Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: ORPHEUS IN DER UNTERWELT – „Nymphen im Weltall“ – Wiederaufnahme

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Andre Jung (Styx), Josefin Feiler (Eurydike), Daniel Kluge (Orpheus). Copyright: Martin Sigmund

Wiederaufnahme von Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ am 10. 1. 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

NYMPHEN IM WELTALL

 Armin Petras ist bei seiner Inszenierung von Jacques Offenbachs Opera bouffe in vier Bildern „Orpheus in der Unterwelt“ vor allem am historischen Kontext des Geschehens interessiert und legt weniger Wert auf einen Aktualitätsbezug. Im Mittelpunkt der Handlung steht bei Petras eindeutig Eurydike im Rahmen einer historischen Zeitspanne, die auch von Offenbach bewusst erlebt wurde. Eurydike kommt hier aus einfachen Verhältnissen und ist eine Arbeiterin der „Pariser Kommune“, die eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung zu etablieren versuchte. Ein Videofilm (Videodesign: Rebecca Riedel) wirft dabei einen Blick zurück auf die wilde Welt der Arbeiterschaft. Eurydike wird dann von dem Musikprofessor Orpheus, der sie heiratet, aus den subproletarischen Verhältnissen herausgeholt. Doch auch das Leben in dem Holzhäuschen wird ihr allmählich zu eng. Eurydike trennt sich schließlich von ihrem Mann, weil sie einen Liebhaber hat, der ihr ein anderes Leben abseits der Bürgerlichkeit verspricht. Es ist der Gott der Unterwelt – Pluto.

Armin Petras lässt die Bilderfluten zwischen Industrierevolution und Weltall in rasanter Weise an den Augen der Zuschauer und im Strudel von „Gerüchten“ vorüberziehen. Ein sinnliches Schwirren und Flirren begleitet auch die Auftritte der öffentlichen Meinung, die sich zwischen Pizzicato-Tupfern unter die Leute mischt und für Unruhe sorgt. Armin Petras beleuchtet aber auch mit viel Ironie und Spielwitz die groteske Welt des Adels und der Bourgeoisie, wobei sich der „Aufstand der oberen Zehntausend“ ebenfalls bald herauskristallisiert. Im letzten Bild in der Unterwelt treffen die verschiedenen Klassenschichten aufeinander – und in dieser seltsamen Clubatmosphäre gerät selbst der berühmte „Can-Can“ zu einem skurrilen Totentanz mit dem Salto mortale von klapprigen Skeletten. Im Hintergrund klatschen die Dämonen und Teufelsgestalten heftig Beifall. Im Olymp werden hier aber ebenso die Götter heftig attackiert, die sich gegenseitig mit Schäfern und Nymphen im Weltall betrügen und auf Sternen und Planeten herumfliegen. Die öffentliche Meinung droht Orpheus schließlich mit Rufmord, sollte er Eurydike nicht zurückholen. Die gesellschaftlichen Zustände des Zweiten Kaiserreichs um Napoleon III. werden von Offenbach mit beissender Schärfe und Akribie karikiert, worauf auch Armin Petras in seiner farbenreichen und gelungenen Inszenierung eingeht (Choreographie: Berit Jentzsch; Bühne: Susanne Schuboth; Kostüme: Dinah Ehm). Die Korruption auf dem Olymp weicht in der Unterwelt einer erschreckenden Nüchternheit, denn die Protagonisten werden hier von den Teufeln gepeinigt und ausgepeitscht. Und am Eingang zur Hölle wird die entführte Eurydike von Plutos beschwipstem Mitarbeiter Hans Styx bewacht, der seine Arie „Als ich noch Prinz war von Arkadien“ melancholisch anstimmt. In Gestalt einer Fliege erscheint Jupiter, der Eurydike verspricht, sie aus der Unterwelt zu befreien.

Petras legt bei dieser Szene auf die komödiantischen Momente großen Wert. Orpheus darf Eurydike nur aus dem Hades befreien, wenn er sich nicht nach ihr umblickt. Doch durch einen Blitz, den Göttervater Jupiter schickt, wendet er sich dennoch nach ihr um und verliert seine Frau damit für immer. Jupiter bestimmt nun, dass Eurydike fortan mit dem Gott Bacchus zusammenleben solle. Offenbachs Bezug zur antiken Götterwelt ist nur noch eine Persiflage, was Armin Petras immer wieder grell herausarbeitet. Zuweilen gibt es auch örtliche Bezüge – zum Beispiel die „Cannstatter Zeitung“, in der amouröse Verwicklungen der hohen Herrschaften hemmungslos bloßgestellt werden: „Nein, so einfach geht es nicht!“

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Andre Jung (Styx). Copyright: Martin Sigmund

Musikalisch kann diese Aufführung ebenfalls wieder überzeugen. Hans Christoph Bünger leitet das Staatsorchester Stuttgart mit feiner Ironie und packendem Zugriff, wobei die Spitzfindigkeiten von Offenbachs Partitur gut herausgearbeitet werden. Daniel Kluge vermag als Orpheus zu gefallen, der seine Klage im Stil von Gluck vorträgt und damit auch Mitleid erregt. Wenn Michael Ebbecke als Jupiter mit kernigem Bariton im zweiten Akt in die Unterwelt hinabsteigt, tun sich durchaus Parallelen zum Gott Wotan in Richard Wagners „Rheingold“ auf. Und mit verführerischem Summen macht er als riesige Fliege großen Eindruck auf die völlig verwirrte Eurydike. Hans Christoph Bünger betont mit dem feinnervig musizierenden Staatsorchester Stuttgart sensibel den parodistischen Unterton, der sich immer weiter zu verfeinern scheint. Die Frivolität dieser Musik wird auch von den anderen Sängerinnen und Sängern in hervorragender Weise ausgekostet. So besticht der feurige Sopran von Josefin Feiler mit vielen Klangschattierungen und elektrisierenden Koloraturen, die immer neu explodieren. Stine Marie Fischer glänzt als öffentliche Meinung mit deutlichem Sarkasmus, während Andre Morsch mit tragfähigem Bariton als Aristeus und Pluto agiert. Andre Jung überzeugt als gewiefter Schauspieler als Hans Styx nicht nur bei der Arie „Als ich noch Prinz war von Arkadien“, während Maria Theresa Ullrich als Göttergattin Juno eine glänzende Charakterstudie liefert. Esther Dierkes als Venus und Catriona Smith als Diana reissen das Publikum aufgrund ihres temperamentvollen Spiels ebenfalls mit. Max Simonischek als Mars/Bacchus, Heinz Göhrig als Merkur und Aoife Gibney als Cupido zeigen in ihren Rollen viele neue Nuancen und Facetten. Als Dämonen fesseln ferner Rosi Drodofsky, Conny Eilenstein, Tobias Laxander und Jaqueline Skupin. Mit der Solo-Violine betört Rosa Wember einmal mehr die Zuhörer. Und als Artisten beeindrucken Alice Löffler, Franziska Piwecki, Xavier Jahn und Stefanie Bloch. Christoph Heil hat den Staatsopernchor wieder souverän einstudiert.

So war der stürmische Schlussapplaus sicher.

Alexander Walther

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