Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: LIEDMATINEE MIT VERLEIHUNG DER „HUGO WOLF-MEDAILLE an Thomas Hampson und Wolfram Rieger

Liedmatinee mit Verleihung der Hugo-Wolf-Medaille in der Staatsoper Stuttgart

UNENDLICHKEIT DER KLANGWELT

Liedmatinee mit Verleihung der Hugo-Wolf-Medaille durch die Internationale Hugo-Wolf-Akademie am 1. Oktober in der Staatsoper/STUTTGART

In diesem Jahr wurde zum ersten Mal ein Liedduo geehrt – und zwar der Amerikaner Thomas Hampson (Bariton) und der deutsche Liedbegleiter Wolfram Rieger (Klavier). Die mitwirkende Sopranistin Anja Harteros wurde übrigens von der Zeitschrift „Opernwelt“ zur „Sängerin des Jahres“ gekürt. Eleonore Büning von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach nach einem Grußwort des Vorstandsvorsitzenden der Hugo-Wolf-Akademie, Hansjörg Bätzner, die Laudatio. Obwohl Preise immer zum falschen Zeitpunkt kommen würden, wäre dieser gerade zum rechten Zeitpunkt verliehen worden, meinte sie. Wolfram Rieger und Thomas Hampson hätten diesen Preis schon hundertfach errungen. Hampson verfüge zudem über ein riesiges Repertoire von nahezu 80 Opernrollen und könne aufgrund seines noblen Timbres und seiner „balsamischen“ Mittellage fast alles singen. Er könne deshalb auch einspringen, wenn „die Netrebko“ absage, so Büning. Den Hans Sachs könne sich Hampson bei den Bayreuther Festspielen darstellerisch gut vorstellen.

Intendantin Cornelia Weidner führte die Preisverleihung durch. Anja Harteros interpretierte mit feiner Sensibilität die Lieder „Fischerweise“, „Die Forelle“, „Schwanengesang“, „An die Laute“ und „Im Haine“ von Franz Schubert. Der thematische und harmonische Reichtum blühte so in überströmender Fülle auf. Gerade die romantische Unendlichkeit der Klangwelt machte sich in beglückender Weise bemerkbar. Aber auch die Schubertsche Schlichtheit traf Anja Harteros in bewegender Weise. Nicht weniger eindringlich gestaltete die versierte Sängerin zusammen mit dem einfühlsamen begleitenden Pianisten Wolfram Rieger dann die Lieder „Venetianisches Lied I“ und „Venetianisches Lied II“ sowie „Der Hidalgo“ von Robert Schumann. Dabei traten die geheimnisvollen harmonischen Verbindungslinien fast noch deutlicher und präziser hervor. Es kam zu einer ansprechenden motivischen Verflechtung und bemerkenswerten Verwandtschaften zwischen den Seelen und Dingen. Der Zuhörer wurde so ganz unmittelbar angesprochen. Der Zauber kurzer melodischer Formeln wurde facettenreich herausgearbeitet. Und den feingliedrigen Rhythmus traf Wolfram Rieger am Klavier sehr genau. Einfühlsame Modulationen und Liedphrasen traten in bemerkenswerter Weise hervor. Zuweilen erloschen die Klangwelten in geheimnisvoller Weise. Ausgefeilte Chromatik und irisierendes Pathos herrschten bei Hugo Wolfs Liedern „Mein Liebster singt am Haus“, „Verschwiegene Liebe“, „Verborgenheit“ und „Er ist’s“ vor, Anja Harteros‘ Gesang wurde zwischen chromatischen Auf- und Abschwüngen immer wilder und leidenschaftlicher. Insbesondere die überaus tragfähige Mittellage trat dabei imponierend hervor. Feurig fordernde Wendungen demonstrierten die seelischen Kämpfe mit verzehrender Kraft, die aber nicht nachließ. Ganz versteckt spürte man Richard Wagner als großes Vorbild. Die Melodien strömten auch bei den Liedern von Richard Strauss in geradezu überschäumender Fülle dahin. Nummern wie „Allerseelen“, „Meinem Kinde“, „Waldseligkeit“ und vor allem „Cäcilie“ besaßen in der herausragenden Interpretation von Anja Harteros und Wolfram Rieger nicht nur romantisch-schwärmerisches Gefühl, sondern auch lyrisch und melodisch weit ausgesponnende Passagen, die sich immer weiter verdichteten. Ein drängender und jauchzender Überschwang beherrschte beispielsweise auch die Zugabe „Zueignung“ von Richard Strauss, wo auch Wolfram Rieger am Klavier kluge Artikulation walten ließ. Ovationen. 

Alexander Walther    

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