Der Neue Merker

STUTTGART/ Staatsoper: 425 JAHRE STAATSORCHESTER STUTTGART. Viele harmonische Überraschungen

425 Jahre Staatsorchester Stuttgart „So klingt Vielfalt!“ am 1. Januar 2018 in der Staatsoper Stuttgart

VIELE HARMONISCHE ÜBERRASCHUNGEN

Man könne ein junges Orchester feiern, dass aufgrund seines hohen Alters auch Bewahrer der Tradition geblieben sei, meinte Intendant Jossi Wieler in seiner Jubiläumsansprache. Stilistische Vielfalt dominierte bei diesem glanzvollen Jubiläums-Staatsorchesterkonzert unter der elektrisierenden Leitung von Sylvain Cambreling, der gleich beim Vorspiel zum dritten Akt der Oper „Lohengrin“ von Richard Wagner mit der rhythmisch einprägsamen Melodie aufwühlende Akzente setzte. Man ahnte so schon das Brautlied, das danach für das junge Paar Elsa und Lohengrin gesungen wird. Insbesondere die leitmotivische Arbeit stach hier klar hervor.

Einen ähnlich positiven Eindruck erhielt man von der ungestümen Wiedergabe der Ouvertüre zu „Die Macht des Schicksals“ von Giuseppe Verdi, wo die leidenschaftlich drängenden Orchesterpassagen überzeugend herausgearbeitet wurden. Und die „Agitato“-Gesten verwiesen auf die zerrissenen Seelen der Liebenden. Stimmungen, Farben und Empfindungen erfüllten diese Wiedergabe mit starkem Leben. Das Schicksalsmotiv behauptete sich mit eherner Macht.

Mandy Fredrich (Sopran) interpretierte dann mit weichem Timbre und leuchtkräftigen Kantilenen die Arie „Nehmt meinen Dank, ihr holden Gönner“ KV 383 aus dem Jahre 1782 von Wolfgang Amadeus Mozart. Zupfende Streicher und reine Bläserklänge begleiteten die Singstimme hier mit einfühlsamem Glanz, wodurch Mandy Fredrichs Gesang ein noch größeres Ausdrucksvolumen gewann, das sich immer mehr steigerte. Hervorragend war auch ihre geradezu sphärenhafte Wiedergabe des „Liebeshymnus“ op. 32 Nr. 3 (1897) von Richard Strauss, den er für seine zukünftige Frau als Hochzeitsgeschenk komponierte. Vollendete klangliche Ausgewogenheit und feine dynamische Balance kennzeichneten hier Mandy Fredrichs Interpretation, deren breite melodische Entladungen von ergreifender und bewegender Wirkung waren. Und das Staatsorchester Stuttgart begleitete die Sängerin mit dezenter Zurückhaltung.

Naturgewalt und Erotik gleichermaßen beherrschten „Königliche Jagd und Sturm“ aus der Oper „Die Trojaner“ von Hector Berlioz, wo mythische Naturwesen wie Faune und Nymphen der jagenden Königin Dido und dem trojanischen Helden Aeneas einen fulminanten Begleitschutz gaben. Beim großen Tutti-Schlag des Orchesters überwältigten die Naturgewalten das Paar mit unmittelbarer Kraft.

Eine große und auch angenehme Überraschung war dann die Uraufführung des „Marche fatale“, den der Stuttgarter Komponist Helmut Lachenmann 2016/17 eigens als Auftragswerk für die Oper Stuttgart schrieb. Ungewöhnlich tonal und stilsicher präsentiert sich Lachenmann bei diesem äusserst raffiniert instrumentierten Werk, das auch mit einer meisterhaften Collagentechnik arbeitet, wobei Trompetenfanfaren und Trommelwirbel den ironischen Charakter dieses Marsches in Es-Dur treffend charakterisieren. Der Avantgardist und Verweigerer Helmut Lachenmann beschäftigt sich auch hier mit einer reizvollen „Polyphonie von Anordnungen“, aber auf ganz andere Weise als in seinen früheren Werken. Es ist ein positiver Rückfall in die Tradition, deren Kunstfertigkeiten aber auch persifliert werden. Das Staatsorchester Stuttgart musizierte unter der impulsiven Leitung von Sylvain Cambreling mit nie nachlassender Emphase und explosiver Musizierlust, deren unmittelbares Feuer nicht nachließ. Die Marsch-Melodie wurde immer wieder von Gegenstimmen durchkreuzt und von rhythmischen Figuren angegriffen und zersetzt. Zuweilen dachte man sogar an Mauricio Kagels „Märsche, um den Sieg zu verfehlen“, strukturelle Prozesse gemahnten aber auch ganz versteckt an Erich Wolfgang Korngold oder Richard Strauss. Aber bei Lachenmann steht bei dieser Komposition eindeutig die Befreiung des Menschen aus seinen sozialen Fesseln im Vordergrund – das Schluss-Fortissimo mitsamt dem mit dem Finger schnippenden Dirigenten lässt die Klänge als offene Frage im Raum stehen. Es war eine ausgezeichnete Uraufführung, für die der anwesende Komponist Ovationen des Publikums erhielt.

Zum Abschluss begeisterte noch die imposante und zugleich wuchtige Interpretation von Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 5 in c-Moll op. 67 von Ludwig van Beethoven, wobei die Wiedergabe des letzten Satzes aufgrund seiner Bläser-Präsenz eindeutig hervorstach. Alles begann in düsterem c-Moll und endete in jubelnd-hellem C-Dur-Taumel. Die Sinnfälligkeit der scheinbar einfachen Themen arbeitete Cambreling mit dem Staatsorchester Stuttgart facettenreich heraus. Vor allem die schicksalhafte Wucht des Kopfthemas blieb so im Gedächtnis. Die Violinen fingen den schroffen Hornruf geschickt auf und antworteten mit einer milden Phrase, die in Flöten und Klarinetten ihr sphärenhaftes Echo fand. Der elementare Rhythmus behauptete sich mit eherner Macht. Zuversichtlicher Ernst beherrschte dann das Gesangsthema des zweiten Satzes, an dem sich die ausdrucksvollen Variationen des zweiten Satzes Andante con moto orientierten. Im Bass erklang unheimlich der schicksalhafte Viererrhythmus nach. Im dritten Scherzo-Satz meldete sich bereits in geheimnisvoller Weise das Allegro-Finale, die drängend aufsteigende Folge der Dreiklangstöne wirkte zuweilen fast gespenstisch. Und die Hörner betonten markant den Viererrhythmus. Eine Dur-Episode leitete ungestüm die Fugato-Stimmung ein. Der unheimliche Rhythmus verstärkte seine Intensität immer mehr – und Sylvain Cambreling kostete die atemlose Dur-Ekstase mit dem Staatsorchester voll aus. Die Macht des Rhythmus zerbrach schließlich beim Klang der dritten Fanfare – und die Hörner lösten gnadenlos das Fagott ab. Grandios gestaltet war zuletzt der unbeschreibliche Jubel über dem Viererrhythmus. Frenetischer Schlussapplaus des Publikums.

Alexander Walther

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