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STUTTGART/ Schauspielhaus: „LOLITA“ von Vladimir Nabokov. Momente einer unmöglichen Liebe

 „Lolita“ im Schauspielhaus Stuttgart: MOMENTE EINER UNMÖGLICHEN LIEBE

Lolita“ von Vladimir Nabokov am 11. November 2016 im Schauspielhaus/STUTTGART

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Svenja Liesau. Copyright: Conny Mirbach

Das Buch „Lolita“ von Vladimir Nabokov war ein internationaler Skandal, der 1953 hohe Wellen schlug. Pornografie-Vorwürfe begleiteten den Roman ebenso wie die Zensur verschiedener Ministerien. Die fiktive Lebensbeichte des Protagonisten Humbert, dessen Leidenschaft sich auf Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren richtet, gipfelt in Humberts Beziehung zu „Lolita“. Um in ihrer Nähe zu bleiben, heiratet er Lolitas Mutter, verursacht unbewusst deren Tod durch ein heranrasendes Auto und begibt sich dann mit seiner Kindfrau auf eine abenteuerliche Flucht quer durch die USA. Der Regisseur Christopher Rüping hat für seine nicht immer plausible Inszenierung Nabokovs Drehbuch-Fassung des Stoffes verwendet, die durch zahlreiche Schnitte auffällt. Die Bühne von Jonathan Mertz ist mit Holzgerüsten geradezu übersät und zerklüftet.

Diese Geschichte unschuldiger Liebe kann sich hier nämlich kaum richtig entfalten, alles verläuft allzu lärmend und zuweilen auch klamaukhaft. Und trotzdem gibt es Momente, die szenisch gelungen sind. Humbert Humbert wirbt in der intensiven Darstellung von Peer Oscar Musinowski um Verständnis für sich selbst. Dessen obsessive Begierde nach sogenannten „Nymphetten“ kommt alptraumhaft über die Rampe, denn die jungen Mädchen schießen wie Pilze aus dem Boden und erscheinen in mehrfacher Ausfertigung (weitgehend überzeugend: Malwine Lauxmann, Jana Neumann). Zuletzt schlüpft sogar die „Mutter“ Julischka Eichel in die verführerische „Lolita“-Pose. „Lolita“ ist auch in der Drehbuch-Fassung ein virtuoser Roman, der von einem Ich-Erzähler berichtet, dessen Aufzeichnungen ein Psychiater präsentiert, der von einem Autor erfunden wurde. Als die von Julischka Eichel durchaus wandlungsfähig gemimte junge Witwe Charlotte Haze den Sommergast Humbert Humbert empfängt (der inzwischen Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft ist), kommt eine unglaubliche Geschichte ins Rollen, die der Regisseur Christopher Rüping facettenreich auffächert und zuweilen raffiniert variiert, indem er die Figuren in mehrere weitere Personen aufspaltet. Das Ganze besitzt im Grunde genommen einen leicht schizophrenen Charakterzug, der jedoch gewollt ist. Charlottes Tochter Dolores Haze löst bei Humbert Humbert auch hier einen „Schock bleibender Verzauberung“ aus. Humbert ist jetzt 36 Jahre alt, Dolores erst zwölfeinhalb Jahre. Die Mutter Charlotte macht Humbert Humbert einen Heiratsantrag, den dieser bereitwillig annimmt. Es sind nicht nur hier Momente einer unmöglichen Liebe, denn der Literaturwissenschaftler ist den Frauen eigentlich nicht gewachsen und scheitert bei der sexuellen Realisierung. Lolita ist hier eben nicht die „Kraft seiner Lenden“, sondern lässt ihn zum erotischen Versager werden. Die Männer verwandeln sich in Hühner und machen den jungen Mädchen Avancen, die jedoch fruchtlos verpuffen. Paul Grill als Ausbilder, Mr. Potts und Charlie sowie Matti Krause als Maximowitsch, Ausbilder und Mr. Swoon liefern teilweise köstliche Charakterstudien, die beim Publikum ankommen.

Man erfährt bei dieser Inszenierung auf jeden Fall, wie schwierig es für einen älteren Mann ist, sich in die Seele eines jungen Mädchens hineinzuversetzen. Gleichzeitig leidet „Humbert Humbert“ schwer unter dem Verlust seiner Kinderliebe Annabel. Svenja Liesau bietet als Mrs. Richard F. Schiller dann eine weitere interessante „Lolita“-Variante. Sie löst bei den Männern nämlich ein „Lolita“-Suchfieber aus. In zahlreichen Video-Sequenzen werden die vielen verrückten Autofahrten von „Humbert Humbert“ und Lolita präsentiert. Das Auto mutiert hier fast zu einer Art Ablenkungsmanöver, um sich vom eigentlichen Beziehungsstress zu erholen. Das Drehbuch erweist sich so als labyrinthisches Konstrukt, aus dem es zuletzt keinen Ausweg mehr gibt. Das Problem des Literaturwissenschaftlers ist, dass er die Mutter nur geheiratet hat, um die Tochter zu begehren. Die erste gemeinsam verbrachte Nacht im Hotel „Zu den verzauberten Jägern“ markiert hier den Beginn einer endlosen Irrfahrt quer durch die Vereinigten Staaten. Eifersucht, Gewalt und Obsession bekommt der Regisseur Christopher Rüping aber nicht immer gut in den Griff. Die Kostüme von Lene Schwind unterstreichen eher die klamaukhaften Akzente. Christoph Harts Musik passt recht überzeugend zu den einzelnen Szenen, die sich immer mehr aufspalten. Andreas Leupold als Dr. John Ray vermag „Humbert Humbert“ ebenfalls nicht zu helfen, als dieser langsam in eine schwere Psychose schlittert. Humbert und Lolita begegnen sich schließlich zum letzten Mal. Das Wiedersehen ist absolut trostlos. Sie bittet ihn schließlich um Geld, um mit ihrem jetzigen Ehemann Dick ein neues Leben beginnen zu können. Und er bittet sie darum, für immer bei ihm zu bleiben. Sie stirbt zuletzt im Kindbett, er in der Klinik.

In Rüpings Inszenierung erschießen sich die Protagonisten gegenseitig, alles wird ausgelöscht. Das mag für manche unlogisch sein, hat in diesem Zusammenhang aber seine Berechtigung. Nach Schnitten, Szenen, Kamerafahrten und Anweisungen für die Darsteller kommt es zu einem toten Punkt, die Scheibe auf der Bühne hört sich plötzlich auf zu drehen, alles steht still. Es ist kein Laut mehr zu vernehmen – und das Licht geht aus. Alles in allem ist diese Inszenierung eine Arbeit mit vielen Schwächen, aber auch szenischen Stärken.

Alexander Walther

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