Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: TOD IN VENEDIG. Premiere

Benjamin Brittens „Der Tod in Venedig“ in der Staatsoper Stuttgart

VENEDIG IN NEUEN SCHATTIERUNGEN

Premiere von Brittens „Tod in Venedig“ am 7. Mai in der Staatsoper/STUTTGART

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Georg Nigl, Matthias Klink und Ensemble. Copyright: Staatsoper Stuttgart

Als Koproduktion der Oper Stuttgart und des Stuttgarter Balletts überzeugt diese neue Inszenierung von Demis Volpi (Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf) nach Thomas Manns gleichnamiger Erzählung in mehrerer Hinsicht. Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach wird in seiner Lebenskrise einfühlsam nachgezeichnet. Der erfolgreiche Autor hat Sehnsucht nach etwas Neuem und Fremdem – es zieht ihn nach Venedig, wo er das märchenhaft Abweichende zu erreichen versucht. Er verliebt sich in den polnischen Knaben Tadzio, den er jedoch nicht ansprechen kann. Schließlich rafft ihn eine ausbrechende Seuche dahin, dem Sterbenden winkt der keusche Knabe nochmals zu.

Demis Volpi möchte bei seiner Inszenierung einen Blick in Aschenbachs Brustkorb werfen, er möchte ihn auch in psychologischer Hinsicht sezieren. Es soll eine Reise in die Psyche Aschenbachs sein, eine Erkundung seines emotionalen, geistigen und körperlichen Zustandes. Spannungsvoll ist die Begegnung Aschenbachs mit der schillernden Figur des Gegenspielers, der als Reisender erscheint. Es wird bei der Inszenierung intensiv der Frage nachgegangen, wer eigentlich hinter diesen vielen Figuren steckt. Und auch die Bühne wird von Aschenbachs geistigem Zustand geprägt, denn er kann Wirklichkeit und Traum immer weniger auseinanderhalten. Die Figuren treten teilweise gespenstisch aus dem Nebel und aus den labyrinthartigen Gassen der Stadt heraus. Vor allem die apollinischen und dionysischen Traumsequenzen treten immer wieder deutlich hervor, hier erfüllen die jungen Tänzer des Stuttgarter Balletts und der John-Cranko-Schule eine hervorragende Aufgabe. Die Bühne ist eigentlich ein riesiges Zimmer mit kahlen Wänden, die sich auf einer Drehbühne hin- und herbewegen. Schließlich wird eine eindrucksvolle Goldwand herabgelassen, man sieht den jungen Gott Apollon in einer Art aufgehender Rose, die sich ebenfalls in einer Goldkaraffe befindet. Vorgänge des Unterbewusstseins werden hier facettenreich verarbeitet. Aschenbach und Tadzio beginnen gemeinsam zu tanzen, Aschenbach bricht plötzlich ab, um Schlimmeres zu verhindern. Hier wird allerdings nichts aus der Postkartenperspektive erzählt. In dem Wohnzimmer befinden sich viele Bücher, die nicht nur von Aschenbach nach und nach weggeräumt werden. Das Problem der platonischen Liebe spricht Demis Volpi ganz bewusst an. Als die Seuche voll ausbricht, wird der Zuschauer Zeuge einer unheimlichen Walpurgisnacht, wo Götzen und Dämonen gleichsam angerufen und verherrlicht werden. Es ist eine Art satanischer Sommernachtstraum, der den sterbenden Dichter Aschenbach auf seinem Weg ins Jenseits begleitet. Das sind visionäre Szenen von großer Wirkungskraft, die sich beim Zuschauer tief einprägen.

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Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo. Copyright: Staatsoper Stuttgart

Musikalisch bietet das Staatsorchester Stuttgart unter der ausgezeichneten Leitung von Kirill Karabits wieder eine Spitzenleistung. Aschenbachs Blick auf den Strand mit dem weit ausschwingenden Motiv wird voll ausgekostet, in Terzschritten sinkt alles nach unten. Auch das chromatische Emporschwingen des gesamten Orchesterapparats verdeutlicht der Dirigent mit dem Staatsorchester in vorbildlicher Weise. Es gelingt Kirill Karabits immer wieder ausgezeichnet, atmosphärische Stimmungsbilder von großer Wirkungskraft zu erzielen, was nicht nur den Sängern, sondern auch den exzellenten Tänzern des Stuttgarter Balletts mehr als zugute kommt. Pirouetten, Figurationen und der abgebrochene Pas de deux zwischen Aschenbach und Tadzio gewinnen so eine grandiose Intensität. Selbst bei szenischen Längen verliert diese ungewöhnlich farbige Inszenierung nichts von ihrer Faszination, wenngleich man sich Assoziationen zu Venedig gewünscht hätte. Matthias Klink bietet als Gustav von Aschenbach eine gesangliche und schauspielerische Meisterleistung, die zu Recht Ovationen auslöste. Seine Tenor-Stimme besitzt ein klares Timbre mit einem deutlichen Hang zu tonmalerischer Vielschichtigkeit und Intonationsreinheit. Selbst knappe rezitativische Wendungen und motivische Kurzformen gelingen Matthias Klink vorzüglich. So kommt es zu einer eindringlichen Verschmelzung der stimmungsmäßigen Momente mit den dramatischen Akzenten, wovon auch die anderen Sänger profitieren können – allen voran der wandlungsfähige Bariton Georg Nigl in verschiedenen Rollen als Reisender, ältlicher Geck, alter Gondoliere, Hotelmanager, Coiffeur des Hauses, Anführer der Straßensänger und Dionysos. Jake Arditti glänzt in der subtilen Rolle der Stimme des Apollon. David Moore verkörpert suggesitiv die tänzerische Seite des Apollon. In weiteren Rollen fesseln Daniel Kluge als Hotelportier, Tommaso Hahn als Bootsmann, Dominic Große als Hotelkellner und Restaurantkellner, Lauryna Bendziunaite ist Erdbeerverkäuferin und Straßensängerin in einem. Kai Kluge als Glasbläser und Straßensänger, Ronan Collett als englischer Angestellter im Reisebüro, Padraic Rowan als Fremdenführer in Venedig, Idunnu Münch als Bettlerin, Catriona Smith als verzweifelte Spitzenverkäuferin, Cristina Otey als Zeitungsverkäuferin und Elena Müller als französisches Mädchen bilden ein unvergleichliches Ensemble. Ferner begeistern Joana Romaneiro als die polnische Mutter, Gabriel Figueredo als ihr Sohn Tadzio sowie Sophia Steinhauer und Katharina Buck als ihre beiden Töchter. Ivan Pal als Jaschiu sowie Riccardo Ferlito, Ivan Pal, Marco Piraino, Jakob Schuler, Carlos Strasser, Paolo Terranova und Jose Angel Vizcaino vervollständigen dieses Ausnahmeensemble.

Eine wichtige Rolle nimmt auch der von Christoph Heil hervorragend einstudierte Staatsopernchor ein, der insbesondere bei den Begräbnisszenen eine geradezu schauerliche Größe gewinnt. Überhaupt zeigt Kirill Karabits bei den gewaltigen Crescendo-Steigerungen und Fortissimo-Ausbrüchen ungewöhnliches Fingerspitzengefühl, denn auch die Harfenglissandi und kammermusikalischen Delikatessen kommen nicht zu kurz. Das Ohr wird mit vielfältigen Klangflächen betört, die sich immer weiter aufsplittern. Es ist also auch musikalisch ein ungeheurer Einblick in Aschenbachs Brustkorb, der hier wie eine Partitur wirkt. Deklamatorische Diktion und Arioso verschmelzen auf facettenreiche Weise. Gelegentlich spürt man die Nähe zu „Albert Herring“ mit Rezitativbehandlungen vom einfachen Secco- bis zum Recitativo stromentato. So gewinnt auch der bacchantische Zauber der gespenstischen Walpurgisnacht Größe. Tremolo-Passagen der Streicher, Ostinato-Sequenzen und Glockenspiel-Zauber bilden eine fantastische Einheit, der sich niemand entziehen kann. Das breite Ausschwingen des Themas bei der Aussichtsbeschreibung des Hotelmanagers bis zur Motiv-Veränderung im Laufe der Oper vom satten Streicherklang bis zur einsamen Flöte zeigt Karabits als Dirigent mit viel Sinn für magische Klangmomente. Herabsinkende Terzen wirken wie kleine Meereswellen. Aschenbachs Sokrates-Monolog mündet in einen bewegenden Bläserchoral. Der Blick auf Tadzio beherrscht das musikalische Geschehen in unbeschreiblicher Weise. Wie stark Benjamin Britten auch in dieser Oper auf das Meer hört und sein Rauschen und Flüstern vertont hat, zeigt das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Kirill Karabits wiederholt mit nie nachlassender Spannungskraft. Einflüsse von Purcell, Händel bis zu Strawinsky und Alban Berg sind so nicht zu überhören. Charme und Wandlungsfähigkeit verdeutlichen die Sänger und Tänzer nahezu einheitlich, knappe Themen erreichen höchste Bildkraft und poetisches Gefühl. Pathetische Steigerungen und klassische Formen bilden keine Gegensätze. So war der Premierenjubel nicht endenwollend. Es handelt sich hier eigentlich um eine verspätete Stuttgarter Uraufführung, denn die Oper sollte in den 70er Jahren mit Wolfgang Windgassen in der Hauptrolle als Stuttgarter Premiere herauskommen. Leider verhinderte Windgassens Tod dieses Projekt.

Alexander Walther

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