gelungenen Live-Hörspiel nicht zu kurz, selbst die Nationalsozialisten und Adolf Hitler interessieren sich später für „Mutter Benz“ und machen ihr ihre Aufwartung. Schließlich lässt sich die Greisin von ihnen einfangen und unterstützt Hitler auch bei seinem weiteren politischen Aufstieg. Diese Ereignisse werden von den Schauspielern innerhalb des Live-Hörspiels facettenreich dargestellt. Immer wieder kämpfen hier große Forschergeister gegen die Pforzheimer Mittelmäßigkeit. Der Trieb, sich einem künstlichen Takt zu unterwerfen, herrscht vor. Die Veränderungen durch die Industrialisierung, der Schauder der beiden Weltkriege und deren Einfluss auf die Entwicklung des Automobils kommen überzeugend zum Vorschein. Mit akustischer Verfremdung stellen die Schauspieler vor dem Mikrofon geschickt die Nazi-Wochenschauen im Radio dar. Manchmal ist man sprachlos über den Fanatismus, mit dem hier die technische Entwicklung vorangetrieben wird. Die Geräusche tragen zu einer plastischen Darstellung bei, selbst der Stechschritt der Nationalsozialisten prägt sich mit Papierrascheln ein. Der berühmte schwäbische Tüftlergeist sticht markant hervor. Als Bertha Benz Kinder zur Welt bringt, seufzt ihr Vater nur: „Leider wieder nur ein Mädchen…“ Doch schließlich werden auch die Söhne Eugen und Richard geboren, die Bertha Benz bei der ersten erfolgreichen Fernfahrt begleiten.

Bertha Benz starb im Alter von 95 Jahren 1944 in Ladenburg, dem Sitz des Unternehmens von Carl Benz und Söhne. Zwei Tage vor ihrem Tod, nämlich an ihrem 95. Geburtstag, wurde sie zur Ehrenbürgerin der Technischen Hochschule Karlsruhe ernannt. „Was Männer können, können Frauen auch“ war ihr Lebensmotto. Die akustische Welt der technischen Erforschung wird bei diesem kurzweiligen Live-Hörspiel sehr kunstvoll beschworen. Es gab begeisterten Schlussapplaus des Publikums.

 
Alexander Walther

Diese Seite drucken