Der Neue Merker

STUTTGART/ Studiotheater: DER MANN MIT DEN VIER HARMONIEN – ein Hanns-Dieter-Hüsch-Abend

Ein Hanns-Dieter-Hüsch-Abend am 31. Dezember 2017 im Studiotheater/STUTTGART
DER MANN MIT DEN VIER HARMONIEN
In der recht schlichten Ausstattung von Maria Martinez Pena (Filmschnitt: Jasmin Thomas) spielten und rezitierten Christof Küster und Sebastian Schäfer einen amüsanten und unterhaltsamen Hanns-Dieter-Hüsch-Abend. Hüsch erschien hier als Menschenfreund und genauer Beobachter zugleich, zudem blitzte der scharfsinnige Clown und politische Melancholiker hervor. Das scheinbar Banale leuchtete hier plötzlich komisch, eindringliche Texte des „fahrenden Poeten“ Hüsch verfehlten ihre betörende Wirkung beim Publikum nicht. Man konnte das „Schwarze Schaf vom Niederrhein“ zum Leichenschmaus begleiten und sich von „Tante Anna, Hedwig und Erwin“ die Welt erklären lassen. Hüsch erschien als der unverwüstliche Mann mit den vier Harmonien – auch in Filmausschnitten. Beim „Lied vom Brauchtum“ und dem „Friseur“ (1958) ging ebenfalls die Post ab. „Man darf dem Ungeziefer keine Handhabe geben„, meinte die Großmutter und verwies auf den Haarschnitt von Adolf Hitler. Da war dann auch kein Psychiater mehr notwendig. Von Kaiser Wilhelm bis zum Bundeskanzler wurden alle Frisuren durchgenommen. Und der Untermieter verwendete immer wieder Daumenschrauben oder die „Do-it-yourself-Guillotine“ mitsamt einem elektrischen Stuhl, den man zusammenbastelte. Im Film sah man dann, wie geschickt oder ungeschickt Hüsch Tee kochen konnte: „Ich hasse Kannen!“ Rasputin nebst Zarenfamilie tauchte dann plötzlich in Baden-Baden auf. Und „Hagenbuch“ ließ in der Anstalt Bless-Hohenstein verlauten, dass er ein längeres Gespräch mit „aha“ und „soso“ bestritten habe. Mit den „Bäckern von Beumelburg“ wurde dann deutsche Geschichte geschrieben.

Lieder und Texte eines unverwechselbaren Originals ließen Christof Küster und Sebastian Schäfer in rasanter Weise Revue passieren. Mit „brandenburgischer Dekadenz“ wurden diese seltsamen „Hagenbuchgeschichten“ vorgetragen, die auch an Hüschs Vorbild Thomas Bernhard erinnerten. „Terra“ hieß bei Hüsch ein kleiner Planet. „Terra“ wurde krank und verschenkte alles an andere Planeten. Man erfuhr in den Filmausschnitten auch, dass Sexualität und Erotik bei Hanns-Dieter Hüsch ebenfalls nicht zu kurz kommen. So hatte er auch eine Nummer bezüglich von „intimen Problemen“ in petto, die beim Publikum für Heiterkeit sorgte: „Lutscher machen lesbisch, Apfelsinen frigide...“ Und man erfuhr: „Protestanten sind im Dunkeln besser als Katholiken im Freien!“ Der Song „Ich sing für die Verrückten“ kam bei den Zuhörern gut an. Als Kabarettist leugnete er bei den Filmausschnitten aber auch keine Suizidmomente. „Wir Niederrheiner sind ja Chef-Verdränger“, lautete das Resümee. Der Niederrheiner wisse nichts, könne aber alles erklären.

Nach diesem Abend begriff man einmal mehr: Hanns-Dieter Hüsch war wahrlich einer der wichtigsten Vertreter des literarischen Kabaretts in Deutschland. Er begeisterte über 50 Jahre lang mit seinen Kabarett-Programmen das Publikum. Auch Christof Küster und Sebastian Schäfer erhielten am Silvesterabend stürmischen Schlussapplaus. Und zuletzt flog der „Schmetterling“ zu feierlichen Orgelklängen davon. „Wenn der Abend durch den Schornstein fällt“ sorgte zudem für eine fast schon melancholische Aura.
Alexander Walther

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