Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: TOSCA – mit kurzfristig aufeinander getroffenem Protagonisten-Terzett

Stuttgart

„TOSCA“ 21.7. 2017- mit kurzfristig aufeinander getroffenem Protagonisten-Terzett

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Immer wieder in den Sitz bannend: das Te Deum mit dem Staatsopernchor. Copyright: Martin Sigmund

Puccinis berühmtes Schwellenwerk zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert ist eines jener wenigen Stücke, das auch ohne größere Proben jederzeit irgendwie funktioniert und dabei mehr oder weniger Spannung erzeugt. Zumal in einer Inszenierung wie derjenigen von Willy Decker in den schlichten aber mit Ergänzung der Lichtregie stimmungsvollen Bühnenräumen und historisch korrekten Kostümen von Wolfgang Gussmann, die seit ihrer Premiere am 3. Juli 1998 an diesem Abend verdientermaßen ihre bereits 106. Vorstellung erlebt hat. Da können sich Sänger unterschiedlichster Provenienz auch kurzfristig zurecht finden und ihre persönliche Rollen-Interpretation einsetzen. Wie bei dieser letzten Aufführung einer Serie, wo zwei der Hauptpartien relativ schnell umbesetzt werden mussten. Bedauerlich war vor allem der Verzicht auf den amerikanischen Tenor Brian Jadge, einem Nachwuchssolisten, der momentan eines der bedeutenden Opernhäuser nach dem anderen erobert und als Cavaradossi im Herbst mit Anja Harteros als Partnerin in Zürich debutieren wird. Somit können wir nur auf eine spätere Begegnung mit ihm hoffen. Ersetzt wurde er nun durch den in Stuttgart auch in dieser Rolle bereits gut bekannten Mexikaner Rafael Rojas, einem grundsoliden Zwischenfachtenor mit markant eingefärbtem Klang, zuverlässiger Höhe und begrenzter Atemtechnik, um aus bewältigten Melodiebögen mehr als ein korrekt wiedergegebenes Kunststück werden zu lassen. Er spielt auch engagiert, lässt emotionale Anteilnahme erkennen und bleibt dennoch jene Sensibilität schuldig, die mehr Tiefgang erzeugen würde.

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 Tosca mit Feinheit und Attacke: Barbara Haveman. Copyright: Martin Sigmund

Den letztlich überwiegend positiven Gesamteindruck hat er auch der Tosca von Barbara Haveman zu verdanken. Die international renommierte Niederländerin gehört zu jenen Rollenvertreterinnen, die sich als Diva nicht in den Vordergrund drängen, vielmehr flexibel auf ihre Partner einzustellen scheint und ihm somit ein sicheres Feld des Aufeinandereingehens bot. Bemerkenswert ist die Feinheit, mit der die vielseitige Sopranistin, Puccinis Musik zu intonieren weiß und dadurch mit ihren zielsicheren und durchsetzungsfähigen, aber nie scharfen und bohrenden Höhenattacken umso mehr überrascht und für eine dynamische Spannung sorgt. Ihr am Boden gesungenes „Vissi d’arte“ hatte zwar nicht die Phrasierungs-Raffinesse mancher ihrer Kolleginnen, berührte aber dennoch aufgrund ihres unverkünstelt schlichten Vortrags.

Statt des hauseigenen Scarpia Michael Ebbecke kehrte das schon mehrfach eingesprungene einstige Ensemble-Mitglied Tito You nach Stuttgart zurück und hinterließ als Bösewicht einen zwiespältigen Eindruck. Der in der Kirche noch sehr steife Auftritt mag ihm der kurzfristigen Übernahme wegen nachgesehen werden, zumal sich sein Einsatz im Palazzo Farnese lockerte, ohne über eine phasenweise Unbeherrschtheit hinaus sadistischen und gleichzeitig verführerischen Charakter zu gewinnen. Zu einer diesbezüglichen Ausdrucks-Profilierung setzte ihm sein gepflegt kultivierter, farblich etwas eindimensionaler Bariton (der sich in Belcanto-Opern bis hin zum mittleren Verdi ideal bewährt hat) gewisse Grenzen. Neben einer gut sitzenden und breiten Höhe bleiben die unteren Register zu schwach ausgeprägt und diffus, um sie effizienter einsetzen zu können.

David Steffens war der eher unauffällige Angelotti, Karl Friedrich Dürr der auch nach seiner Pensionierung noch würdig humorige, dem Alkohol zugeneigte Mesner, Heinz Göhrig der wie immer und in allem markante Spoletta und Stephan Storck ein gefährlich duckmäuserischer Sciarrone. Der Staatsopernchor Stuttgart machte im TeDeum wieder gehörig Eindruck, und das Staatsorchester Stuttgart spielte Puccinis Reißer schlackenlos, sogar klangschöner als es manchmal sein müsste, entbehrte dafür aber immer wieder der glutvolleren und mitreißenderen Zündkraft. Das lag an Gregor Bühls korrektem, mehr auf einzeln klar gesetzte Akzente als auf einen durchgängigen Bogen und Leidenschaft Dirigat. Langsame Tempi im ersten Akt sorgten phasenweise für ein Erlahmen des Flusses.

Das Publikum war zufrieden und bedankte die Protagonisten und das Orchester mit Ovationen.

 Udo Klebes    

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