Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: DIE HOCHZEIT DES FIGARO – Intrigen im Hinterzimmer. Wiederaufnahme

Wiederaufnahme Mozarts „Figaros Hochzeit“ in der Staatsoper Stuttgart

INTRIGEN IM HINTERZIMMER

Wiederaufnahme von Mozarts „Figaros Hochzeit“ am 19.3. 2017 in der Staatsoper/STUTTGART

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Lauryna Bendziunaite (Susanna), David Steffens (Figaro). Copyright: Martin Sigmund

Die Inszenierung von Nigel Lowery ist in diesem Jahr für die International Opera Awards nominiert, die am 7. Mai 2017 in London verliehen werden. Die Handlung dieser humorvollen Opernkomödie, in der ein Graf mit allen Mitteln der Kunst vorgeführt wird, wird in dieser Inszenierung zwischen Gegenwart und Vergangenheit angesiedelt. Im Hintergrund sieht man historische Gartenanlagen im Stil von Versailles. Zwischen Küche und Wohnzimmer mit Kronleuchtern erscheinen die einzelnen Protagonisten wie in einer Scheinwelt. Es wird schnell klar, dass dies auch eine politische Oper ist, die auf die Wirren der französischen Revolution hinweist. Es geht um die vollkommene Umwälzung der Verhältnisse, was nicht nur die als Putzfrau daherkommende Marcellina andeutet. Zwischen Himmelsequenzen und einem grün-schwarzen Ambiente mit Fenster und Vorhängen zerbrechen Blumentöpfe.
Man sieht Männer in der Toilette mit heruntergelassener Hose, die Frauen verstecken sich hinter großen Tüchern.

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Lauryna Bendziunaite (Susanne), David Steffens (Figaro), Gezim Myshketa . Copyright: Martin Sigmund

Das von Beaumarchais inszenierte atemberaubende Spiel der Verwechslungen, Verkleidungen, Täuschungen und verwirrenden Ereignisse überfällt den Zuschauer in dieser rasanten Inszenierung wirklich blitzartig. Die Personen werden zu Entscheidungen herausgefordert, die immer wieder von Zufällen durchkreuzt werden. Die Liebe Figaros und Susannas soll die Hochzeit erwirken. Das andere Motiv ist der erklärte Wille des Grafen, die Hochzeit zu hintertreiben und ihr die Grundlage zu entziehen. Dadurch entwickelt sich ein geradezu elektrisierendes Spannungsfeld. Zusätzliche Motive lassen die Handlung noch komplizierter werden – nämlich der Wunsch der Gräfin nach Versöhnung, nach Wiederherstellung ihrer Liebe und Cherubinos zauberhaftes Verwirrspiel, mit dem er die Absichten der Menschen durchkreuzt. Marcellina und Bartolo haben alte Rechnungen zu begleichen, der unverwüstliche Intrigant und Musiklehrer Basilio ist voll in seinem Element. Die Bühne verwandelt sich wie in einem fahrenden Zug. So sieht man in einzelnen Etappen die Wohnräume an sich vorüberziehen, zuletzt löst ein grün-schwarzes Ambiente mit Feuerfenster die leuchtkräftigen Eindrücke ab.

Der Dirigent Sylvain Cambreling lotet mit dem Staatsorchester Stuttgart hier die raffinierten Feinheiten der Partitur konsequent aus. Dies zeigt sich bereits beim Eröffnungs-Duettino Nr. 1 in G-Dur. Elektrisierend herausgearbeitet ist vor allem die Auseinandersetzung zwischen Figaro und Susanna, die ihn in seinem Meßeifer stört und buchstäblich ablenkt. Lauryna Bendziunaite als Susanna und David Steffens als Figaro sind dabei ganz in ihrem Element. Tatsächlich wird Figaro durch Susannas „Zählmotiv“ völlig aus der Bahn geworfen. Das Duett bekundet aber eindringlich die Zusammengehörigkeit der beiden. Da leisten beide Sänger wahrhaft Überzeugendes. Und der umsichtige und einfühlsame Dirigent Sylvain Cambreling unterstützt sie hier sehr emotional. Tempo und Bewegungsduktus halten sich so immer die Waage.

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Mandy Fredrich (Gräfin), Lauryna Bendziunaite. Copyright: Martin Sigmund

Die Beweglichkeit des komödiantischen Elans zeigt sich auch bei den anderen Figuren – etwa dem markanten Roland Bracht als Doktor Bartolo, Heinz Göhrig als Don Basilio und Roman Poboinyi als Don Curzio. Stimmungswechsel zeichnet Cambreling mit dem Staatsorchester minuziös nach. Durch ein Abrutschen des Basses nach g-Moll kommt eine überraschende Wendung in die Szene. Lauryna Bendziunaite demontiert als Susanna das Idyll systematisch. Wie stark Mozart die Konflikte auf der Bühne auf der Ebene musikalischer Tektonik austragen lässt, lassen außerdem Maria Theresa Ullrich als Marcellina, Mandy Fredrich als Gräfin Almaviva und natürlich Gezim Myshketa als Graf Almaviva in ganz ausgezeichneter Weise deutlich werden. Da gibt es regelrechte kontrapunktische Explosionen, die den Zuhörer erschüttern.

Die Geistesgegenwart der Personen zeichnet der Regisseur Nigel Lowery facettenreich nach. Jedes Tongebilde erhält hier neue Dimensionen der Empfindung – so beispielsweise das „Glockenmotiv“ oder der Schluss des Kernmotivs. Dass die Ensembles die Schwerpunkte bei Mozarts Oper „Figaros Hochzeit“ spielen, macht diese Wiederaufnahme in hervorragender Weise deutlich. Rebecca Bienek und Nina Dudek gestalten dabei die szenische Leitung der Wiederaufnahme sehr konsequent. Die Handlung, die aus vielen komplizierten Fäden gewebt ist, gleicht einem atemlosen Tanz, in den sich auch der von Christoph Heil vorzüglich einstudierte Chor nahtlos einfügt. Esther Dierkes als Barbarina, Mark Munkittrick als Antonio und Silvia Kaiser und Simone Jackel als Blumenmädchen ergänzen dieses Meisterensemble mit Grandezza und Nonchalance. So fügt sich das Mosaik zu einem feurigen Kosmos zusammen, Mozarts „Jupiter-Sinfonie“ lässt grüßen.

Was die szenische Umsetzung oft nicht leistet, macht die musikalische Qualität der Aufführung wett. Gut gelungen ist hier auch die Wiederkehr des Huldigungs-Chors, dem die Ablehnung des Grafen vorausgeht. Dieser verzichtet plötzlich auf all seine Privilegien – diesen satirischen Blick auf den Adel zeichnet Nigel Lowery grell nach. Wunderbar gelingt dem famosen Ensemble auch das Finale des zweiten Aktes mit dem tänzerischen Allegro-Satz im Dreiachteltakt („Signori di fuori/Son gia i suonatori“) . Und der Schluss des ersten Aktes mit Figaros berühmter Arie „Non piu andrai“ zieht alle Personen in den unentrinnbaren Strudel der Marschbewegung. David Steffens hat hier seinen großen Auftritt. Auch dynamisch ertönt das Signal zu einem großen Aufbruch. Idunnu Münch erscheint in der Rolle des Cherubino als erotischer Hitzkopf, dessen Feuereifer kaum zu löschen ist. Sehr gut gestaltet Sylvain Cambreling auch den Marsch des Hochzeitszuges im dritten Akt. Hier triumphiert der Fandango in tänzerischer Bewegungskraft – und tänzerisch entfaltet sich auch der maßlose Zauber der Intrige. Ein polyphon durchwirkter Satz fesselt die Zuhörer mit federnder Dynamik und Espressivo. Esther Dierkes als Barbarina kann der pastoralen Siciliano-Struktur ihrer Cavatina glühende Leuchtkraft verleihen.

Bei den meisten Sängern dieser insgesamt überzeugenden Wiederaufnahme zeigt sich viel Sinn für eine bewegliche Parlando-Diktion. Der Wechsel der Motive belebt hier die strukturelle Dynamik der einzelnen Glieder. Der konkrete szenische Raum wird mit bestimmender Bewegung erfüllt (Hammerklavier: Alan Hamilton). Großer Jubel.

Alexander Walther

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