Der Neue Merker

STUTTGART: SCHWANENSEE – Ballett – Variante 4

Stuttgarter Ballett: „SCHWANENSEE“ 23.12. – Variante 4:

So rar ihre Auftritte sind, von so seltener Feinheit ist ihre künstlerische Größe: Maria Eichwalds Stuttgarter Debut in der Doppelrolle Odette/Odile geriet einen Tag vor Weihnachten zu einem wahren Fest an erlesener Ballettkunst, deren so vollkommener Beherrschung allenthalben nur Faszination und Bewunderung entgegengebracht werden kann. Ihren weißen Schwan umgibt jenen Anflug von Kühlheit und einer gewissen Distanz, die aus tiefer Verletzung durch Untreue geboren ist und ihren Bewegungen bei aller makellosen Balance eine leichte Nervosität verleiht. Da gibt es keine noch so schwierige Spitzen-Sequenz, die sich erst einrenken muss, alles atmet die Schwerelosigkeit eines gefiederten Wesens. Umso kontrastreicher wirkt ihr Schwarzer Schwan auf Siegfried und die Zuschauer, wenn mit einem Schlag alle Unnahbarkeit von ihr gewichen ist und der ganze Stolz und die Verführbarkeit dieser Schwanen-Frau mit bestechender Ausstrahlung zum Tragen kommt. Und dies mit einer spielerischen Flexibilität, die sich mit ihrer scheinbaren technischen Grenzenlosigkeit deckt. Der virtuose Pas de deux im dritten Akt erhält durch zahlreiche explizit erweiterte und stets fließend in die Choreographie eingebundene Spitzen-Positionen, gekrönt von leicht bewältigten Fouettés in der Coda, ein verblüffend neues Erscheinungsbild, ohne deshalb zur reinen Selbstzweck-Bravour auszuarten. Im letzten Akt weitet sich ihre Kunst noch zu jener tragischen Größe, die Cranko seiner Choreographie dramaturgisch einverleibt hat. Mit verdient großem Jubel und Trampeln eines erfreulich jungen Publikums, wie er auch in Stuttgart eher selten ist, wurde Maria Eichwald gefeiert, und so manche/r fragte sich, warum sie mit diesen außerordentlichen Vorzeige-Qualitäten nicht die mehr im Mittelpunkt stehende Wiederaufnahme-Vorstellung am 1.Dezember bekommen hatte.

In Jason Reilly hatte sie als Siegfried einen dankbaren Partner, der ihr einerseits viel Fürsorglichkeit und zusätzliche Sicherheit entgegenbrachte, und andererseits trotz einem ihrer ausserordentlichen klassischen Güte nicht ebenbürtigen technischen Vermögen eine Gewinn bringende Figur machte – weil er im Bewusstsein eines Anti-Prinzen-Typs und einer bekannt nicht so großen Liebe zu diesem Rollen-Charakter dennoch seine ganze Professionalität einsetzte und mit jungenhafter Ausstrahlung zwischen Fröhlichkeit und tiefer Empfindung, am Ende mit berührender Trauer und einer glaubhaft gebrochenen Seele, viel Sympathie ernten konnte.

Damiano Pettenella ist ein Rotbart, der nicht nur aufgrund seines wehenden schwarzen Umhangs, sondern auch mit seinem ganzen Körpereinsatz Furcht erregenden Zauber erweckte. Lieblichen Zauber verströmte hingegen Christina Burnell im zudem prickelnd temperamentvoll angeführten Russischen Tanz.

So wie Wolfgang Heinz das Staatsorchester Stuttgart nach nun ausgeglichenen Unstimmigkeiten zu einer lebhaft frischen, stimmungsvollen und rhythmisch ausgekosteten Wiedergabe von Tschaikowskys Musik antreibt, lohnt es sich nun auch rundum, diesem „Schwanensee“ zu lauschen. Also ein doppeltes Vergnügen.

Udo Klebes

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