Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: KASIMIR UND KAROLINE von Ödön von Horvath. Die Dämonie ist präsent

„Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath im Schauspielhaus Stuttgart

DIE DÄMONIE IST PRÄSENT

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Manja Kuhl (Karoline), Peer Oscar Musinowski (Kasimir). Copyright: Thomas Aurin

Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“ am 23. Mai 2017 im Schauspielhaus/STUTTGART

Die Liebe höret nimmer auf...“ Dieses Bibelzitat aus dem ersten Korintherbrief hat Ödön von Horvath seinem Volksstück „Kasimir und Karoline“ als Motto vorangestellt. Aber der Regisseur Stefan Pucher arbeitet die Doppelbödigkeit dieser Erkenntnis in seiner Inszenierung plastisch heraus. Ein Klima der Gewalt liegt über der Oktoberfestwiese, man sieht per Video den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bei der Bücherverbrennung zwischen Nazi-Flaggen, in Bayreuth empfängt Winifred Wagner den „Führer“ Adolf Hitler. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit und die Konjunktur bricht ein. Das steigert die Popularität der Nazis, je aggressiver die Menschen werden. In Videosequenzen von Meika Dresenkamp sieht man den großen Zeppelin am Horizont vorüberziehen. Peer Oscar Musinowski mimt den Chauffeur Kasimir überzeugend, der mit den Verhältnissen nur schwer zurechtkommt. Nachdem er entlassen wurde, muss er wieder aufs Arbeitsamt. Mit seiner Braut Karoline will er sich amüsieren. Manja Kuhl spielt Karoline als durchaus verletzliches Geschöpf, das Kasimir aber auch Widerstand entgegensetzt. Die beiden sind trotz allem kein ideales Paar, was sich im Laufe der Handlung immer stärker herausstellt. Sie möchte Eis essen und mit der Achterbahn fahren – und Kasimir hat zu wenig Geld: „Heut sauf ich mich an und dann häng ich mich auf.“ Und die umtriebige Karoline lernt plötzlich den windigen Angestellten Eugen Schürzinger kennen, den Paul Grill teils naiv und teils draufgängerisch verkörpert. Auf jeden Fall liegt jetzt eine explosive Stimmung in der Luft, die der Regisseur Stefan Pucher gut einfängt. Auch die Bühne von Stephane Laime kommt ihm dabei zu Hilfe. Zunächst sieht man einen Horizont aus weißen Luftballons, die schließlich allesamt hochgezogen werden und einer riesigen roten Achterbahn Platz machen. Schürzinger entpuppt sich schließlich als erbärmlicher Bonvivant, der Karoline an seinen cholerischen Chef, den Kommerzienrat Rauch, weiterreicht, den Andreas Leupold sehr emotional spielt. Der trennt sich von Karoline mit einem wüsten Tobsuchtsanfall: „Diese Sauweiber. Nicht mit der Feuerzange. Dreckiges Pack. Ausrotten. Ausrotten – alle!“

Als Karoline wieder ihren Kasimir sucht, gelingen Stefan Pucher bewegende Szenen. Doch bei diesem sitzt jetzt Erna, der Sandra Gerling sehr starke Präsenz gibt. Sie hat den Merkl Franz (eindringlich: Felix Mühlen) einfach verlassen. Zärtlichkeit und Brutalität stehen hier dicht beieinander. Karoline hat sich geirrt: „Das Leben ist hart und eine Frau, die wo was erreichen will, muss einen einflussreichen Mann immer bei seinem Gefühlsleben packen.“ Karoline schließt sich schließlich Schürzinger an, der sie mit sich fortführt. Mit seiner Naivität nimmt er Karoline für sich ein: „Sie werden mich schon gleich verstehen. Nehmen wir an, Sie lieben einen Mann...“ Manja Kuhl als Karoline kann überzeugend ihre eigentlich pessimistische Haltung verdeutlichen: „Die Menschen sind halt überall schlechte Menschen.“ Trotzdem kann Schürzinger mit seinem Propagandawissen Karoline letztendlich für sich gewinnen.

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Peer Oscar Musinowski (Kasimir), Manja Kuhl (Karoline). Unten Horst Kotterba, Andreas Leupold, Paul Grill. Copyright: Thomas Aurin

Präsent ist in dieser Inszenierung immer wieder in unheimlicher Weise der Rechtspopulismus mit seiner unergründlichen Dämonie, der die Menschen nahezu auffrisst. Auch der von Horst Kotterba mit Kasernenhofton dargestellte Speer ist von diesem Virus befallen. Als Karoline triumphierend in das Auto des Chefs steigt, hat sie der verräterische Zeitgeist ebenfalls um den Finger gewickelt. Die Figuren agieren hier wie hilflose Marionetten, die sich nicht mehr zu helfen wissen. Auch spürt man die Welt von Ödön von Horvaths satirischem Roman „Der ewige Spießer“, weil die Protagonisten sich in einem unentwirrbaren gutbürgerlichen Spinnennetz verfangen und eigentlich darin zugrundegehen. So sinniert Karoline vor sich hin: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen –…“ Kasimir schließt sich Erna an, wobei man nicht weiß, ob aus dieser Beziehung wirklich etwas wird. Die Personen leben ganz in ihren kleinen und großen Träumen. Dem Traum vom Fliegen hat sich Karoline sofort hingegeben, sie schwärmt geradezu vom „Zeppelin am Horizont“, den man gleich zu Beginn in historischen Aufnahmen sieht. Hinzu kommt die spannungsvolle Live-Musik von Meike Boltersdorf, Reka Csiszer und Ekkehard Rössle (Musik: Christopher Uhe; Choreographie: Sebastian Henn).

Die Kostüme von Marysol del Castillo sind großteils schwarz und weiß gehalten. Eine gewichtige Rolle kommt auch der Statisterie zu. Benjamin Stedler (Ausrufer, Sanitäter), Tristan Tornarolli (Maria), Daniel Gäfgen (Elli), Simon Paolo Rojas-Vasquez (Polizist), Alexander Wiedmann (Arzt) sowie Jan Elm, Efe Günendi, Thanh Nhi Maisch, Daniel Stastny, Julian Tresowski, Sean Voigt, Niklas Weise und Björn Lorenz (Live-Kamera) gewinnen Präsenz. Männer erscheinen als Transvestiten und verursachen damit vor allem bei Speer einen psychischen Zusammenbruch in Großaufnahme. Das Gefühlswirrwarr könnte nicht gößer sein. Trotz mancher szenischer Brüche zeigt die Inszenierung einen roten Faden, der die Personen zuweilen in geheimnisvoller Weise miteinander verbindet. Das ist die Stärke von Stefan Puchers Inszenierung. „Alle meine Stücke sind Tragödien“, meinte Ödön von Horvath im Zusammenhang mit „Kasimir und Karoline“: „Sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind“. Genau diesen Aspekt hat Pucher sehr gut berücksichtigt.

So gab es am Ende durchaus begeisterten Schlussapplaus für ein insgesamt starkes Team.

Alexander Walther

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