Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY – verschwunden im Blumenmeer

Puccinis „Madame Butterfly“ in der Staatsoper Stuttgart

VERSCHWUNDEN IM BLUMENMEER

Wiederaufnahme von Puccinis „Madame Butterfly“ am 7. November 2017 in der Staatsoper/STUTTGART

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Karine Babajanyan. Copyright: Martin Sigmund

Der Bruch mit der Natur kommt in Monique Wagemakers Inszenierung von Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ in der Staatsoper grell zum Vorschein, obwohl die szenischen Räumlichkeiten sehr reduziert sind. Die Kluft zwischen Tradition und modernem Hightech schafft immer wieder neue Sichtweisen (Bühne: Karl Kneidl; Kostüme: Silke Willrett; Dramaturgie: Klaus Zehelein). Eine riesige Glasplatte überspannt in schräger Weise die Bühne, wir befinden uns nicht im Japan-Disneyland. Moderne Technologie wird in den Vordergrund gestellt, ein Fernsehapparat steht auf der Bühne, in dem man Cio-Cio San und den Leutnant Pinkerton abwechselnd sieht. Gruppendynamik steht immer wieder drastisch im Fokus – vor allem dann, wenn der Chor die Geisha Cio-Cio San wegen der Heirat mit dem amerikanischen Leutnant Pinkerton verflucht. Der Bruch mit der Natur kommt hier auch in den Personenkonstellationen drastisch zum Vorschein. Der Zuschauer blickt dabei wiederholt von ganz oben in die Tiefe. Nach dem Abschied von Pinkerton nimmt plötzlich ein Blumenmeer von der Bühne immer mehr Besitz. Die Kontroverse einer bestimmten Kultur mit anderen Kulturen gipfelt nicht nur im Zusammenstoß mit dem Bonzen, der Cio-Cio San von sich weist. Die Kraft des bürgerlichen Dramas wird von Puccini hier bewusst auf die Spitze getrieben – und Monique Wagemakers greift diesen Gedanken in ihrer eher schlichten und mit Stahlgerüsten arbeitenden Inszenierung ganz bewusst auf. Diese Stahlgerüste passen aber wiederum gut zur Schiffsatmosphäre des Marineleutnants Pinkerton.

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Rafael Rojas, Karine Babajanyan. Copyright: Martin Sigmund

Für Monique Wagemakers hat sich Madame Butterfly zu sehr für den einen Mann entschlossen, der sie dann enttäuschen wird. Sie hat auch eine große seelische Verletzung durch den Tod des Vaters erlitten, der sich auf Befehl des Kaisers umbringen musste. Karine Babajanyan arbeitet als Cio-Cio San diese gefühlsmäßigen Stimmungsschwankungen ausgezeichnet heraus. Ihre Brustresonanz ist nicht beengt, sondern besitzt bei den großen dramatischen Ausbrüchen eine beflügelnde Weite, die überzeugt. Man begreift, dass es zunächst aus existenziellen Gründen ihre einzige Möglichkeit war, als Geisha zu überleben. Eine ausgezeichnete Leistung zeigt auch Maria Theresa Ullrich als ihre Dienerin Suzuki, die wirklich mit ihr leidet, als die Katastrophe über Cio-Cio San mit aller Wucht hereinbricht. Maria Theresa Ullrich agiert ganz ohne störendes Vibrato, aber als Mezzosopranistin mit überaus ausdrucksstarker Tiefe. Und Rafael Rojas als Pinkerton kann sein psychisches Hin- und Hergerissensein auch gesanglich mit feurigen Spitzentönen krönen. Bei Monique Wagemakers Inszenierung spürt man unmittelbar, wie sehr Cio-Cio San all ihre Wünsche und Sehnsüchte nur auf Pinkerton konzentriert. Für Wagemakers ist „Madame Butterfly“ aber auch kein Opfer, denn sie hat sich ganz bewusst für dieses Leben entschieden. Sie erscheint in dieser Inszenierung durchaus als starke Frau. Durch Konsul Sharpless erfährt man ja auch, dass sie sich über Amerika sehr wohl erkundigt hat. Sie hat dann im Missionshaus alle Brücken abgebrochen, scheitert an dem, was sie hinter sich gelassen hat. Das gemeinsame Kind erscheint im zweiten Akt als Garant für Amerika, wird bei Wagemakers‘ Inszenierung aber auch mit moderner Technologie stark verbunden, wenn das Kind beispielsweise wie gebannt in den Fernsehapparat blickt. Erst in dem Moment, als sie im Gespräch mit Sharpless nichts mehr in der Hand hat, was sie an Pinkerton bindet, zerrt sie das Kind hervor. Die Regisseurin arbeitet zudem heraus, wie sehr Cio-Cio San aus diesem Grund das Kind vernachlässigt. Gleichzeitig haben sich Cio-Cio San und Suzuki wie Schwestern angenähert. Und Madame Butterfly ist in dieser Situation total verrückt geworden – ein Moment, den Karine Babajanyan auch gesanglich voller Klangschattierungen und mit feinen Nuancen virtuos auskostet. Sie ist im Grunde genommen davon überzeugt, dass Pinkerton nicht mehr zurückkommen wird, deswegen will sie seinen Brief auch nicht mehr lesen. Monique Wagemakers achtet bei ihrer Inszenierung vor allem auf die psychologische Gefühlslage zwischen den handelnden Akteuren, viel weniger auf Äußerlichkeiten, was nicht immer ein Vorteil ist. Doch insgesamt gewinnt das Geschehen in einzelnen Bereichen dadurch an Glaubwürdigkeit. Die Adoptiveltern Kate Pinkerton und B. F. Pinkerton sind schon auf dem Weg, um das Kind zu holen, was hier ebenfalls sehr deutlich unterstrichen wird. Man ist als Zuschauer insbesondere von der unglücklichen Begegnung von Pinkertons Frau und Cio-Cio San gefesselt. Ein weiterer Höhepunkt ist das berühmte „Blumenduett“ im zweiten Akt, das Karine Babajanyan und Maria Theresa Ullrich in wunderbarer Weise gestalten. Zudem wechselt sich ein überirdischer Chorgesang mit feinen Pizzicati-Tupfern ab.

Der Dirigent Roberto Rizzi Brignoli akzentuiert die vielen harmonischen Feinheiten der Partitur sehr deutlich, die Unisono-Passagen der einzelnen Gesangsstimmen kommen nicht zu kurz. Und die Musik korrespondiert hier immer mehr mit dem Bühnengeschehen. Die abgeschnittenen Blumen sind einfach tot, das Blumenduett mutiert zum Todesduett. Die Auftrittsmusik beim Erscheinen Fürst Yamadoris, der Cio-Cio San unbedingt heiraten möchte, gelingt Roberto Rizzi Brignoli mit erfrischender Grandezza. Antoine Foulon als Yamadori fügt sich stimmlich dabei genauso passend ein wie Ashley David Prewett als Sharpless. Diese Liebeserklärung der Butterfly mündet musikalisch in einen harmonischen Rausch, den Brignoli mit dem vorzüglich disponierten Staatsorchester Stuttgart in feuriger Art entfacht. Brio-Elemente verbinden sich fließend mit Pentatonik und Ganztonleitern, die sich in fließender Weise gegenseitig ergänzen. Der glutvolle Italiener kommt bei diesem Opernmelos zu seinem Recht. Melodischer Überschwang trifft sich stilvoll mit ostasiatischen Elementen und pastellfeiner Detailmalerei, die man auch noch mehr ausschmücken könnte. Roberto Rizzi Brignoli erreicht mit dem Staatsorchester Stuttgart aber immer wieder auch eine berührende Intensität und fieberhafte Präzision, die unter die Haut geht. Dadurch gelingen die zartesten Stimmungsakzente. Die Kluft zwischen Tradition und modernem Hightech verschäft sich nochmals am Schluss, wenn Cio-Cio San Selbstmord begeht. Die letzte Begegnung mit ihrem Kind gehört zu den bewegendsten Momenten dieser Inszenierung. In einer großen Videosequenz sieht man die Gestalt des Kindes, das auf seine Adoptiveltern wie in Trance zuzulaufen scheint und dabei immer größer wird. Alles scheint in einem Blumenmeer zu verschwinden. Christoph Heil hat den Staatsopernchor wieder einmal sehr gut einstudiert. Bei den Sängern besitzen die Vorhaltsbildungen am Phrasenende eine bestechende Deutlichkeit. Karine Babajanyan gelingt es als Butterfly immer wieder, die organische Gestaltung der Melodie in berückender Weise erstrahlen zu lassen. Und Roberto Rizzi Brignoli erreicht mit dem Staatsorchester Stuttgart Detailgenauigkeit in der harmonischen Fortschreitung in Basslinie und Akkordsubstanz. Dadurch gewinnt die motivische Gestalt bei dieser Aufführung eine klare Kontur und Deutlichkeit, die nicht nachlässt. Das kommt auch den übrigen Sängerinnen und Sängern zugute. Neben Pia Liebhäuser als Kate Pinkerton gefallen Torsten Hofmann als Goro, Nakodo, David Steffens als Priester, Daniel Kaleta als Yakuside, Stephan Storck als kaiserlicher Kommissar, Yehonatan Haimovich als Standesbeamter, Jie Zhang als Mutter Cio-Cio Sans, Claudia Votteler als Tante, Maja Tabatadze als Kusine und der Darsteller Paul Holzer als Kind. Ovationen.

Alexander Walther

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